Gastbeitrag Prof. Peter Hennicke

„Zentral oder dezentral“: Ist das die Frage?


Von Professor Peter Hennicke

Zentral oder dezentral? Das bedeutete bisher eine Entscheidung zwischen Kohle- oder Atomkraftwerke und Wind, Sonne und Kraft-Wärme-Kopplung. Für viele Menschen ist die Antwort klar: „Dezentral“ ist ökologischer, reduziert Risiken, macht unabhängiger von Konzernmacht, fördert Innovationen, Wettbewerb und Demokratie. Und es ermöglicht im Süden Zugang zu Energie – ein Beitrag zur Armutsbekämpfung. Immer mehr Menschen finden Windkraftwerke oder Photovoltaik cool, auch wenn einige Natur- und Denkmalschützer das anders sehen.

„Energieautonomie“ wird dadurch zu einer realistischen Perspektive: nicht für Städte und Industrieregionen, aber für viele Dörfer und Kleinstädte. Energie wird teilweise „re-vergesellschaftet“, kehrt in modernster Form in die Mitte und unter die Kontrolle der Gesellschaft zurück. Ein Biogas-betriebenes Blockheizkraftwerk verwendet regionale Abfallstoffe oder Mais aus nachhaltigem Anbau, die Wärme wird über ein Nahwärmenetz in Niedrigenergiehäuser geliefert und der Strom – dank EEG – rentabel ins Netz eingespeist. „SchwarmStrom“ (nach dem Konzept von LichtBlick und VW) aus der optimierten gemeinsamen Nutzung von Mini-Kraftwerken (auf Basis von Erd- oder Biogas) ist ein faszinierendes High-Tech-Konzept, kann Lastschwankungen ausgleichen und von marktbeherrschenden Konzernen unabhängiger machen.

Ist also die „Weltmacht Energie“ (Hennicke/Müller 2005) am Ende, bricht das goldene Zeitalter der Dezentralität jetzt an, in dem uns die „Sonne keine Rechnung schickt“?

Die Antwort ist: Träume und Visionen sind erwünscht, aber nur wenn man die Realität nicht vergisst. Das gilt heute und erst recht für neun Milliarden Menschen in Zukunft, die alle mehr Lebensqualität und damit auch mehr Energiedienstleistungen (nicht Kilowattstunden!) brauchen.

Dem „Faktencheck“ muss sich der „dezentrale Wunschtraum“ genauso wie der „zentrale Albtraum“ stellen. Das weltweit (noch) vorherrschende technisch-betriebswirtschaftliche Leitbild in der leitungsgebundenen Energiewirtschaft ist „zentral“, manche sagen „so zentral wie möglich“. Das gilt für das Investitionsportfolio der deutschen Stromkonzerne, genauso wie für die Energiekonzerne in China, Indien, Brasilien oder anderswo. Mit der Größe von fossilen und nuklearen Kraftwerken und mit Großverbundsystemen für Strom, Erdöl und Erdgas waren Jahrzehnte lang Kostenvorteile verbunden, „economies of scale“ wie es Student(inn)en der Ökonomie und Technik als scheinbares „Naturgesetz“ beigebracht wird. Großtechnik hat seit gut einem Jahrhundert für eine Minderheit der Weltbevölkerung ungeahnten Wohlstand ermöglicht, aber Armut in der Welt eher begünstigt und bedrohliche Risiken verstärkt: Beschleunigter Klimawandel, mehr Ressourcenkriege und nukleare Katastrophen. Offensichtlich ist dies ein Weg, den die Weltgesellschaft nicht länger verfolgen darf, auch wenn die  multinationalen Konzerne, die „Weltmacht Energie“, ihn mancherorts noch vehement verteidigen.

Also gilt doch „small is beautiful“? So einfach ist das nicht: Erstens ist die „Sonnenenergiewirtschaft“ ohne eine „Effizienzrevolution“ nicht realitätstüchtig. Der scheinbare Gegensatz „dezentral“ vs. „zentral“ betrifft häufig nur das Energieangebot und nicht die rationelle Energienutzung, auch wenn Dezentralität und Energieeffizienz zum Beispiel bei der Kraft-Wärme-Kopplung oder durch mehr Achtsamkeit beim Energieverbrauch besser zusammenpassen. Ungelöst bleibt daher zweitens das generelle Problem, wie unnötiger Energieeinsatz durch rationelle Energienutzung und Energiesparen gänzlich vermieden werden können. Darüber wird viel geredet, aber zu wenig getan. Eine strategische Energieeffizienzinitiative fehlt. Sie muss, um das Klimaziel zu erreichen, so angelegt sein, dass 50 Prozent des heutigen, unnötigen Energieverbrauchs in Deutschland bis 2050 vermieden werden, was technisch mit heute verfügbarer Hocheffizienztechnik möglich ist.

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    Manfred Richey
    schrieb am 03.12.2009 um 09:52
    DESERTEC - Strom aus der Wüste Erdöl und Erdgas werden immer teurer, sind umweltschädlich und machen uns in hohem Maße abhängig. Russland dreht da schon mal den Gashahn zu, wenn nicht genügend 'Kohle' rüberkommt. Nun soll DESERTEC uns 'retten' - mit einer 'fairen Entwicklungspartnerschaft...
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    philaleth
    schrieb am 26.11.2009 um 09:16
    Zur zwingend notwendig ungefährlichen und stetigen Energieversorgung aller Bevölkerungen gilt es, ein hinderndes Tabu in der Form des unbewiesenen ersten Hauptsatzes der Thermodynamik (Beweismangel wird von jedem Physiker bestätigt) zu brechen. Einstein konstatierte, dass es zwei unendliche Dinge...
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