Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopist "Hannilein" im Interview

Ein Solarteur auf Sardinien

Utopist „Hannilein“ ist ein Pionier in der Solarbranche und als Experte auch in der Utopia Community sehr gefragt. Im Interview erzählt der zeitweilige Pendler von den Vor- und Nachteilen des Lebens auf Sardinien und wie es um das ökologische Bewusstsein dort bestellt ist. Zudem erklärt uns der erfahrene Solar-Installateur, weshalb Entsorgung und Recycling bei Solaranlagen nur ein vermeintliches Problem darstellen.


Utopia: Wenn ich richtig informiert bin, lebst du zumindest zeitweise auf Sardinien. Wie kam es dazu?

Hannilein: Ja, der Süden hat es mir schon seit Jahrzehnten angetan. Ende der Achtziger wollte ich unbedingt nach Hellas "aussteigen" und weit über zehn Jahre lang war das auch unser dauerhafter Plan. Doch zur Jahrtausendwende, als die Möglichkeiten dafür endlich gegeben waren, änderte sich nicht nur vor Ort sehr viel zum Negativen. Auch meine vorher begonnene Selbständigkeit eröffnete neue Perspektiven und auch Sichtweisen. Aufgrund von Empfehlungen "probierten" wir einmal das für uns noch völlig unbekannte Sardinien und schon im Jahr darauf kauften wir ein unerschlossenes Grundstück. Die Feinheiten waren uns noch nicht bekannt, und somit sahen wir kaum einen Unterschied bei Wetter, Klima und Landschaft. Es lag auch ein großer Vorteil in der viel näheren Lage - auch für die Firmen-Entwicklung. Um Energie und Kosten zu sparen, haben wir immer seltenere, dafür längere, Aufenthalte dort verbracht - meist zwei bis vier Monate.  

Was genießt du an Sardinien am meisten?

Hannilein: Ich genieße vor allem die Natur, manchmal auch das Wetter/Klima und die Freiheiten, die ich mir dort nehme(n kann). Mein Tagesablauf ist zwar hier wie dort sehr ähnlich, doch auf der Insel gönne ich mir einfach über den Tag häufiger Auszeiten - auf dem Grundstück, in den Bergen oder auch mal am Strand. Beim diesjährigen zweimonatigen Frühjahrs-Aufenthalt bis Ende Juni war ich allerdings nur acht Mal am Meer - und nur dreimal drinnen.

Vermisst du etwas aus deiner Heimat, wenn du dort bist?

Hannilein: Je länger der Aufenthalt dauert, umso mehr fehlen mir: Manche (Bio)-Speisen, richtiges Brot, Getränke (die wir aber auch häufiger im Transporter mitnehmen), vor allem aber Kultur. Rock-Konzerte & Co. besuche ich dann immer in Deutschland. Mit den Jahren habe ich erkannt, dass Deutschland mit all seinen Macken sehr viel besser ist als sein Ruf. Die Menschen, die Landschaften und auch das Klima müssen sich nicht verstecken. Wer es in Deutschland nicht mehr aushält, hat meist auch andernorts Probleme.

Auf der Insel vermisse ich einen rücksichtsvollen Umgang mit Mensch, Natur, Tieren, Ressourcen und ein Lernen aus den Fehlern, die andere schon lange gemacht haben. Das ist, ähnlich wie in ganz Südeuropa, eine wirklich schlimme Sache. Man vergeudet Unmengen von Wasser und Energie, verursacht jährlich zigtausende von Bränden, rodet die Natur für nicht mehr benötigte Neubauten und Straßen ins Leere, kanalisiert Bäche, kippt seinen Müll in die Schluchten und findet sich mit fast allem ab - auch den stumpfsinnigen TV-Sendungen, die dort überall nonstop laufen. Wenn wir einen winterlichen Aufenthalt haben, vermisse ich manchmal die eigene Unbekümmertheit bzgl. der Energie-Nutzung. Haben wir 3 Tage Dunkelheit und kaum Wind, kann man nicht so einfach den Backofen anschmeißen. Andererseits sollte das der Durchschnitts-Verbraucher auch mal erleben, dass Strom, Wasser & Co. nicht nonstop, ohne jegliche Vorleistung, zur Verfügung stehen.

Wie ist es um die Solarenergie auf Sardinien bestellt? Musst du dort noch viel Aufklärungsarbeit leisten?

Hannilein: Ich bin ja an das Bohren dicker Bretter gewöhnt, doch auf Sardinien ist das Stahlbeton. Nach Erlangung dieser Erkenntnis haben wir unser Engagement deutlich zurückgeschraubt. Selbst Nachbarn, die uns um unser sommerkühles und winterwarmes Haus und die viel geringeren Kosten beneiden, kaufen auch heute schnell mal Heiz-Klimageräte. Sie machen erst im Herbst ihr nasses Feuerholz, bezahlen Unsummen für Flüssiggas und beteiligen sich an der bald ebenfalls platzenden Immobilien-Blase, anstelle sich Produkte oder gar Anlagen aus meinem Bereich anzuschaffen. Ein Solar-Gewehr wäre vielleicht ein Produkt, das sofort gekauft werden würde, wenn es laut genug "Bumm" macht - denn die Sarden sind leider leidenschaftliche Jäger. Unsere wenigen Kunden auf der Insel oder dem italienischen Kontinent sind somit vorrangig Auswanderer, ehemalige Gastarbeiter oder mit anderem deutschsprachigen Hintergrund, die etwas mit Ökologie anfangen können. Da die Bürokratie eine kaum überwindbare Hürde ist, konnten wir noch keine einzige Netz-Solarstrom-Anlage realisieren, obwohl wir preislich weit unter dem Insel-Niveau liegen. Auch unsere eigene Anlage ist ja bis heute nicht am Netz. In den letzten Jahren hat sich gegenüber 2002 natürlich viel geändert. Damals sah man kaum Solaranlagen, heute doch vielerorts. Im Vergleich zum italienischen Festland oder gar Deutschland, vor allem bei den doch sehr viel besseren Standort-Bedingungen, kann man aber fast noch von einer solaren Diaspora sprechen. Leider sind viele Anlagen schlecht aufgebaut und leisten nicht das Mögliche.

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Thema: Serie: Utopisten-Interviews, Stand: 06.07.2012 von

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    schrieb am 30.08.2012 um 13:01
    klasse Interview, authentisch wie immer ;-)
    (hatte es während meiner Abstinenz gar nicht mitbekommen - sorry) freu mich hier von Dir zu lesen.

    Deine Zukunftswünsche wünsch ich mir mit. Viele Regierungswechsel hier und woanders wünsch ich mir auch. Träumen darf man ja noch (Xavier Naidoo...Lied und andere)

    Ich mag Deine Beiträge sehr. Ich finde, Du kannst sehr detailliert und gut (bildlich) beschreiben. Das kapiert jeder, der - wie ich - von vielen Dingen, wovon Du schreibst (zB die Komposttoiletten ;-)) überhaupts keine Ahnung haben. Die Blogs sind echt ein Gewinn und eine sehr gute Abwechslung zu vielem, was hier so veröffentlicht wird.

    (das Grillfest mit "ohne Fleisch" neulich fand ich auch total klasse...) mehr weniger
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    schrieb am 12.07.2012 um 08:17
    Über die Bürokratie in Italien, welche Photovoltaik-Anlagen verhindert, würde ich gerne mehr erfahren. Welche unerfüllbaren Forderungen werden verlangt? Kann ich das irgendwo nachlesen?
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    schrieb am 08.07.2012 um 13:38
    hallo hannilein
    ich bin grad im begriff und sammel angebot für einen pfhotovitalk anlage..aber je mehr ich angeboten bekomme umso weniger steige ich durch..
    kannst du mir jemanden empfehlen ?
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    schrieb am 07.07.2012 um 09:53
    Hallo und Danke für die Rückmeldungen.

    Zunächst habe ich ja nur auf die Fragen geantwortet und keinen eigenen Bericht geschrieben, der dann manches u.U. etwas differenzierter und dadurch auch weniger "überspitzt" darstellen würde. Und eigene Erfahrungen, auch wenn sie langjährig und vielfach sind, kann man (zum Glück) nicht auf alles und jeden übertragen.

    Da ich die Zeichenzahl überschritten habe, füge ich meine Antworten bei den jeweiligen Kommentaren ein. mehr weniger
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    schrieb am 06.07.2012 um 20:57
    Ein schönes Interview. Wenn Hannilein nicht soviel Auslandseinsatz hinter sich hätte, könnte man meinen, er polemisiert beim Thema "Verhalten von Südländern".
    Es gibt diese Unterschiede und nicht alle Menschen können da raus. Ich wette, wenn mich jemand aus Italien besuchen käme, dann sagte er/sie irgendwann: "Das ist ja typisch deutsch."
    Das ist also alles nicht ungewöhnlich.
    Sehr viel mehr überrascht mich, daß den Nachbarn nicht mal mit abgezählter Mark und Pfennig (Kostenrechnung Solar / alternativ vs. fossil) auffällt, wie sehr sich ein Umstieg lohnen würde.

    Aber vielleicht ist das ebenfalls ein eingeübtes Verhalten? Mir ist mal in Portugal aufgefallen, daß viele kleinere Häuser immer halbe Rohbauten sind. Da wird immer dann weitergebaut, wenn Geld reinkommt. Nur ist nie genug da, alles auf einmal fertigzustellen.

    Ist das bei den Solaranlagen vielleicht ein ähnliches Finanzierungsproblem? Bietest Du Ratenzahlungen an, die so flexibel sind wie der Rohbau?
    Wahrscheinlich geht das nicht, aber erzähl mal selbst.

    Molzen mehr weniger
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