Fragen Sie Dr. Dilemma

Frieren zur Klimarettung?


Lieber Dr. Dilemma,

seit einiger Zeit plagt mich mein Klimagewissen, daher versuche ich, mein Leben so klimafreundlich wie möglich zu gestalten. Es ist mir wichtig, dass weder die Umwelt noch meine Mitmenschen unter meinem Lebensstil zu leiden haben. Daher verzichte ich, so oft es geht, auf mein Auto und heize in meiner Wohnung so wenig wie möglich. Mein Dilemma begann, Sie ahnen es bereits, mit dem Einsetzen der Kältewelle. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen aus meinem Arbeitszimmer, in dem aktuell knackige 15 Grad Celsius herrschen. Die Außentemperatur beträgt minus zwölf Grad. Ich trage zwei dicke Wollpullover und Winterstiefel, meine Nase läuft, während meine Ohren inzwischen die Farbe einer reifen Aubergine angenommen haben. Meine Frage lautet: Muss das sein? Ich meine, muss ich frieren, um das Klima zu schonen? Oder anders gefragt: Wo verläuft die Grenze zwischen Klimaschutz und Selbstkasteiung?

Viele Grüße aus dem kalten Norden,

Thorsten Bausewein

 

Dr. Dilemma antwortet:

 

Lieber Thorsten Bausewein,

Ihre Frage scheint mir so gestellt, dass die Antwort offensichtlich ist, die Sie hören wollen. Diese Antwort hätten Sie von mir so oder so bekommen. Nein, Sie müssen nicht frieren, um das Klima zu schonen. Ziehen Sie als erstes die Winterstiefel aus und stellen Sie die Temperatur in Ihrem Arbeitszimmer so ein, dass Sie sich wieder gut fühlen, bevor Sie sich zu Ihrem Schnupfen noch Schlimmeres holen.

Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass Sie einen klaren Unterschied machen zwischen Klimaschutz und "Selbstkasteiung". Die Castigatio (Züchtigung) ist eine freiwillige Selbstbestrafung und Einschränkung, mit dem Ziel, das sinnliche Moment aus dem Leben zu tilgen. Sie war oder ist häufig Teil einer Religion. Darum geht es nicht und übrigens auch nicht um ein schlechtes Gewissen.

Sie liegen grundsätzlich völlig richtig: Es ist an der Zeit, einen Ökofaktor in den eigenen Lebensstil zu integrieren und durch Vernetzung mit anderen eine Klimakultur in der Gesellschaft zu etablieren.

Klimakultur ist nach meiner Definition das Gegenteil von Selbstkasteiung. Ihr Ziel und ihr Ergebnis ist es nicht, sich in kaum beheizten Räumen durch den Winter zu quälen, um sich von "Sünden" freizuschlottern. Ziel ist es, die eigenen und gesellschaftlichen Standards positiv zu verändern.

Sie setzen an einem wichtigen Punkt an: Heizung und Warmwasser sind ein großer Faktor. Bei sieben Monaten Heizen im Jahr beträgt der Anteil am Energieverbrauch eines Haushalts etwa ein Drittel. Doch dieser Verbrauch durch Heizung und Warmwasser hängt längst nicht nur vom persönlichen Umgang mit dem Heizen ab, sondern sehr viel mehr von der Art und dem Baujahr der Heizung, vom Haus, von dessen Dämmung, vom Dichtungsgrad der Fenster und Türen, von energetischen Renovierungen und so weiter.

Nun weiß ich als Mieter einer Stadtwohnung mit komplizierten Besitz- und Hausverwaltungsverhältnissen, dass das Leben in der technologischen Moderne nicht nur eine Frage des Geldes ist. Dennoch: Klimaschutz beim Heizen ist keine Frage von Frieren oder Verzichten, er ist eine Frage von Knowhow und intelligenter Technik. Klimakultur heißt, dass wir uns jetzt entscheiden, nicht mehr in zugigen Höhlen zu leben und mit anachronistischem und ineffizientem Verbrennen fossiler Rohstoffe Heizungen und Mobilität zu organisieren, sondern die vorhandene, intelligente Technik anzuwenden. Damit meine ich speziell auch Unternehmen.

Klimakultur bedeutet auch ein selbstverständliches Knowhow darüber, wie und wann man welche Räume heizt, wie man lüftet, wie eine optimale Luftfeuchtigkeit das Wohlgefühl beeinflusst und so weiter. Alles auf der Grundlage, dass man sich bei der Arbeit oder zuhause wohl fühlt, aber im Winter auch nicht gerade auf FKK besteht. Und bevor man über 20 oder 21 Grad Celsius philosophiert, sollte man herausfinden, wie hoch der Energieverbrauch im individuellen Fall bei der bisher praktizierten Heizkultur ist. Erst danach kann man testen, was ein Grad weniger tatsächlich bringt. Ob 20 Grad reichen, hängt auch davon ab, wie das Zimmer beschaffen ist, ob der Boden kalt ist und so weiter.

Mein Öko-Bruder hat die Heizung auf 20 Grad (wenn er zuhause ist), schleicht dann aber regelmäßig zum Thermostat und dreht sie gegebenenfalles zwischendurch ein Grad runter. Dann lächelt er vor sich hin und seufzt zufrieden. "Ich checke im Winter den Gasverbrauch pro Tag", sagt er. "Und da kann ich sehen, welche Art von heizen viel oder wenig braucht." Sein Bewusstsein wird nicht von Gewissen oder Moral beeinflusst, sondern von der Faktenlage. Sein glückliches Grinsen zeigt mir: Er verzichtet nicht auf etwas (Wärme, Lebensqualität) und leidet, sondern gewinnt etwas (bessere Energiebilanz und Zufriedenheit). Ich selbst habe bisher zwar zu meinem Dreiliterauto eine sinnliche Beziehung aufbauen können, aber - im Gegensatz zu meinem Bruder - nicht zu unserer Heizung. Ich sehe jedoch an ihm, dass auch das offenbar möglich ist.

 

Herzlichst, Ihr Dr. Dilemma

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Foto: privat

Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.

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    inaktiver User 1038
    schrieb am 16.01.2009 um 01:28
    Ich friere leicht. Zwei Pullover reichen mir nicht. Ich senke ich meine Wohlfühltemperatur (bei der ich übrigens auch weniger Erkältungen als früher habe), indem ich solange weitere Schichten anziehe, bis mir nicht mehr kalt ist (oder eine Decke überlege usw). Auch Pulswärmer sind nützlich, ebenso...
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