Fragen Sie Dr. Dilemma

Fastfood-Verbot für Kinder?



Lieber Dr. Dilemma,

wir haben unseren Töchtern (9 und 12 Jahre) von klein auf beigebracht, wie wichtig es ist, sich gesund zu ernähren – natürlich am besten mit Bio-Lebensmitteln und viel frischem Obst und Gemüse. Seit einiger Zeit ist es für sie das Größte, wenn wir mit der ganzen Familie bei McDonald’s essen. Ihre Begeisterung geht so weit, dass unsere ältere Tochter mittlerweile das Essen, das wir ihr anbieten, stehen lässt, weil sie es nicht mag. Sie ist ohnehin sehr schlank, und ich mache mir Sorgen, dass sie nicht genug isst. Die Jüngere folgt ihrem Beispiel und rührt von mir Gekochtes ebenfalls nur noch widerwillig an. Ich bin inzwischen so weit, dass es mir fast lieber ist, sie ernährt sich von ihrem geliebten Fastfood, als dass sie gar nichts mehr isst. Was ist also wichtiger? Gute Lebensmittel, die die Kinder nicht mögen, oder schlechte, die sie aber wenigstens nicht ablehnen?

 
S. Stenelt

Dr. Dilemma antwortet:


Liebe Frau Stenelt,

mit Appetitlosigkeit, also dem Verlust des Verlangens nach Nahrung, ist nicht zu spaßen. Wenn Sie sich ernste Sorgen um Ihre ältere Tochter machen, bitte ich Sie, einen Arzt zu konsultieren. Da sie allerdings Fastfood "liebt", wie Sie schreiben, so ist das ein positives Zeichen: Sie isst mit Leidenschaft. Gut so.

Im nächsten Schritt stellen Sie sich die Frage: Isst sie auch das Richtige?
Ich finde, Sie haben selbstverständlich recht: Biolandwirtschaft ist in verschiedener Hinsicht besser als industrielle Massenproduktion - speziell auch, weil sie die Kosten weniger auf die Umwelt abwälzt. Die Frage ist längst nicht allein, ob Bio "gesünder" ist.

Es geht um Lebensqualität - und die ist letztlich nicht objektivierbar, sondern immer gefühlt. Grade Kindern, aber auch vielen Erwachsenen, kann man nur bis zu einem gewissen Grat mit rationalen oder moralischen Begründungen kommen - sie müssen das  fühlen. So wie man ein modernes, umweltfreundliches Auto nicht mit Ratio fährt, sondern mit kindlicher Begeisterung. Kurz gesagt: Essen muss nicht nur "gesund" sein, sondern auch "gut". In diesem "gut" ist zwar "gesund" enthalten, aber auch, dass es gut schmeckt.

Ich habe Ihr Dilemma meinen Kindern erklärt (8 und 10). Worauf beide nickten und umgehend ihre mir allzu bekannte Ablehnung von Bio-Gurken kundtaten. Die finden sie "labbrig" und "fad". Da sei die gute Holland-Gurke doch einfach besser. Tja.

Der Satz "Das ist aber gut für Dich" steht genauso auf meiner persönlichen Tabuliste wie das gefürchtete "Wie sagt man?", mit dem manche Eltern ihre Kinder nach Entgegennahme eines Geschenkes zum Dank zwingen. Das ist sicher zivilisatorischer Standard, führt aber dazu, dass Kinder konditioniert werden, die eigentlich tolle Situation des Beschenktwerdens als unangenehm zu empfinden.

Grundsätzlich erwähnen wir den Kindern gegenüber nicht explizit, dass viele und welche Lebensmittel in unserem Haushalt "Bio" sind. Joghurt schmeckt wie Bio-Joghurt schmeckt, Apfelsaft schmeckt wie Bio-Apfelsaft schmeckt. Das ist einfach so. Es ist eine Lebens-, Ernährungs- und Geschmackskultur, mit der sie wie selbstverständlich aufwachsen sollen.

Kind Hamburger Apfel Fastfood


Was McDonald's angeht, so handelt es sich hier um ein globales Unternehmen, das industrielles Essen anbietet. Der Verbraucherschutzaktivist Thilo Bode hat seinen Lebensmittel-Klassiker "Abgespeist" gern mit der Provokation vermarktet, er finde Burger von McDonald's ganz okay, weil der Konzern nach den Skandalen der Vergangenheit zumindest auf dem deutschen Markt Mindeststandards, Rückverfolgbarkeit und eine gewisse Sicherheit garantiere.

Mag so sein. Aber wer sich einmal mit der Produktion des Industriefleischklopses beschäftigt hat, wird nicht mehr auf die Idee kommen, dass es sich dabei um "Essen" handelt. Wie Sie, liebe Frau Stenelt, will auch ich das nicht essen. Es schmeckt nicht. Man schmeckt nichts. Jedenfalls nichts, was nicht aus dem Chemielabor kommt. Ich esse ja auch keine Spannplatte, nur weil die dazu gereichte Laborsoße das Runterschlucken erleichtert.

Aber McDonald's existiert. Wenn man es gegenüber seinen Kindern zu sehr verteufelt, gibt man dem Konzern erst eine unangenehme Wichtigkeit, indem die Kinder sich womöglich über BigMac-Essen von den Eltern emanzipieren zu müssen glauben. Kinder müssen sich abgrenzen können. Aber ich finde: Da sollte uns etwas Besseres einfallen.

Also, entspannt bleiben.

Es gibt auch annehmbare Bio-Fastfood-Restaurants mit aufrichtigem, ökologischem und sozialem Engagement, in denen man gut essen kann. Und wo man sein Geld gern hinträgt. Man kann mit den Kindern einen Deal machen: Fastfood ja, aber einen Salat dazu. Und statt Coke (einem Unternehmen, dem man bei McDonald's automatisch auch sein Geld gibt) steht Bio-Apfelsaft im Kühlschrank - und die Kinder greifen gern danach.

Was Sie unbedingt machen sollten: Einen DVD-Abend, bei dem Sie mit ihren Kindern Morgan Spurlocks "Super Size Me" ankucken. Das ist der preisgekrönte  Dokumentarfilm, in dem Spurlock sich 30 Tage ausschließlich und dreimal täglich von Mc-Industrie-Food ernährt. Der Film ist lustig, aber eindeutig: Am Ende ist Spurlock fett, depressiv und impotent. Seine Frau muss ihn mit veganischem Essen retten. Sie brauchen das nicht mal zu kommentieren: Der Film wird bei ihren Kindern Eindruck hinterlassen.

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Foto: privat

Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.

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    LazarusLong
    schrieb am 18.02.2009 um 14:04
    Ich mag das Zeug gelegentlich auch. Und für meine zwei Racker ist es ein Erlebnis, wenn wir gelegentlich (alle 4-6 Wochen) bei McDonalds oder, wenn ich entscheiden darf, bei Burger King essen. Öko-burger (Bitte nicht abwertend verstehen) gibt es bei uns im Umkreis von mind. 300km nicht und auf die...
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    Amish_der_Radfahrer
    schrieb am 05.02.2009 um 16:16
    Ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend: Auch ich war McDonald's-Fan und Coca-Cola-Anhänger. Warum? Ich weiß es selber nicht! War es wirklich nur, weil meine Eltern McDonald's indiskutabel fanden? Ich stand stets mehr auf Industrie- und Großküchenfraß als auf Mamas Selbstgekochtes, obwohl...
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