"Lieber Dr. Dilemma,
darf ich einen weiteren Schulweg für meine Kinder in Kauf nehmen, wenn die weiter entfernt gelegene Schule besser ist als die nahe gelegene? Dort müsste ich sie nämlich morgens mit dem Auto abliefern und nachmittags wieder abholen. Einfach gefragt: Was ist wichtiger - Bildung oder Umweltschutz?"
Birgit Stremmel
Dr. Dilemma antwortet:
Liebe Birgit Stremmel,
Sie fürchten, sich zwischen zwei Zukunftsszenarien entscheiden zu müssen:
Entweder - ich überspitze etwas - wir haben prächtig ausgebildete Kinder, die trotzdem in einer ruinierten Welt voller Klimaflüchtlinge, Klimakriege und Katastrophen vegetieren müssen, oder wir haben eine vor einem hohen Temperaturanstieg bewahrte Welt, in der aber unsere miserabel ausgebildeten Kinder keinen Stich machen, weil wir sie klimafreundlich in die Baumschule gegenüber geschickt haben, statt sie täglich mit dem Hubschrauber zu einer Topp-Ausbildungsstätte zu fliegen.
Merken Sie was? Richtig: Entweder - oder? Das kann es ja wohl nicht sein.
Die richtige Schule zu finden, ist eine wichtige Sache. Für die Zukunft der Kinder, aber längst nicht nur dafür. Es ist auch wichtig für die Gegenwart der Kinder, die dort einen großen Teil ihrer Jugend verbringen. Sie sollen im Idealfall in ihrer Schule und mit ihrer Schule glücklich sein. Neben der Qualität der Ausbildung spielen also weitere Faktoren eine Rolle, darunter übrigens auch ein verträglicher Schulweg - und das nicht allein aus Umweltschutzgründen. Ich weiß, wovon ich rede: Meine Geschwister und ich mußten täglich um 6:00 Uhr aufstehen, um den Zug zu kriegen. Es war ein okayes Gymnasium, die bestmögliche Lösung - und dennoch keine optimale Schulzeit. Wer wegen eines weiten Weges oder schlechter Verbindungen morgens zu früh raus muss (und nicht der Typ dafür ist), ist seine gesamte Schulzeit hindurch immer müde. Die beste Bildungsleistung bringt nichts, wenn die Kinder die Augen nicht offenhalten können.
Die richtige Schule ist übrigens auch wichtig für die Lebensqualität und das seelische Wohlergehen der Eltern. Beides steigt enorm, wenn wir mit der Schule unserer Kinder glücklich sind. Das wiederum wirkt sich auf die Kinder aus.
Die Entscheidung wegen eines womöglich nur geringfügig kleineren Emissionsausstoßes Kinder auf die nächstgelegene Schule zu schicken - egal, was für eine - wäre also eine kurzsichtige Entscheidung . Es geht meiner Meinung auch gar nach nicht darum, ob Umweltschutz oder Bildung "wichtiger" ist. Die Frage ist, was woraus folgt. So gesehen wäre es logisch, aus Sorge um die Umwelt zunächst der Bildung Priorität einzuräumen. Damit Ihr Kind auch eine außerfamiliäre Ausbildung bekommt, die ihm hilft, nachzuvollziehen, dass unser derzeitiger CO2-Ausstoß zwar zunächst nur Positives zu bringen scheint (Mobilität, Geld, Arbeit), dass aber darüber hinaus negative Prozesse ablaufen, für deren Veränderung wir Verantwortung tragen.
Mein Rat ist daher: Finden Sie zunächst die richtige Schule. Das kann in Großstädten eine schwierige Sache sein. Es ist aber auch eine Chance. Wenn Sie die Schule gefunden haben, sind Sie entspannt genug, um sich der nächsten und ungleich leichteren Aufgabe zu stellen: Wie kommen die Kinder täglich dort hin? Geht das wirklich nur zu Lasten des Klimas und nur mit dem Auto?
Denn selbstverständlich muss das Ziel sein, beides zu vereinen: Richtige Schule UND wenig Emissionen. Mein Bruder zum Beispiel bringt seine zwei Kinder täglich mit einem Kindertandem in die Schule (www.kindertandem.nl) - ein Fahrrad, drei Personen. Und er träumt von einem - allerdings nicht ganz billigen - Elektroscooter. Eine einfache Möglichkeit für weitere Entfernungen sind Fahrgemeinschaften.
Daher lautet die Lösung: In beide Bereiche investieren. Ohne Bildung gibt es keinen nachhaltigen Umweltschutz. Aber beides zusammen sichert die Zukunft Ihrer Kinder.
+++
Sie haben eine Frage an Dr. Dilemma?
Dann klingeln Sie hier:
+++

Foto: privat
Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.



Kommentare (2)
abonnieren
Ich weiß, was es bedeutet, zwischen fünf und sechs aus dem Haus zu müssen um mit zwei, dreimal Umsteigen rund zwei Stunden lang zur weit entfernten Schule zu fahren. Allerdings war das keine "Wunsch-Schule", sondern ich habe als maßlos unterforderter Hochbegabter mehr und mehr durchgedreht, bis ich auf eine Sonderschule abgeschoben wurde. Zum Vergleich: Den Stoff der 10 Klasse habe ich später zu Hause in nur zwei Monaten (!!!) bei einer 20-Stunden-Woche gelernt und auf diese Weise wenigstens den Realschulabschluß geschafft.