Fragen Sie Dr. Dilemma

Rauchen für das Weltklima?



"Lieber Dr. Dilemma,

ein Zigaretten-Unternehmen verdient eine Menge Geld damit, dass andere Menschen krank werden, die Umwelt verpestet wird und unser Gesundheitssystem belastet wird. Wenn dieses Unternehmen sich in Projekten sozial und umweltbewusst engagiert, wäscht es sich dann von seinen Sünden rein? Und soll ich diese Firma unterstützen und anfangen zu rauchen, damit mehr Geld für positives Engagement bereit steht?"

Christian Talla

Dr. Dilemma antwortet:

Lieber Christian Talla,

ich gehe selbstverständlich davon aus, dass Ihre Frage rein rhetorischer Natur ist und es Ihnen um Grundsätzlicheres geht. Dennoch zur Sicherheit zunächst einmal: Nein, ich empfehle Ihnen nicht, mit dem Rauchen anzufangen! Auch wenn Sie damit möglicherweise ein Sozial- oder Umweltprojekt der Zigarettenindustrie unterstützen.

Es gab ja zur Fußball-EM ein von Günther Jauch präsentiertes Projekt eines Bierherstellers. Der wirbt damit, pro verkauftem Kasten Bier einen bestimmten Anteil am tropischen Regenwald zu retten. Auf den Punkt gebracht lautet das Motto von Jauchs Verkaufsveranstaltung also: "Saufen für den Regenwald."

Stellen wir uns vor, engagierte Schulklassen in ganz Deutschland unterstützten das Projekt, indem sie während der Unterrichtszeit oder in der nachmittäglichen Regenwald-AG soviel von diesem Bier wie möglich konsumierten: Am Ende wäre womöglich ein beträchtliches Stück Regenwald gerettet - aber auch eine beträchtliche Zahl junger, deutscher Lebern beschädigt.

Was ich damit sagen will: Es gibt nicht nur gesündere, sondern auch effizientere Wege für Schulklassen, sich ökologisch und sozial zu engagieren als mit "Saufen für den Regenwald". Analog gibt es unzählige bessere und gesündere Wege für Sie, sich zu engagieren, als mit dem Rauchen anzufangen. Aber das wissen Sie ja.

Ich vermute, Sie wollen darauf hinaus, dass immer mehr Unternehmen sogenanntes "Greenwashing" betreiben. Das heißt, sie tun so, als hätten sie eine echte sozial-ökologische Dimension, um sich einen Wettbewerbsvorteil auf dem wachsenden Markt der bewussten Konsumenten zu verschaffen.

Ich lese aus Ihren Zeilen auch heraus, dass für Sie bestimmte Dinge unvereinbar sind, nämlich einerseits eine auf Rendite fixierte Produktion bestimmter Waren, die automatisch zu Lasten von Menschen und Umwelt geht - und andererseits die Übernahme sozialer und ökologischer Verantwortung durch dasselbe Unternehmen. Da ist etwas dran. Wenn man in diese Richtung weiterdenkt, kommt man zu dem Punkt, an dem man fragen muss, ob es nicht das sozial und sozialökonomisch Beste wäre, wenn es das Unternehmen und die angebotene Ware (in diesem Fall Zigaretten) überhaupt nicht gäbe. Wenn man in einen gedanklichen Nebenstrang einbiegt, wird man fragen, ob es nicht besser wäre, wenn es keine Weltklimakonferenzen gäbe, weil die ökologischen Kosten dafür immens sind. Und ob es nicht besser wäre, wenn es keine Klimakämpfer gäbe, weil die am meisten durch die Welt jetten. Und irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich fragen muss, ob es nicht ökologisch gesehen das Allerbeste für den Planeten wäre, wenn es keine Menschen gäbe.

Es wäre in der Tat ökologisch besser. Aber es macht keinen Sinn. Der Sinn der Erde liegt darin, dass sie von Menschen bewohnt wird. Es ist wichtig, dass es bestimmte Menschen gibt, die um die Welt reisen, um für das Klima zu kämpfen. Und auch (gesundheitsschädliche) Genussmittel gehören zu einem freien, selbstbestimmten Leben dazu. Es ist ja auch nicht böse, sondern grundsätzlich großartig, dass es Strom, Autos, Internet, Bier und andere Dinge gibt, die uns ein Leben auf einem Niveau ermöglichen, das in der Geschichte der Menschheit einmalig ist.

Das Problem besteht darin, dass wir die Produktion von Strom nicht mehr so klimaschädigend betreiben können wir bisher. Dass wir andere Autos brauchen, die zunächst weniger und bald gar kein CO2 mehr verursachen. Dabei helfen keine Unternehmen, die sich Klima-Promotion-Aktionen ausdenken - aber grundsätzlich so weitermachen wie bisher. Und auch keine Ökoprojekte von Zigarrettenfirmen. Dafür braucht es primär Unternehmen, die Strom klimafreundlich produzieren - und eine Politik, die sie dazu zwingt. Unternehmen, die uns die neuen Autos bauen, die wir brauchen - und eine Politik, die sie dazu zwingt.

Wir brauchen politische Prozesse und technologischen und konsumistischen Fortschritt. Und den muss eine bürgerliche Konsumenten-Elite entwickeln, fordern und voranbringen.

Keine Sorge also, lieber Christian Talla: Sie müssen nicht aus sozialökologischem Engagement erst Ihre Lunge belasten und dann das Gesundheitssystem. Bleiben Sie Nichtraucher. Damit wir wirklich vorankommen, müssen unsere Köpfe anfangen zu rauchen.
Und zwar sofort.

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Foto: privat

Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.


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    anonym
    schrieb am 30.09.2008 um 18:30
    Gott sein Dank muss ich jetzt nicht anfangen Zigaretten zu rauchen! Allerdings kann ich zu ökologisch unkorrekt importierten Zigarren oft nicht nein sagen ;) Bei all der Schwindelei, die mit dem Greenwashing betrieben wird, ist es doch im Grunde erfreulich und erstaunlich, dass Unternehmen...
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