
Foto: Jörg Lühmann
Amory Bloch Lovins: Keine Zeit zu verlieren
Ist er schon da? Die Empfangsdamen schütteln den Kopf. Hat ihn jemand gesehen? „Leider noch nicht“. Warten auf Amory B. Lovins. Zwischen London und Beijing legt er einen Stopp für die Utopia-Konferenz in Berlin ein. Der Gründer, Vorsitzende und Chief Scientist des Rocky Mountain Institute steht für Effizienz – in jeder Hinsicht. Fabriken im Wert von 30 Milliarden Dollar haben er und sein Team radikal auf Energie- und Ressourcenschonung umgekrempelt. „Er ist da“, ruft mir jemand zu. Mit zwei schweren Rollkoffern kämpft sich Lovins durch das Foyer. Kleine Statur, Brille, lange Stirn, Schnäuzer. „Hello Mister...“ will ich ihn begrüßen, da drückt er mir einen Koffer in die Hand und sagt: „Wo geht’s zum Frühstück?“
Na gut, einem Alternativen Nobelpreisträger und „Hero of the Planet“ (TIME Magazine) kann man schon mal den Koffer tragen. Er schleppt den zweiten, es muss ja schnell gehen. Das Interview hat zu warten, Lovins will erst die Technik für seine Präsentation checken. Er drückt sich das Bio-Frühstück rein und entschwindet schon wieder zum Rednerpult, den Koffer mit den Materialien immer im Schlepptau. „Bitte entschuldigen Sie, das mein Deutsch aus dem Gymnasium so schlecht ist“, beginnt er seine Rede, „meinen Vortrag werde ich also auf Englisch halten“. Aus dem Publikum kommt Lachen und Klatschen, denn den einen Satz Deutsch spricht er fast akzentfrei.
„Wie möchten Sie sterben?“, fragt er also auf Englisch. „Durch die Klimakatastrophe, den Krieg um´s Öl oder einen nuklearen Anschlag?“ Während es manchmal so scheint, als würden uns die Medien nur diese Optionen lassen, wünscht sich Lovins eine Antwort D: Keine der oben genannten. Und dieser Antwort hat er sein Leben gewidmet. In seinem jüngsten Buch „Winning the Oil Endgame“ zeigt er auf, wie sich (s)ein Land in wenigen Dekaden vollständig vom Öl lösen kann. „Nicht die Politik, sondern die Wirtschaft wird der Treiber dieser Bewegung sein“, erklärt Lovins den Utopisten in Berlin. Er listet eine Reihe von Global Playern wie IBM, bp und General Electric auf, die dank der Beratung seines Institutes nicht nur ökologische, sondern handfeste finanzielle Vorteile erwirtschaften konnten.
Zahlen, Tabellen, Grafiken der Effizienz wirft Lovins eine nach der anderen auf die Leinwand, alles kleine Wunder und kaum Zeit, sie näher zu erläutern. Ein lautes „plong“ geht durch den Saal, als er mit einem Metallstück auf einen Helm aus Carbon hämmert. „Stärker als Titanium und ein Dutzend mal sicherer als heute übliche Autoteile“, erklärt er das Material, aus dem die schwarze Haube in seiner Hand gemacht ist. Das von ihm gemeinsam mit Toyota entwickelte Hypercar erreicht so ein Gewicht von nur 420 Kilogramm. Und darauf kommt es beim Verbrauch an, denn bisher verursacht die Karosserie dreiviertel des Benzinverbrauchs.
Nach der Rede schlägt die Stunde der Autogrammjäger, einer streckt seine Visitenkarte gleich mit dem ersten „Hallo“ hin. Ich lotse Lovins durch die Menschenmenge zurück in den kleinen, einzigen Fahrstuhl und endlich geht es aufwärts in die Presselounge, vor die Utopia-Kamera. Noch schnell ein zweites Frühstück, dann erklärt er nochmal die Sache mit der Wettbewerbsfähigkeit von alternativen Energien: „Die geringeren Kosten, Risiken und Verzögerungen werden sich auf dem Markt ganz natürlich durchsetzen.“ Da geht es erstmal nicht um Moral und Ethik, sondern da argumentiert einer mit den Dingen, für die sich die Wirtschaft nun mal am meisten interessiert: Profite. Als „Öko-Kapitalismus“ beschrieb Lovins diesen Ansatz im gleichnamigen Buch, gemeinsam mit Ernst Ulrich v. Weizsäcker hatte er schon zuvor die Halbierung des Naturverbrauchs bei doppeltem Wohlstand vorgerechnet.
Dass die Lösungen bereits da sind, beweist Lovins nicht zuletzt mit seinem Institut in den Bergen. Dort, wo es fast jeden Tag friert, züchtet er Bananen. Nicht mit aufwendiger Klimatechnik, sondern ganz im Gegenteil: Die clevere Bauweise ermöglicht Einsparungen von 99 Prozent der Heizenergie und 90 Prozent der benötigten Elektrizität. Traumwerte eines Öko-Gurus. Jemand klopft auf meine Schulter, die anderen Journalisten warten noch auf ihr Interview. Lovins sucht den Koffer. Er drückt mir ein Manuskript in die Hand: „Wäre schön, wenn das jemand veröffentlichen könnte. Aber bitte nur professionelle Übersetzer“. Natürlich, Mr. Perfect. Auf dem Blatt steht der Titel „Imagine a World...“ und erstaunlicherweise steht darin nicht eine einzige Zahl.
„Stellen Sie sich eine Welt vor, in der der Krieg gegen die Erde vorbei ist. In der diese planetare Nahtoderfahrung die Weisheit über die Arroganz siegen lässt. Eine Welt, in der Vernunft, Vielseitigkeit, Toleranz und Demokratie wieder greifbar werden und der ökonomische und religiöse Fundamentalismus obsolet geworden sind. Dieser Moment ist jetzt gekommen. Hier stehen wir und uns bleibt exakt die Zeit, die wir brauchen. Mit Humor und Furchtlosigkeit, mit Chuzpe und Bescheidenheit, mit stetem Enthusiasmus und unnachgiebiger Geduld werden wir es schaffen.“
Lovins muss weiter, nach China. „Ten“ lautete der Titel der Utopia-Konferenz. Zehn Jahre, um die Dinge grundlegend zu ändern. Einer wie Lovins hat keine Zeit zu verlieren.
Der Vortrag von Amory Bloch Lovins bei der Utopia-Konferenz hier zum Nachhören:
Zu den Vorträgen der anderen Sprecher der Utopia-Konferenz geht es hier.
Amory Lovins vollständige Rede „Imagine the World...“ als Video.
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Utopia Konferenz 2008


Kommentare (3)
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Was bitte, ist Wohlstand?
Zuerst möchte ich ein herzliches Dankeschön an die utopisch im Hintergrund agierenden Utopisten, die die deutsche Übersetzung hierher gesetzt haben, reichen, um euch zu bereichern, genau so, wie ihr mich mit eurem Tun bereichert! Danke, herzlichen Dank euch!
Wohlstand; was ist das? In Burkina Faso ist es eine zweite Hand voll Reis kaufen können pro Tag, beim Training im Projekt des DEDs ... mehr weniger
Ich finde es gut, wenn Lovins diese vierte, positive Option haben will, denn ich brauche solche Aussagen: mir scheint mir oft eine Wende des Verhaltens der Menschheit nicht wirklich leicht zu sein. Um so wichtiger sind für mich immer wieder (fundierter) Optimismus, Beispiele, Leuchttürme, Hoffnung!
Zu meinem Vorkommentator: ich denke, wenn Lovins ganze Fabriken energetisch und sonstwie saniert, dann lohnt sich der Flug. Aber klar, man muss bei jedem Flug überlegen, ob er sich lohnt. Manchmal ist das nicht so leicht messbar, z.B. bei Konferenzen, insbesondere wenn man sie nachher als Audio-Stream anhören kann ;-) mehr weniger
Eben nachgeschaut, es scheint, dass das RMI nicht ganz so entlegen liegt, jedenfalls nicht auf der Spitze eines Berges.
http://www.rmi.org/sitepages/pid170.php#MapToRmi
Also nichts für ungut...
D. mehr weniger