Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopist "Dude" im Interview

"Die intellektuelle Verwirrung lässt nach"

Hey Dude, don’t make it bad. Wegen seiner versauten Öko-Bilanz möchte er sich am liebsten jeden Tag schämen, dabei ist er eines der engagiertesten Mitglieder der Utopia-Community. Im Interview sprechen wir mit „Dude“ über die Macht der Medien und die Motivationskraft von Demonstrationen. Sie erfahren was ein „Communist“ ist und weshalb der E-Technik-Ingenieur den Besuch von Workshops zu Permakultur und Strohballenhausbau erwägt.


Utopia: Du diskutierst auf Utopia in vielen Themengebieten mit und bereicherst die Webseite mit wertvollen Beiträgen. Würdest du dich selbst denn als thematischen Allrounder betrachten oder gibt es dann doch ein Thema, das dir ganz besonders am Herzen liegt?

Dude: Danke für das Kompliment. Da fühle ich mich gleich geschmeichelt. Sind wir nicht alle thematische Allrounder? In unserem Leben werden wir vor so viele Herausforderungen gestellt, dass wir uns in immer neue Themen einarbeiten müssen. Unsere Welt ist so komplex und alles hat mit allem irgendwie zu tun. Wenn man sich da auf ein Thema stürzt und richtig einarbeitet, wird einem schnell klar, dass gerade da, wo man sich der Wurzel von Problemen nähert, immer mehr Einflüsse aus anderen Bereichen zum Tragen kommen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es am Ende wohl immer unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das den Nährboden bietet für die vielen Probleme, die hier diskutiert werden. In vielen Köpfen ist es zwar schon angekommen, dass das Streben nach fortwährendem Wirtschaftswachstum nicht nur unsinnig, sondern auch ein Grundübel ist, dennoch machen die allermeisten einfach so weiter wie bisher. Ein bisschen Bio kaufen ändert noch nichts am System.

Utopia: In deinem Blog habe ich ein schönes Zitat gefunden: „Wenn wir uns auf die wirklich wichtigen Informationen konzentrieren, können wir unser Handeln auch auf das wirklich Richtige ausrichten.“ Welche "wirklich wichtigen Informationen" hast du auf Utopia gefunden und wo hast du dein Handeln neu ausgerichtet?

"Übersättigt mit Nachrichten aber trotzdem schlecht informiert"


Dude: Es gibt so einen schönen englischen Ausdruck dazu, der auch in meinem Blog steht: wir wären "overnewsed but underinformed" also "übersättigt mit Nachrichten aber trotzdem schlecht informiert". Allein wenn man ab und zu die Tagesschau sieht, stehen einem die Haare zu Berge vor so viel Unwichtigem und Blödsinn, der da berichtet wird. Und das wirklich Interessante, das an einem Tag passiert ist, wird meistens gar nicht erwähnt. Wenn ich da irgendwie Einfluss nehmen könnte, dann würde ich als erstes die Börsennachrichten abschaffen. Wem nutzen solche Informationen? Das ist reine Volksverblödung.

Dagegen ist es eine Wohltat, dass viele Utopisten (oder Communisten, wie pentadir sie immer nennt) ihre Fundstücke aus dem Netz hier einstellen, und dass darüber ausgiebig und kritisch diskutiert wird. Oftmals bin ich auf spannende Details erst in einer Diskussion gestoßen, wenn dabei Fragen gestellt wurden, die sich nicht so einfach beantworten ließen. Die Recherche dazu hat dann für mich zu ganz neuen Erkenntnissen geführt.

Utopia: Und wo findet man die „wirklich wichtigen Informationen“ sonst? Kannst du uns deine liebsten Inspirationsquellen (online und offline) nennen?

Dude: Meine wichtigste "offline" Inspirationsquelle ist das Greenpeace Magazin und natürlich der Austausch mit Freunden. Online fällt mir so vieles ein, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen oder aufhören sollte und ständig entdecke ich etwas neues. Wobei ich es ganz wichtig finde, immer kritisch zu bleiben und nichts blind zu glauben, auch wenn man die Autoren schätzt.

Utopia: Du weist auf Utopia häufig auf anstehende Aktionen, Demos oder Unterschriftensammlungen hin. Gibt es für dich ein besonderes persönliches Erfolgserlebnis in diesem Zusammenhang?

"Das Gemeinschaftsgefühl war mitreißend"

Dude: Ein großes Erfolgserlebnis war sicherlich der Ausstieg der lokalen Stadtwerke aus einem Kohlekraftwerksprojekt. Hierzu hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die ein Bürgerbegehren gestartet hat, Unsere lokale Greenpeace Gruppe hat mitgeholfen und war dafür von September bis Januar jede Woche mehrere Male in der Stadt unterwegs, um Unterschriften zu bekommen - und das bei jedem Wetter. Außerdem wurden viele Gespräche mit den Politkern und den Stadtwerken geführt. Am Ende stand der Erfolg. Das tut gut und zeigt, dass sich Engagement lohnt. Alleine kann man meistens wenig ausrichten. Aber wenn sich eine Gruppe für ein gemeinsames Ziel zusammengefunden hat, dann entwickelt sich eine eigene Dynamik.
Auch als ich vor zwei Jahren das erste mal vor Gorleben gegen die Atomtransporte auf der Straße saß, war das ein tolles Erlebnis. Das war damals zwar nicht der längste Transport, aber mit über 4000 Menschen wohl die größte und wahrscheinlich auch längste Straßenblockade. Wir haben von Sonntagmittag bis Dienstagmorgen auf der Straße verbracht. Das Gemeinschaftsgefühl, was man dort erlebt, war mitreißend. Auch die Erfahrung, wie sehr man sich reduzieren kann und dass man bei minus drei Grad problemlos draußen schlafen kann, empfand ich als sehr wertvoll.

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Thema: Utopisten-Interviews, Stand: 16.03.2012 von

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    schrieb am 23.03.2012 um 13:09
    Weißt Du was? Ich finde nicht, dass man sich dafür schämen muss, dass man "viel geflogen" ist. (klar ist die Ökobilanz versaut...aber...es lag nicht 100%ig in Deinem Entscheidungsvermögen, es war ja größtenteils arbeitsbedingt und da entscheiden meistens Ranghöhere, was Sinn macht)

    Manches im Leben passiert einfach. Man denkt immer, man hat selbst gerade so viel Einfluss auf alles, was man tut.
    Aber gerade im Beruflichen ist es ja oftmals so, dass eine Tätigkeit eben von verschiedenen Faktoren abhängt. Ich habe über Dienstreisen früher auch nicht genauer nachgedacht. Ich bin auf die Hochschule gegangen und hab den Schwerpunkt Außenwirtschaft studiert, da ging es nicht nur darum, wie man sprachlich mit anderen Menschen auskommt, sondern natürlich um "grenzüberschreitenden Waren/Dienstleistungsverkehr" und klar, braucht man viel Luft, Wasser, also im Sinne von Transporten. Klar, dass das CO2 schädigend ist.
    Ich finde nicht, dass wir uns schuldig oder beschämt fühlen sollten ;-))

    Entscheidend ist, wo wir täglich positiv Einfluss nehmen können. Und das tun wir doch so gut wir können! mehr weniger
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    schrieb am 22.03.2012 um 13:37
    hallo Jörn,
    also ich bin immer noch hin und weg von Deinem Interview. Schön von Dir hier zu lesen.
    Jetzt, wo ich es gelesen habe, denke ich, ich hatte keine anderen Antworten erwartet. Genau, das alles ist von Dir. so schreibst Du auch in Deinen Blogs, Kommentaren. Das bist Du, dafür stehst Du, Du packst was an, fragst kritisch, gibst Fehler offen zu, machst mutig weiter.

    Finde Deinen Schritt "in die Freiheit" sehr sehr mutig, meinen Respekt und freue mich sehr für Dich, dass Dir das gelingen wird. Ich bin fest davon überzeugt.

    Loslassen kann schwieriger sein als man denkt, aber Du bist "ein Macher" ;-))
    Alles andere wär Dir zu langweilig. Ich freu mich total!!
    Schön Dich hier "getroffen" zu haben.
    Manu mehr weniger
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    schrieb am 21.03.2012 um 16:05
    Dank an 'Dude' und Utopia für das interessantes Interview
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    schrieb am 21.03.2012 um 09:15
    Lieber spät als nie vom Baum der Erkenntnis genascht.
    Geld/Konsum/Bespaßung sind wirklich Drogen von denen sich ein Entzug lohnt - für einen ganz persönlich, weil wir in einem Land leben, wo es nicht mehr auf jeden Cent ankommt. Uns geht es sehr gut und wir müssen in den allermeisten Fällen keine Angst haben zu verhungern oder zu erfrieren.
    In diesem Sinne: Weniger ist Mehr - lasst uns daran arbeiten und Qualität wieder zu dem werden, was es einmal war: Langlebig, Reparierbar und darum Lebenslang oder über Generationen zu gebrauchen oder einfach Gesund. mehr weniger
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    schrieb am 19.03.2012 um 18:05
    Danke für das Interview, Ich denke, dieses Zitat wird Dir gefallen, Jörn:

    "Stellen wir uns einmal vor, die enormen jährlichen Vergnügungsreisekosten würden zur Verschönerung unserer Städte und Landschaften, zur Umgestaltung unserer Arbeitsplätze, für die Suche nach einem harmonischen Leben verwendet" Stellen wir uns vor, der Charme und die Schönheit der Ferienzeit sickere in unseren Alltag! Dann wären die Probleme von Müdigkeit und Erholungsbedürftigkeit gelöst durch das, was ich die "Lösung des Herzens" nennen möchte. Also: keine Ferien mehr oder - wenn man so will - endlose Ferien. Das wahre Leben, das wahre Glück ..." (Michel Tournier)

    gefunden im Buch "Die Ferienmenschen" http://www.utopia.de/gruppen/buecher-filme-und-tv-415/diskussion/die-ferienmenschen-200433 mehr weniger
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