Interview mit Valentin Thurn

"Die Hälfte aller Lebensmittel werfen wir weg"


Utopia: Herr Thurn, wie sind Sie darauf gekommen als Filmemacher das Thema Nahrungsmittelverschwendung aufzugreifen? 

Valentin Thurn: Wir haben einen Bericht über sogenannte Mülltaucher gedreht, die Supermarkt-Container nach Essbarem durchsuchen. Ich war erschüttert über die Mengen an perfekt aussehenden Lebensmitteln, oft noch originalverpackt und vor dem Ablaufdatum, und begann zu recherchieren. Bald schon stellte ich fest, dass es in Deutschland keinerlei Forschung zu dem Thema gibt, noch nicht einmal die Umweltverbände konnten mir weiterhelfen. In England und Österreich hingegen tobte die Diskussion schon seit Jahren, und von dort gab es auch wissenschaftliche Zahlen. Als ich das sah, beschloss ich: Wir brauchen auch in Deutschland eine gesellschaftliche Debatte über den Wert der Lebensmittel. 


Welche Recherche-Erkenntnis hat Sie persönlich am meisten erschüttert?

V. T.: Dass wir etwa die Hälfte aller Lebensmittel wegwerfen, vom Acker bis zum Teller. Und dass es immer mehr wird – seit 1974 ist der essbare Müllberg noch einmal um 50 Prozent gewachsen. Am schlimmsten waren die Brotberge, die Bäckereien werfen 20 Prozent ihrer Tagesproduktion weg, dazu kommt noch das, was die Verbraucher nicht essen.


Was hat sich seitdem an Ihrem eigenen Umgang mit Lebensmitteln geändert?

V. T.: Ich habe drei Kinder, da bleibt oft was übrig, wir frieren die Reste meist ein und zaubern daraus ein neues Gericht – eignet sich gut für Soßen oder Aufläufe. Wir haben eine Gemüsekiste vom Biobauern, und bringen unseren Kindern bei, was es heißt, saisonal zu kochen – was nicht leicht ist, weil das jetzt im Winter meist irgendwelche Kohl-Sorten heißt, die sie oft nicht mögen. Wir lagern auch unser Gemüse anders – zum Beispiel Lauch oder Salat in einem Wasserglas außerhalb des Kühlschranks. Und essen weniger Fleisch.


Welche konkreten Möglichkeiten hat jeder einzelne, um die Verschwendung von Nahrung klein zu halten?

V. T.: Jeder kann etwas tun. Zunächst einmal, indem man planvoll einkauft. Das ist bei einem Wocheneinkauf schwierig, weil sich oft erst danach herausstellt, dass man an einem Abend doch lieber ausgeht. Besser zwei oder dreimal einkaufen. Nur wenige kennen den Unterschied zwischen dem Verbrauchsdatum (Fleisch- und Fischprodukte, unbedingt beachten) und dem Mindesthaltbarkeitsdatum (nach Ablauf noch genießbar, überprüfen durch riechen, schauen, schmecken). Wer weniger wegwirft spart Geld und gewinnt dadurch Spielraum, besser einzukaufen. Menschen aus der Stadt müssen oft erst lernen, wie unterschiedlich das Gemüse auf dem Feld wächst, und wie sie Qualität erkennen können. Auf dem Wochenmarkt einkaufen, oder eine Gemüsekiste abonnieren, oder noch besser einer Erzeuger-Kooperative beitreten, statt Fertiggerichte im Supermarkt kaufen – die sind immer vorportioniert, meist zu groß, so dass immer etwas übrig bleibt. Selbst kochen kostet etwas Zeit, aber mit Routine ist das gar nicht so viel.


In „Taste The Waste“ treffen Sie "Mülltaucher", die sich aus Protest von Lebensmitteln aus Supermarkt-Mülltonnen ernähren. Wie weit ist diese Bewegung mittlerweile verbreitet?

V. T.: Das ist eine weltweite Bewegung, die uns bei den Dreharbeiten auch in den USA und Japan begegnet ist. Im Film ziehen wir mit zwei Wiener Mülltauchern los, die sich schon seit über zehn Jahren zu 90 Prozent aus der Tonne ernähren. Es gibt sogar eine Webseite, trashwiki.org, wo man die besten Orte fürs Mülltauchen weltweit nachschlagen kann. Es ist zwar nirgendwo richtig legal, aber dass wie in Deutschland Leute wegen „Mülldiebstahl“ vor Gericht verurteilt werden, habe ich sonst nirgendwo auf der Welt gehört.
An den Mülltonnen stinkt es vor allem im Sommer bestialisch, deshalb wird das Mülltauchen auch sicher nicht zu einer Massenbewegung werden, obwohl die Lebensmittel hygienisch unbedenklich sind, wenn man ein paar Sicherheitsregeln beachtet.

 

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    wetterwachs
    schrieb am 15.09.2011 um 10:46
    Bei uns kann man im Rewe Gemüse kaufen das nicht mehr ganz so gut aussieht. Da kostet ein Kilo nur noch 0,50€. So werden auch Reste aus Gebinden verkauft in denen ein oder zwei Teile nicht mehr gut waren. Diese werden dann aussortiert und der Rest wird in einem Beutel weiter verkauft. Auch...
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    bhellweg
    schrieb am 13.09.2011 um 12:26
    Wie war das nochmal mit dem Gammelfleisch?
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