Als wir noch in unserer alten Wohnung lebten, hatten wir sehr wohlhabende Nachbarn. Ihnen gehört eine alte Villa mit einem riesigen Garten hinter einer hohen Buchenhecke. Sie haben beleuchtete Kunstobjekte im Eingangsraum, und beschäftigen ganze Armeen von Gärtnern, Handwerkern und Haushaltshilfen, während die Dame des Hauses morgens zum Golfspielen fährt - mit einem Smart.
Ein umweltfreundliches Auto zum repräsentativen Lebensstil, Smart oder Mini, das ist gar nicht so selten in den reichen Hamburger Elbvororten. Auch wenn die meisten Repräsentier-Hausfrauen nicht ohne SUV auskommen. Der Smart meiner ehemaligen Nachbarin wäre aus ökologischer Sicht also durchaus lobenswert, wenn die Sache nicht einen kleinen Haken hätte: Der Smart ist das Drittauto.
Es gibt den großen Geländewagen, mit dem er zur Arbeit fährt, einen Sportwagen für beide, fürs Wochenende. Und eben den Smart für sie, für die kleinen Einkäufe zwischendurch.
Die umweltfreundliche Drittausstattung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist das ein bundesweites Phänomen: Obwohl neue Elektrogeräte immer weniger Energie benötigen, ist der Stromverbrauch der privaten Haushalte in den vergangenen Jahren gestiegen. Was für ein Wahnsinn! Strom ist teurer geworden, die Erkenntnis, dass der Klimawandel keine Erfindung von Fortschrittsmiesmachern ist, hat sich durchgesetzt, und trotzdem steigt der Verbrauch. "Ursache hierfür", teilen die Statistiker nüchtern mit, "ist die Anschaffung von Zweitgeräten." Zum Drittauto etwa der Zweitkühlschrank und der Viertfernseher. Und noch eine Ersatztiefkühltruhe. Ach ja, und der Junge braucht noch seinen eigenen Computer. Im Bad könnte ein weiterer CD-Player stehen, und wie wäre es mit einem Staubsauger pro Etage? Beim Heizen ist es ähnlich: Insgesamt wird effizienter und sparsamer geheizt, aber dafür haben die Leute größere Wohnungen.
Ich könnte es mir jetzt leicht machen und über meine neue Nachbarin lästern, die drei Fernseher hat (und wir haben nur einen ganz kleinen). Aber sie wiederum hat mich vergangene Woche zwei Mal dabei erwischt, wie ich mit dem Auto zum Kindergarten gefahren bin, als sie sich tapfer zu Fuß durch den Schneeregen gekämpft hat. Ich nehme das als Erinnerung daran, dass wir halb- bis dreiviertel konsequente Utopisten es uns zu leicht machen, wenn wir uns mit den Ökologie-Ignoranten vergleichen. Und gehe durch die eigene Wohnung, und gucke, was da zu viel ist.
Mit unserer Küchenausstattung bin ich zufrieden: Toaster, Mixer, Waffeleisen, mehr haben wir nicht. Aber dabei entdecke ich ein altes Ding, was eigentlich nur aus nostalgischen Gründen immer mit umgezogen ist: Großmutters Handkurbelmixer, ein massives Teil mit altgrünem Holzgriff und einer kleinen Kurbel. Sieht aus, als stammt er aus der Zeit des Räubers Hotzenplotz und als würde er "Alles neu macht der Mai spielen". An den Zahnrädern -- einem großen aufrechten, das auf zwei kleine trifft, die die Mixstäbe antreiben -- kann ich den Kindern wunderbar erklären, wie Kraftübertragung funktioniert. Und wenn ich an der Kurbel drehe, gehen die Mixer ganz schön ab. Als ich mir das Gerät genauer angucke, finde ich, er könnte den Elektromixer ersetzen. Wird morgen getestet.
Und noch eine Idee ist mir gekommen, als ich auf unser doppeltes Bügeleisen gestoßen bin. Das könnte ich spenden, im Asylbewerberheim oder in einem Verschenkladen abgeben, für Leute, die gerade eins brauchen. Vielleicht, werte Utopisten, ist das ein guter Vorsatz für 2009: Alle doppelten Geräten und alle, die jemand durch Muskelkraft ersetzen kann, verschenken und KEINE neuen kaufen!

Foto: Henrik Spohler
Dr. Tanja Busse ist Autorin
des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und
schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.
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Kommentare (7)
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PCs und Internet verbrauchen höllisch viel Energie, und ihr Innenleben ist die reinste Giftmüllhalde.
Was tun? fragt sich eine Utopistin, die weder Zweitkühlschrank noch Auto besitzt und deren Strom schon seit 9 Jahren vom Ökostromanbieter kommt... mehr weniger
Also: Raus mit den Halogen-Stehlampen! mehr weniger
Meine Überlegung:
Jeder kann sich seinen Teil an der Zerstörung der Natur nehmen. Das ist sein Geburtsrecht. Ich halte es für sinnvoller ihn nicht zu nehmen. Theoretisch. - Jeder von uns ist ein schwarzes Schaf. Auf irgendeinem Level. "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein."
Jeder kann nützlicher sein, als er schadet. Und dabei ist es meines Erachtens sinnvoll andere sie selbst sein zu lassen und sie trotzdem zu achten. "Gemeinsam effizienter!"
"Niemand handelt unachtsam!" Jeder handelt in seinem Rahmen der Achtsamkeit.
Wie inspierieren wir vermehrt die, über die wir maulen? Indem wir sie an den Pranger stellen? Oder in dem wir vorleben, wie wir mit unserem Tun Erfolg haben und nützlich(er?) sind, bzw indem wir sie achten mehr weniger
Zu radikal? In der "dritten Welt" haben viele nicht nur keinen Zweit-Kühlschrank, sondern überhaupt k-einen Kühlschrank.
Oft erreichen diese Menschen, was wir Westler verfehlen: einen ökologischen Fußabdruck von weniger als einer Erde. Jeder entscheidet selbst, wie er seinen Welt-Anteil zum Leben verwendet, aber mehr als 1 Erde / 6,7 Milliarden stehen ihm nicht zu. Die Zerstörung des eigenen Anteils ist verboten, denn er gehört uns nicht, er wurde uns nur von den zukünftigen Generationen geliehen.
Bei folgendem CO2-Rechner kann jeder sehen, wo er selber steht und welche Faktoren wichtig sind, um den eigenen ökologischen Fussabdruck auf weniger als eine Welt zu senken:
http://eco5.ecospeed.ch/privat/index.html?us=0&ln=0 mehr weniger