Kolumne: Die Einkaufsrevolutionärin (8)

Spenden zur Gewissensberuhigung?



„Spenden ist bürgerliche Gewissenberuhigung“, sagt S. und schließt daraus, dass man als politisch denkener Mensch nicht spenden muss. Leute, die spenden, sind naiv. Und bürgerlich. Selbstgefällige Gewissensberuhiger. S. dagegen ist Sozialist und weiß, dass man mit Spenden die Welt nicht rettten kann. Dazu braucht man die Weltrevolution.
Klar, er hat Recht, Spenden reichen nicht aus. Wenn 923 Millionen Menschen auf der Welt hungern, hilft keine kleine Überweisung an einen Wohltätigkeitsverein. Eine Weltordnung, die das zulässt, muss geändert werden.

Aber bis das passiert - und es gibt ja gute Gründe daran zu zweifeln, dass das je der Fall sein wird - muss man eben doch helfen. Jeder wie er kann. Und dazu gehört auch – spenden.
Man darf sich das nicht kleinreden lassen: Der größte Teil der deutschen Nicht-Regierungsorganisationen wird über Spenden finanziert, und ihre Wirkung ist riesig. Nicht allein in der direkten Nothilfe, etwa wenn die Ärzte ohne Grenzen AIDS-kranke Kinder versorgen oder die Welthungerhilfe Tonnen von Reissäcken verteilen. Sondern auch im Bereich der politischen Einflussnahme: Die NGOs haben ja längst begriffen, dass es nicht reicht, die akute Not zu lindern, sondern dass man vielmehr die Ursachen bekämpfen muss. So bezahlen viele NGOs mit ihren Spendengeldern auch Kampagner und Lobbyisten, die versuchen, Politiker zu einer nachhaltigen Politik zu bewegen. Greenpeace zum Beispiel hat in dieser Woche gerade Klimaalarm vor dem Bundestag gegeben: Weil das Umweltbundesamt die Importe von Palmöl aus dem indonesischen Regenwald für deutsche Heizkraftwerke erlaubt – obwohl das Erneuerbare-Energien-Gesetz eigentlich nachhaltiges Heizmaterial vorschreibt. Natürlich ist es toll, wenn man sich an einer solchen Aktion beteiligt. Aber wenn man das eben nicht kann, dann ist spenden besser als nichtstun. Und vor allen Dingen wirkungsvoller.

Überhaupt läuft der Vorwurf der Gewissensberuhigung ins Leere. Beruhigt es etwa das Gewissen, wenn man weiß, dass man ein kleines bisschen geholfen hat – wenn noch so viel getan werden muss und so viel noch falsch läuft? Ich finde, es passiert genau das Gegenteil: Wenn man einmal begonnen hat, sich für die Not der anderen zu interessieren, wird das Gewissen immer schlechter. Ich fühle mich gar nicht beruhigt, wenn ich „Rettet den Regenwald“ nichts spende, weil ich schon einen Dauerauftrag an Ärzte ohne Grenzen habe. Oder wenn ich dem zweiten obdachlosen Verkäufer keine Zeitung abnehme, weil ich sie schon beim ersten gekauft habe.

Spenden zur Gewissensbeunruhigung trifft es wohl eher. Man soll es trotzdem tun. Das spornt an.
Was schreibt der Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter, der Mann, der so beunruhigt war, dass er quasi im Alleingang den Kampf gegen Kinderausbeutung in indischen Steinbrüchen aufgenommen hat, immer unter seine Mails?
Gesegnete Unruhe.


Foto: Henrik Spohler


Dr. Tanja Busse ist Autorin
des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und
schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.

 

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    Mario_Sedlak
    schrieb am 13.05.2010 um 10:13
    Spenden ist (leider) überwiegend eine Gefühlsentscheidung. So wird z. B. viel mehr für Tierschutz als für Artenschutz gespendet. Die Leute spenden, wenn sie mit einem "aufwühlenden" Schicksal konfrontiert werden. Gleichzeitig kritisieren sie die Ausgaben für die Spenderwerbung (die sie durch ihr...
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    LazarusLong
    schrieb am 12.03.2009 um 14:20
    Brutal, oder? Die meisten Spenden kommen nicht dort an, wo sie hinsollen, versickern in aufgeblähten Bürokratiewasserköpfen oder landen in den Taschen korrupter Politiker. Und wenn sie dann doch mal bei den bedürftigen ankommen, ist es meist planloser Aktionismus statt Hilfe zur Selbsthilfe. Ich...
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