Die Einkaufsrevolutionärin (3)

Tante Emma statt Onkel Aldi


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als die Bauern streikten, sind wir abends von Hamburg bis nach Dithmarschen gefahren, um zu sehen, ob es stimmt, dass die Milchbauern die Molkereien blockieren wie ein Jahr zuvor Globalisierungskritiker den G8-Gipfel in Heiligendamm. Und tatsächlich: Im Scheinwerferlicht saßen sie am Straßenrand, spielten Karten, tranken Bier und wurden kein bisschen unruhig, als ein Polizeichef mit ihnen über die Räumung reden wollte. An diesem Abend hatten sie die Macht: Wer um alles in der Welt sollte einen drei Tonnen schweren Schlepper räumen? Ein Molkereichef sagte in die Mikrofone der Journalisten: "Die Discounter sind Schuld. Die haben die Macht, die Preise zu drücken. Wenn Lidl und Aldi die Milchpreise senken, müssen die anderen nachziehen. Gegen die Marktmacht eines Konzerns mit Milliarden-Umsatz kommt kein Bauer an, auch wenn er noch so zornig ist."


Es sind gerade einmal sechs Unternehmen, die bestimmen, was in Deutschland zu essen und zu trinken verkauft wird, und was es kostet. Diese sechs – Aldi, Lidl, Edeka, Tengelmann, Rewe und Metro – haben einen Marktanteil von etwa 90 Prozent. Und als sei das noch nicht konzentriert genug, hat das Bundeskartellamt jetzt erlaubt, dass Edeka und Plus fusionieren dürfen. Zusammen mit den Netto-Märkten basteln sie sich nun eine neue Discounterkette.

Die Rechnung geht so: Mehr Einkaufsmacht, mehr Druck auf die Lieferanten, niedrigere Einkaufspreise, schlechtere Arbeitsbedingungen für die Produzenten. Weniger Geld für die Milchbauern in Dithmarschen und im Allgäu, genauso wie für die PlantagenarbeiterInnen in Ecuador und Costa Rica. Wie mies die großen Handelsunternehmen ihre Marktmacht ausnutzen, hat Oxfam gerade am Beispiel des Obstanbaus in Mittelamerika untersucht.

Für Einkaufsrevolutionäre kann das nur eines heißen: Wir müssen diese Ketten so gut es geht boykottieren! Karl und Theo Albrecht, die Besitzer von Aldi Nord und Süd, besitzen jeder für sich mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Sie verdienen auch auf Kosten der knapp bezahlten KassiererInnen, der PlantagenarbeiterInnen und der Milchbauern. Wir sollten geizig sein, wenn es darum geht, den beiden reichsten Männern Deutschlands noch mehr Geld zu geben.
Lieber soll es Tante Emma haben, wobei Tante Emma bei uns Onkel Wilhelm ist, der erste Biobauer am Stadtrand, mit dem Fahrrad in zehn Minuten zu erreichen. Der hat eine Herde Rinder, dreihundert Hühner und eine Menge Gemüsefelder; in der Scheune hat seine Frau einen Bioladen eingerichtet, nach dem Einkaufen dürfen die Kinder im Heu spielen, die Kaninchen streicheln und die Hühner füttern.

Ich weiß, nicht jeder kann sich die höheren Preise dafür leisten, Bauernhofläden gibt es nicht mitten in der Stadt, und selbst auf dem Land sind sie nur selten zu finden. Aber vielleicht gibt es einen Ökokorb-Lieferanten? Oder einen kleinen Bioladen um die Ecke? Alles ist besser als Supermarkt-Ketten, die mit Milch zu Dauerniedrigpreisen werben.

Text: Tanja Busse


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Foto: Henrik Spohler

Dr. Tanja Busse ist Autorin des Buches „Die Einkaufsrevolution“. Sie lebt in Hamburg und arbeitet dort als Moderatorin und Autorin, unter anderem für das Greenpeace Magazin. 

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    Mario_Sedlak
    schrieb am 13.05.2010 um 10:57
    Sehe ich auch so wie Tanja Busse: Wenn die Konsumenten bereit wären, mehr zu bezahlen, müssten die Bauern nicht zum Billigstpreis arbeiten. Wer Bio-Milch kauft, verhindert, dass der Bauer seine Kuh mit importiertem Kraftfutter aus Lateinamerika füttern muss. Und das für grad mal 25...
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    sunrainmoon
    schrieb am 12.03.2010 um 01:17
    Jau! Und alle Workaholics die sich kaputtarbeiten, geben die Hälfte ihrer Arbeitsstellen an Arbeitslose, sodaß diese dann den Weg zu Biodirektvermarktenden finden, weg von den asozialen Grossmärkten!
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