Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Die Einkaufsrevolutionärin (10)

Leben in der Giftmülldeponie?



Für unser Haus haben wir uns Naturstein ausgesucht. Ich hatte so etwas wie italienische Bürgersteige im Kopf, Jahrhunderte alt und wunderschön ohne Pflege. Also bestellten wir hellen Kalksandstein, nicht glänzend wie polierter Marmor, sondern matt. Aus Italien, nicht aus Indien. Dort herrschen in Steinbrüchen oft ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Ich hatte die Filme von Benjamin Pütter gesehen, der als Kinderarbeitsexperte von Misereor in solchen Steinbrüchen recherchiert hat. Getarnt als Steinhändler. Die verstaubten zernarbten, von den lauten Maschinen oft schwerhörigen Lohnsklaven-Kinder hatten ihn so schockiert, dass er ein Label für faire Arbeitsbedingungen in indischen Steinbrüchen aufgebaut hat. Xertifix heisst es. Aber in unseren Fliesenläden haben wir kein Xertifix entdeckt, und Steine aus Indien zu importieren schien uns ohnehin ökologischer Wahnsinn. Also bekam unser Bad einen italienischen Kalksandstein.

Naturstein, dachten wir, bis wir den Fliesenleger mit einer großen Blechdose aus der Baustelle kommen sahen. Schwarzes X auf orangem Grund. Was ist denn das? frage ich ihn, irritiert. „Das? Na, die Imprägnierung“, antwortet der Fliesenleger. „Empfindliches Zeug, was sie sich da ausgesucht haben.“ Ich habe inzwischen gelernt, dass gewöhnliche Baustellen, auch von Niedrigenergiehäusern, wahre Giftküchen sind.
Ich hatte mich damit abgefunden, dass wir kein Geld mehr für Lehmputz und Quarkfarben hatten. Aber wenigstens im Badezimmer wollten wir barfuss auf alten Steinen laufen, die die toskanische Sonne gespeichert hatten, ohne irgendeine Schicht mit Warn-X dazwischen. Woraus besteht denn diese Imprägnierung, will ich wissen. Der Fliesenleger hält mir das Andreaskreuz vor die Nase. „Völlig harmlos“, sagt er. „Lüften Sie drei Tage!“ Mindergiftig steht auf der Packung, und das Produktdatenblatt im Internet verwirrt mich vollends: Oben steht „lebensmittelecht“ und unten steht „gesundheitsschädlich“.
Was denn nun, frage ich per Mail den Hersteller, das eine oder das andere? Die Antwort kommt schnell und ist unmissverständlich klar: „Fila MP90 ist lebensmittelecht gemäß unserem obigen Zertifikat (Dichiarazione). Falls es verschluckt würde, wäre es gesundheitsschädlich, wie alle Reinigungsmittel.“ Aha, dann ist es ja gut, trinken wollen wir´s ja nicht.

Was hatte der Fliesenleger noch gesagt, der nicht verstehen wollte, was wir an seiner Blechbüchse auszusetzen hatte? „Ihre Steine muss man ab und zu neu versiegeln, die Imprägnierung löst sich ab.“ Und wohin löst sie sich? Vermutlich fliegen die Partikel auf dem direkten Weg in die Giftmülldeponie, nehme ich an. Und wenn man sich ihnen nicht in den Weg stellt, dann ist das bestimmt auch lebensmittelecht. Ich habe verstanden: Wenn man in ein neues Haus zieht, muss man vorher Baubiologie studieren. Und einen baubiologisch ausgebildeten Türsteher am Baustelleneingang platzieren.


Foto: Henrik Spohler

Dr. Tanja Busse ist Autorin
des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und
schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.

+++

Stand: 11.03.2009 von

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    schrieb am 02.02.2011 um 21:50
    Hallo Tanja ! Herzlichen Glückwunsch zum Einzug in die Giftmülldeponie !
    Vielleicht nicht das , was man sich in Monaten und Jahren des Vorbereitens und Planens
    ausgemalt hat . Da ich ein Feind von Schwarz-Weiß -Malerei bin , ein Versuch eines Hinweises ,
    zur Verbesserung der Situation : Überall wo gebaut wird , ist Bauchemie im Einsatz ,und teilweise kaum zu ersetzen . Wer im Fußbodenbereich keine Giftstoffe einsetzen will , kann sowohl Holz , Terrakotta , als auch
    Naturstein mit Leinöl oder sogar mit Olivenöl imprägnieren , sieht super aus , hält nur paar Monate und muß dementsprechend oft erneuert werden .Dafür kann man bei Bedarf unbedenklich vom Fußboden essen . Es sollte nur nicht jeder Handwerker daraufhin angesprochen werden , da man die in der Regel
    zu 5 Jahren Gewährleistung zwingt , was sich natürlich ausschließt .
    Ansonsten gibt es genügend Fachliteratur zu allen Oberflächenbeschichtungen , die sich sehr gut ökologisch umsetzen lassen , also nicht den Mut verlieren und immer mal Olivenöl einkaufen ! mehr weniger
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    schrieb am 12.03.2009 um 10:31
    wichtiger Hinweis auf die Arbeitsbedingungen in indischen Steinbrüchen. Vielleicht würden Fotos von dort in einer großformatigen Xertifix-Plakataktion Freunde billiger Natursteinimporte für das Thema sensibilisieren.

    Wir haben uns ein Niedrigenergie-Öko-Holzhaus gebaut. Im Bad liegen "Solnhofener Platten" aus dem Altmühlthal. Der Fliesenleger hat uns freundlicherweise gefragt, ob er unsere Fliesen mit der üblichen Chemie versiegeln soll oder wir uns selbst drum kümmern möchten. Wir haben gegoogelt und verschiedene Expertenforen verfolgt.
    Ergebnis:
    Wir pflegen unsere unversiegelten Natursteinfliesen mit Marseiller Seife (Fa."Kreidezeit") oder einer sogenannten "Steinseife" (Geheimrezept, wahrscheinlich auch nur Marseiller Seife o.ä. aber teurer) und sind sehr zufrieden damit. mehr weniger
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