Kein Licht im Dunkel - das neue EU-Bio-Siegel
18Es soll eins für alle sein und schnellen Durchblick im Bio-Siegel-... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Für unser Haus haben wir uns Naturstein ausgesucht. Ich hatte so etwas wie italienische Bürgersteige im Kopf, Jahrhunderte alt und wunderschön ohne Pflege. Also bestellten wir hellen Kalksandstein, nicht glänzend wie polierter Marmor, sondern matt. Aus Italien, nicht aus Indien. Dort herrschen in Steinbrüchen oft ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Ich hatte die Filme von Benjamin Pütter gesehen, der als Kinderarbeitsexperte von Misereor in solchen Steinbrüchen recherchiert hat. Getarnt als Steinhändler. Die verstaubten zernarbten, von den lauten Maschinen oft schwerhörigen Lohnsklaven-Kinder hatten ihn so schockiert, dass er ein Label für faire Arbeitsbedingungen in indischen Steinbrüchen aufgebaut hat. Xertifix heisst es. Aber in unseren Fliesenläden haben wir kein Xertifix entdeckt, und Steine aus Indien zu importieren schien uns ohnehin ökologischer Wahnsinn. Also bekam unser Bad einen italienischen Kalksandstein.
Naturstein, dachten wir, bis wir den Fliesenleger mit einer großen Blechdose aus der Baustelle kommen sahen. Schwarzes X auf orangem Grund. Was ist denn das? frage ich ihn, irritiert. „Das? Na, die Imprägnierung“, antwortet der Fliesenleger. „Empfindliches Zeug, was sie sich da ausgesucht haben.“ Ich habe inzwischen gelernt, dass gewöhnliche Baustellen, auch von Niedrigenergiehäusern, wahre Giftküchen sind.
Ich hatte mich damit abgefunden, dass wir kein Geld mehr für Lehmputz und Quarkfarben hatten. Aber wenigstens im Badezimmer wollten wir barfuss auf alten Steinen laufen, die die toskanische Sonne gespeichert hatten, ohne irgendeine Schicht mit Warn-X dazwischen. Woraus besteht denn diese Imprägnierung, will ich wissen. Der Fliesenleger hält mir das Andreaskreuz vor die Nase. „Völlig harmlos“, sagt er. „Lüften Sie drei Tage!“ Mindergiftig steht auf der Packung, und das Produktdatenblatt im Internet verwirrt mich vollends: Oben steht „lebensmittelecht“ und unten steht „gesundheitsschädlich“.
Was denn nun, frage ich per Mail den Hersteller, das eine oder das andere? Die Antwort kommt schnell und ist unmissverständlich klar: „Fila MP90 ist lebensmittelecht gemäß unserem obigen Zertifikat (Dichiarazione). Falls es verschluckt würde, wäre es gesundheitsschädlich, wie alle Reinigungsmittel.“ Aha, dann ist es ja gut, trinken wollen wir´s ja nicht.
Was hatte der Fliesenleger noch gesagt, der nicht verstehen wollte, was wir an seiner Blechbüchse auszusetzen hatte? „Ihre Steine muss man ab und zu neu versiegeln, die Imprägnierung löst sich ab.“ Und wohin löst sie sich? Vermutlich fliegen die Partikel auf dem direkten Weg in die Giftmülldeponie, nehme ich an. Und wenn man sich ihnen nicht in den Weg stellt, dann ist das bestimmt auch lebensmittelecht. Ich habe verstanden: Wenn man in ein neues Haus zieht, muss man vorher Baubiologie studieren. Und einen baubiologisch ausgebildeten Türsteher am Baustelleneingang platzieren.

Foto: Henrik Spohler
Dr. Tanja Busse ist Autorin
des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und
schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.
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Kommentare (2)
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Hugo63
schrieb am 02.02.2011 um 21:50 ¶b.lichtblau
schrieb am 12.03.2009 um 10:31 ¶Kommentar schreiben
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