Die Einkaufsrevolutionärin (1)

Warum wir die Ampel brauchen



Ampeln aufs Essen, das ist der gemeinsame Vorschlag von Grünen, Linken und Sozialdemokraten zur Rettung der dicken Kinder. Nach britischem Vorbild soll künftig ein grüner, gelber oder roter Kreis beim Einkauf helfen: grün für unbedenklich, gelb für grenzwertig und rot für einen hohen Anteil an Zucker, Fett und Salz.

Das Ampelmodell wäre eine klare Ansage gegen die riesige Macht der Werbung.
Nicht nur Kinder glauben ja, Lebensmittel mit bunten Bildchen und Tierchen drauf und Aufklebern drin sei für sie gemacht von irgendwem, der es gut mit ihnen meint. Wenn die Ampel käme, dann bekämen die meisten Kinderlebensmittel vermutlich ein rotes Licht, und Eltern hätten es leichter, die Kinder beim Einkauf von den bunten Produkten im Kühlregal und vom Süßigkeitenregal wegzuziehen. Grün, gelb und rot versteht auch jedes Kindergartenkind.

Das weiß auch die Lebensmittelindustrie.
Deshalb wehrt sie sich gegen eine transparente und leicht verständliche Kennzeichnung, und wie es scheint, ist sie dabei erfolgreich. Im Moment sieht es nicht so aus, als werde der Ampel-Vorschlag eine Mehrheit im Bundestag bekommen. Bei zwei Millionen übergewichtigen Kindern in Deutschland ist das ziemlich bedauerlich.
Foodwatch hat gezeigt, wie die Lebensmittellobby Druck auf Landwirtschaftsminister Horst Seehofer gemacht. Mein Vorschlag, für alle, die das wütend macht: Schließen Sie sich der Gegenlobby an! Fordern Sie von Ihrem Bundestagsabgeordneten und den zuständigen Fachpolitikern eine bessere Lebensmittelkennzeichung! Bei Foodwatch gibt es Musterbriefe.

Und wenn Sie schon einmal dabei sind, überlegen Sie doch, welche Informationen Ihnen noch fehlen, wenn Sie Lebensmittel kaufen. Denn die Kennzeichnung für Zucker- und Fettgehalt geht natürlich lange nicht weit genug. Was ist mit Zusatzstoffen? Was mit den Arbeitsbedingungen bei der Herstellung? Und mit den Transportwegen und dem CO2-Verbrauch? Grünes Licht für regionale Produkte, rotes für Äpfel aus Neuseeland? Wie viel virtuelles Wasser hat das Produkt verschluckt? Das Greenpeace-Magazin hat dazu gerade virtuelle Wassertropfen veröffentlicht: In einem 300-Gramm-Steak stecken etwa 4500 Liter. Die Tierschutzstandards müssten natürlich auch geampelt werden.

Eine solche Kennzeichnung wäre wichtig, um den Kunden das Einkaufen zu erleichtern.
Doch es birgt auch eine Gefahr, über die man zumindest nachdenken muss: Die Achtzehn-Punkte-Ampel plus Inhaltsstoffangabe plus Biosiegel und Ökotest würde eine Verwissenschaftlichung unserer Ernährung bedeuten. Sie könnte den Konsumenten dazu verleiten, beim Einkaufen nur noch auf die ernährungswissenschaftlich gesetzte Parameter zu achten. Was wir auch noch brauchen, ist eine Schärfung unserer Sinne.

Der grüne Europaparlamentarier und Biobauer Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf hatte mich bei der Recherche für mein Buch „Einkaufsrevolution“ erst darauf gebracht:
„Wenn sie ein ordentliches Aroma in Ihren Pool schütten“, spottet er, „dann denken Sie, Sie schwimmen in Erbsensuppe!“ So weit sind die Verfremdungstechniken der Ernährungsindustrie mit ihren Konservierungsmitteln, künstlichen Aromen und Farbstoffen. Dagegen helfen Ampeln im Supermarkt. Aber eben auch: fühlen, riechen und schmecken. Alles tun, was ein Bauchgefühl fürs Essen schafft: An der Erde von den Möhrenwurzeln riechen, selber Kartoffeln ausgraben, die grüne Schale von Walnüssen abpulen, Kirschen vom Baum pflücken. Und für Fortgeschrittene (mein Vater konnte das): Selber melken, die Milch noch kuhwarm trinken und schmecken, womit die Kuh gefüttert wurde.


Foto: Henrik Spohler

Dr. Tanja Busse ist Autorin des Buches „Die Einkaufsrevolution“, arbeitet als Moderatorin und schreibt für das Greenpeace Magazin. Sie lebt in Hamburg.

 

 

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    Catlicita
    schrieb am 15.08.2010 um 16:36
    Einzelne Aufdrucke würden meiner Meinung nach alles zu verkomplizieren. Außerdem würden sehr wahrscheinlich keine gesunden Produkte die grüne Ampel bekommen, sondern eben Fett und Zuckerarme, das ist wie gesagt aber nicht immer gesund. Ich bin aber nicht gegen die Ampel, ich finde nur, es sollten...
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    Mario_Sedlak
    schrieb am 13.05.2010 um 11:22
    Ich bin ein Gegner der Ampel. Sie suggeriert, dass eine gesunde Ernährung nur mit dem Anteil von Zucker, Fett und Salz zu tun hat. So einfach ist das aber wirklich nicht! Getrocknetes Obst hat viel Zucker, ist aber gesund. Ein aromatisiertes Fertigprodukt mit Geschmacksverstärkern ist ungesund,...
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