Kolumne: Die Einkaufsrevolutionärin (7)

Zwangsversorgt mit Atomstrom



Vor drei Monaten haben wir Post bekommen: „Wir begrüßen Sie als unseren neuen Kunden und freuen uns, dass Sie sich für Vattenfall als Ihren Energieversorger entschieden haben. Zahlen Sie bitte usw. ...“

Bitte was haben wir? Vattenfall? Sicher nicht! Wutschnaubend rufe ich unseren Architekten an und schimpfe laut los: „Vattenfall baut ein Kohlekraftwerk mitten in den Klimawandel, und Sie melden uns da an? Sie bauen Niedrigenergiehäuser! Sie werben damit, dass Sie Kunde bei Greenpeace Energy sind!“
Er habe das tun müssen, sagt der Architekt, weil Vattenfall das Stromnetz gehört – und die Zähler.
Wie unverschämt vom Strommonopolisten, aus dieser Pflichtanmeldung einen Stromvertrag zu konstruieren und dann auch noch Freude zu heucheln - über eine Entscheidung, die es gar nicht gegeben hat. Und wie gut, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem Verträge erst einmal unterschrieben werden müssen, bevor sie gültig sind. Dachte ich.

Ich habe bei diesem Umzug alles in der allerletzten Sekunde gemacht, doch in dieser Sache war ich schnell: Schon Wochen vor dem Umzug, als noch keine Kiste gepackt war, meldete ich bei Greenpeace Energy an. Sechs Wochen bis nach dem Einzug hätte ich Zeit zum Stromwechseln gehabt, erfahre ich.
Bisher bekam ich Strom von Lichtblick, das fand ich gut, doch das Genossenschaftsmodell von Greenpeace Energy fand ich noch besser, und ein Umzug war ein guter Anlass zu wechseln. Endlich mal was schnell erledigt, dachte ich, und machte einen Haken auf meiner Liste.

Und dann bekam ich wieder Post von Vattenfall. Entschuldigen Sie unseren Irrtum, wollte ich lesen. Doch da stand: „Wir begrüßen Sie als unseren neuen Kunden!“ Ich fühlte mich wie Donald Duck, wenn er erhobenen Hinterteils in die Luft springt. Greenpeace Energy mailte am gleichen Tag die Erklärung dazu: Uns wurde die Stromlieferung verweigert, weil Sie schon einen Vertrag mit Vattenfall geschlossen haben.

DAS HABE ICH NICHT! hämmerte ich in die Tasten. „Verstehen Sie das doch endlich!“ Wie wollen die denn ihr Kohlekraftwerk steuern, wenn sie nicht einmal ihre Kundenkommunikation koordiniert bekommen? Die Frau bei Greenpeace Energy war entspannter: Versuchen Sie es doch einmal im persönlichen Gespräch, riet sie mir. Also rief ich Vattenfall an – zwischen Möbelpackern und Waschmaschinenlieferanten – und erklärte alles noch einmal: Dass ich gar nicht, wie behauptet, seit Juli Kundin bei Vattenfall sein könne, weil ich ja heute erst eingezogen sei. Ja, sagte die Servicecenterdame, dann hat vermutlich der Monteur des Stromzählers einen Fehler gemacht. Mailen Sie uns doch das Abnahmeprotokoll.

Beweislastumkehr nennen Juristen so etwas: Nicht der Schmutzstromproduzent muss beweisen, was er behauptet, nämlich, dass ich von ihm schmutzigen Strom beziehen möchte, sondern ich muss dessen Behauptungen widerlegen. Ich finde das blöd, aber ich will meine Ruhe. Und Strom von Greenpeace Energy. Und faxe also unser Übernahmeprotokoll.

Am übernächsten Tag bekomme ich wieder Post von Vattenfall: „Wir begrüßen Sie als unseren neuen Kunden!“ Und am Tag drauf gleich noch einmal, diesmal keine Begrüßung, sondern eine juristisch klingende Bestätigung über das zustande gekommene Anschlussnutzungsverhältnis zwischen denen und mir. Nach der Niederspannungsanschlussverordnung. Und Paragraph 4 von irgendwas. Ich halte den Brief in der Hand und flüstere leise: Ich will kein Verhältnis mit Vattenfall. Und ich ahne: Vattenfall wird mir jetzt täglich schreiben. Mich begrüßen. Sich freuen. Verhältnisse begründen. Mich zur Grundsteinlegung des Kohlekraftwerks Moorburg einladen. Behaupten, ich hätte Anteile erworben. Auf einer Unterschriftenliste für die Baugenehmigung von Moorburg unterschrieben. Ein Shirt mit dem Firmenlogo bestellt.

Später kommt eine tröstende Mail von Greenpeace Energy: Wir haben es noch einmal versucht, die Stromversorgung für Sie zu beantragen.

Spätestens in der letzten Oktoberwoche erwarten wir eine Antwort.



Nachtrag: Mittlerweile ist Tanja Busse tatsächlich gut versorgt - und zwar mit Ökostrom.


Foto: Henrik Spohler

Dr. Tanja Busse ist Autorin
des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und
schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.

von


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    Florian Besser
    schrieb am 22.10.2008 um 23:54
    Jawoll, zeig's ihnen! Je mehr Mitarbeiter von Vattenfall mitbekommen, dass die ungewollten KundInnen rebellieren, desto besser. Naja, zumindest solange ich nicht selber betroffen bin und den Ärger habe. Wer keine ganz so aufmerksame Betreuung erfährt, kann ja von sich aus einen "Abschiedsbrief"...
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    inaktiver Utopist 15118
    schrieb am 17.10.2008 um 09:25
    Mein Wechsel zu einem Ökostromanbieter verlief problemlos. Der "Schmutzstromzähler" der e.on befindet sich zwar immer noch im Eigentum der Stadtwerke, wird aber von diesen praktisch nur mehr "betreut". Interessant wäre zu wissen, was im Netzanschlussvertrag des Architekten steht (Vertragslaufzeit...
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