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Kontroverse

Das neue Tierschutzlabel – Blutige Verbrauchertäuschung oder weniger Qualen?

Ab jetzt gibt es ein Siegel für Fleisch in großen Supermarkt-Ketten. Aber ist dieser Kompromiss zwischen industrieller Massentierhaltung und ökologischer Nische echter Tierschutz? Darüber ist ein Streit entbrannt, der die Tierrechtler zunehmend spaltet und ein moralisches Dilemma offenbart, auf das es keine einfachen Antworten gibt. Wir geben einen Überblick und sprechen mit Gegnern und Befürwortern.


Das neue Tierschutzlabel – Fluch oder Segen für den Tierschutz?

Am Mittwoch, den 16. Januar 2013, wurde in Berlin zum Start der Grünen Woche ein neues Essens-Siegel vorgestellt. Der Deutsche Tierschutzbund und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner präsentierten zusammen das zweistufige „Tierschutzlabel“. Dieses soll die Haltungsbedingungen von Tieren in Massenhaltung verbessern und ist somit für Supermärkte und große Verbreitung angelegt. Man findet es seit letzter Woche beispielsweise bei Tengelmann, Edeka und sogar dem Discounter Lidl. Das Label wird es in zwei Stern-Stufen geben, wobei ein Stern für die Einsteigerstufe und zwei Sterne für die Premiumstufe stehen. Vorerst gibt es das Label für Schweine- und Hühnerfleisch, in Zukunft sollen jedoch sämtliche Sorten abgedeckt werden. 

Die „Einsteigerstufe“ liegt laut Tierschutzbund „deutlich über gesetzlichen Regelungen“. Beispielsweise dürfen Ferkel nur unter Betäubung kastriert werden, es soll mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten geben und Hühnchen dürfen nur begrenzt schnell gemästet werden. Dass es sich dabei nichtsdestotrotz um einen Minimalkompromiss handelt, zeigt die Aufnahme von Deutschlands verschrienstem Geflügelproduzenten, Wiesenhof, in das Einsteigerlabel. Die Premiumstufe soll in ungefähr mit den Haltungsbedingungen von Bio-Betrieben vergleichbar sein. Die Bio-Branchenzeitschrift Schrot&Korn meint dazu jedoch: „Vom Bio-Standard ist es in fast allen Kriterien ein gutes Stück entfernt.“ Nur einige Kriterien des Premium-Labels seien mit Öko-Standards vergleichbar, etwa Platz und Auslauf der Schweine sowie Lebensdauer der Hühner.

Tierschutzlabel Einstiegsstufe Deutscher Tierschutzbund Tierschutzlabel Premiumstufe Deutscher Tierschutzbund

Doch ist echter Tierschutz überhaupt mit Tierhaltung und -tötung vereinbar? Und wird vor allem die Einsteigerstufe mit ihrem gefährlichen Minimalkompromiss auf Dauer bessere Siegel schwächen? Wir haben mit Christian Vagedes von der Veganen Gesellschaft Deutschland, einem der Wortführer im Widerstand gegen das Label, und Marius Tünte, dem Pressesprecher des Deutschen Tierschutzbundes, gesprochen.

„Solch irreführende Zertifizierung gehört gesetzlich verboten!“ – Kritik am Tierschutzlabel

„Es ist Zeit für mehr Ehrlichkeit. Wahrer Tierschutz geht nur vegan.“ Mit dieser Aussage fasst Christian Vagedes den größten Kritikpunkt am Label zusammen. Trotzdem begrüßt er auch Verbesserungen in der Tierhaltung, nur sei das eben nicht würdig für ein Tierschutzlabel sondern, wenn überhaupt, ein „Tierhaltungsverbesserungs-Label, sofern denn das, was das Label hier auszeichnet, überhaupt einen wirklich nennenswerten Fortschritt für den Tierschutz und das Wohlergehen der Tiere darstellt, was wir bezweifeln. Mit diesen Zweifeln ist er nicht allein: Jan Plagge vom Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft befürchtet, dass Verbraucher kaum darauf achten werden, ob nun ein oder zwei Sterne auf der Verpackung seien, gerade das Einsteigerlabel sie aber „weit von jeder artgerechten Tierhaltung entfernt.“ Gerald Wehde von Bioland sieht das Problem vor allem bei der Stärkung industrieller Strukturen, die einem gesunden, nachhaltigen Ansatz schon von Grund auf entgegen stehen.

Aber sind diese Gründe so triftig um mit einem internen Streit die Tierschutzbewegung zu schwächen? Christian Vagedes stellt noch einmal klar: Wer dieses Label unterstützt, hält auch in Zukunft Tötung und Tierschutz für vereinbar. Und wer tötet betreibt keinen wirklichen Tierschutz. „Was die Entwicklung hin zu einer veganen Gesellschaft aufhält sind gerade diese Scheinlegitimierungen von angeblich die Tiere schützenden Fleischprodukten und immer neuen Ausreden. Vom sogenannten Tierschutz-Label für Fleisch, das der Tierschutzbund vergibt, geht also definitiv das falsche Signal aus.“

Thema: Bio, Stand: 24.01.2013 von

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    schrieb am 17.02.2014 um 23:35
    Fleisch und Tierschutz ist ein Widerspruch in sich, denn wie soll es denn aussehen oder sich für die Tiere anfühlen, das tiergeschützte Töten???
    Bio bedeutet doch nicht tierleidfrei, wann kapieren das die Menschen endlich
  • gelöscht am 16.02.2013 um 21:45 von lukita
    Dieser Kommentar wurde gelöscht..
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    schrieb am 06.02.2013 um 16:05
    So etwas wie „tierschutzgerecht oder human produziertes Fleisch“ gibt es nicht.

    dazu auch eine Stellungnahme von Peta:
    http://www.peta.de/web/tierschutzlabel.6824.html?pk_campaign=NewsFeb2013
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    schrieb am 06.02.2013 um 13:22
    Dieser Bericht in REPORT MAINZ hat mir wieder gezeigt, dass selbst die Currywurst auf dem Wochenmarkt schon problematisch ist. Da ich mir selten Biofleisch aus Kostengründen leisten kann, bin ich immer mehr zum fleischarmen oder vegetarischen und jetzt sogar manchmal schon veganen Essen übergegangen. Leider wird vegetarisch nur sehr eingeschränkt im Restaurant angeboten und vegan so gut wie gar nicht. Leider ist der Kreis der Leute, die bewusst handeln, immer noch zu klein. mehr weniger
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    schrieb am 05.02.2013 um 14:33
    Heute abend (5.2.) berichtet "Das ARD-Magazin REPORT MAINZ [...] über das Pro-Fleisch-Label des Deutschen Tierschutzbundes: "Greenwashing durch neues Label: Wie Tierschützer der Fleischindustrie ein besseres Image verschaffen". Bildmaterial, welches von Animal Rights Watch (ARIWA) zur Verfügung gestellt wurde, untermauert die Vorwürfe."

    http://www.ariwa.org/aktivitaeten/545-tierwohllabel-januar-2013.html mehr weniger
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