Die Weichmacher
7Richtig kompliziert wird das Leben unseres Autoren als junger Vater,... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Meine Tochter ist da, sie hatte eine Woche Verzug. Überlänge sozusagen. Jetzt wo sie da ist, macht das aber nichts mehr. Es macht auch nichts, dass die Geburt eher anstrengend war, denn natürlich ist die Tochter das schönste Kind der Welt, superklug, hochtalentiert, musisch begabt und überhaupt ganz aufgeweckt, keine Frage.
Leider allerdings, und das mindert den Spaß an der Neuerwerbung ganz erheblich, gibt es momentan nur zwei Phasen in ihrem Leben. 1. Sie schläft. 2. Sie schreit.
Wobei sie letzteres mit einer Inbrunst und Penetranz tut, die selbst stalinistischen Folterknechten das Blut gefrieren lassen würde. Vor kurzem habe ich mir daher Ohrenstöpsel besorgt und solche auch lächelnd an meine Nachbarn verteilt.
Wir brauchen sie ganz besonders dann, wenn ich die Windeln des Kindes wechsele.
Und das tue ich oft. Mein Windelverbrauch ist immens. Manchmal muss ich das Kind zehnmal am Tag wickeln. Neulich erfuhr ich, dass der kleine Sohn eines Freundes zwei Wochen lang nicht kackte. Er habe sich deswegen Sorgen gemacht, sagte der Freund. Ich hingegen mache mir aus ganz anderen Gründen Sorgen, denn unsere Hebamme lobte die Tochter bei ihrem letzten Besuch für ihre tolle Verdauung. In der Tat: Sie verdaut so akribisch, dass die Windeln in zwei Tagen einen 60-Liter Müllsack problemlos füllen.
Ich bin ein sparsamer Typ, so rein Ressourcen- mäßig gedacht. Um unnötigen Müll zu vermeiden, esse ich immer die Reste vom Vortag, wickle Geschenke in altes Zeitungspapier und wenn ich etwas ausdrucke, benutze ich anschließend die andere Seite als Schmierpapier. Ich sorge mich aufgrund des Mülls, den das kackende Kind produziert.
So hörte ich, dass in zweieinhalb Jahren Kleinkinderleben etwa 1,8 Tonnen Müll anfallen und die moderne Windel, aufgrund ihrer Supersaugfunktion, etwa 300 Jahre braucht, bis sie verrottet. Ich stellte mir dann apokalyptisch vor, wie die Zivilisation von Bergen von gebrauchten Windeln erdrückt wird.
Was tun? Vielleicht doch Baumwollwindeln oder Moltontücher?
Ich rief bei meinen Eltern an. Wollte sie nach ihren Erfahrungen aus alter Hippiezeit fragen. Mein Vater ging ran.
„Das war kein Problem damals mit den Moltontüchern“, sagte der. „Ging alles ganz geschmeidig. Stell dich nicht so an.“ Meine Mutter erzählte mit allerdings später, dass er insgesamt wohl fünfmal Windeln gewechselt hatte - bei mir und bei meinem Bruder zusammen. „Aber gut das du anrufst“, sagte er, er habe da nämlich einen Freund, der bei einem Unternehmen arbeite, da würden Windeln immer vom LKW fallen. Er habe da schon was organisiert. „Einwegwindeln, blöde Frage“. Womit sich die Frage nach Mehrweg, auch aus Gründen der Familienpolitik nicht mehr stellte, schließlich, das habe ich wohl schon erwähnt, ist mein Vater Gewichtheber.
Im letzten Jahr hat ein Pflegeheimbetreiber in Süddeutschland einen Ofen entwickelt, der 5000 Tonnen Windeln im Jahr verbrennt. Damit wird das Gebäude geheizt. In Holland gibt es eine Firma, die aus Windeln Plastikgartenstühle macht. Und was waschbare Baumwollwindeln angeht: Zellstoffmüll bei Einwegwindeln stehen Wasser-, Energie- und Waschmittelverbrauch bei Mehrwegwindeln gegenüber. Eine unabhängig erstellte Ökobilanz gibt es laut Umweltbundesamt nicht.
Sagte ich schon, dass meine Tochter schreit als ob sie gefoltert würde? Schreiende Babys trainieren die Nerven, das ist mal sicher. Ich vermute, dass ich mittlerweile in aller Seelenruhe in einem Flugzeug sitzen könnte, dass über der tiefsten Stelle des Atlantiks in zehn Kilometern Höhe plötzlich anfängt zu brennen.
Die ökologische Verträglichkeit von Einwegwindeln ist, ich muss es ehrlich zugeben, in meiner Prioritätenliste aufgrund der Belastung meiner Ohren im Tagesgeschäft denn auch etwas in den Hintergrund gerückt.
Das einzige was mich im Moment an die Ökologie denken lässt, ist ein Gedankenspiel, das ist manchmal betreibe, um mir die Zeit zu vertreiben: Könnte ich auf eine Spezies verzichten, wenn meine Tochter im Gegenzug aufhört zu schreien. Brauche ich wirklich Zebras? Oder Hauskatzen? Grashüpfer? Ratten? Die sind doch wirklich keine Sympathieträger. Ich stelle mir dann vor, wie ich im Himmel stehe und mich ein Klischeegott mit langem weißem Bart fragt: „Und? Gegen wenn hast du dich entscheiden?“ Gut, dass dieser Handel nicht ansteht, es wäre vermutlich ziemlich schlecht für die Biodiversität des Planeten.
Apropos Biodiversität: Letztens las ich, dass für 500 Wegwerfwindeln ein Baum gefällt werden muss und dass alleine in Deutschland drei Milliarden Einweg- Windeln im Jahr verbraucht werden. Was sechs Millionen Bäumen entspricht. Was natürlich Lebensraumvernichtung für diverse Tiere bedeutet.
Vielleicht sollte ich mal versuchen, das Kind in das alte Druckerpapier zu wickeln.
Letztens traf ich einen sehr obskuren Verfechter der Windellosigkeit im Park bei mir um die Ecke. Man brauche keine Windel, sagte der, es schränke das Kind in seinem natürlichen Freiheitsdrang ein. Die Windel sei die Früherfahrung eines Gefängnisses für Körper und Seele.
Sicher, sagte ich, wäre ich ein pazifisches Seevolk und würde in einer Hütte leben, die auf Stelzen in irgendeiner Bucht stehen würde, dann könnte ich mir ein Leben ohne Kinderwindel für mein Kind durchaus vorstellen. Aber will ich, dass meine Tochter auf den Teppich pinkelt? Eher nicht.
Und eigentlich ist ja alles halb so schlimm, schließlich arbeitet das Kind aktiv bei der Müllvermeidung mit. Das geht so: Ich wechsle die Windel, ich putze das Kind, alles ist sauber, ich drehe mich um, um die neue Windel zu öffnen, die Tochter kackt. Auf den Wickeltisch. Auf den Boden. Auf das Bett.
Kommentare (7)
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arturdrapszo
schrieb am 09.03.2010 um 12:18 ¶adiaphora
schrieb am 16.03.2009 um 23:23 ¶Kommentar schreiben
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