Kolumne: Das Leben ist kein Ponyhof

Lärmverschmutzung



Seit das Kind da ist, trinke ich vermehrt Bier. Das ist einerseits entspannend, weil Hefe ja gut für die Nerven sein soll, andererseits muss das aber bald mal aufhören, weil ich dadurch fett werde und meine Tochter sich vermutlich für mich schämen wird, wenn ich sie später, 190 Kilo schwer und deswegen mit zwei künstlichen Kniegelenken ausgestattet, wackelnd von der Schule abhole.

Manchmal trinke ich soviel Bier, dass ich mich am nächsten Tag fühle wie nach einem dreitägigen Open- Air-Rockkonzert.

Allerdings stehen die Chancen gut, dass der Alkoholkonsum in naher Zukunft weniger wird, denn das Kind wird pflegeleichter. Es schläft länger, ist weniger nervös und vor allem ist es weniger laut. In einem Satz: Die Schreikindphase ist vorbei. Juhu. Ich sollte ein Fass aufmachen, aber lassen wir das.

Seitdem das Kind still ist, nehme ich den Lärm um mich herum allerdings umso stärker war.


Ich bin ja selbst schuld, schließlich wohne in einem Stadtteil, der auch als bekanntestes Amüsierviertel Deutschlands gilt, genau neben dem Stadion eines Fußballvereins, der damit wirbt, ein etwas anderer Verein zu sein. Immer wenn ein Tor fällt wird „Song 2“ (Blur) gespielt, immer wenn die Mannschaft einläuft „Hells Bells“ (AC/DC). Den allerersten Kontakt mit meinem Nachbarn hatte ich, als er mir, aus dem rechten Ohr blutend, von einem schimpfenden Taxifahrer lallend und volltrunken vor die Füße geworfen wurde. Einmal, es war Sonntag kurz vor 7 Uhr morgens, wurde ich davon wach, dass sich zwei Kleinkriminelle unter meinem Schlafzimmerfenster lautstark über eine zu erwartende Kokainlieferung unterhielten.

Wussten Sie, dass 18 Prozent aller Bundesbürger laut einer DAK-Studie so stark unter Umgebungslärm leiden, dass sie davon krank werden? Im Englischen gibt es dafür ein Wort: „noise pollution“. Lärmverschmutzung.

„Zieh doch wieder zu uns aufs Land“, sagte mein 600 Kilometer entfernt lebender Vater neulich. In letzter Zeit nutzt er alles was ich sage, um die Vorteile deutlich zu machen, die es hätte, würde ich wieder näher an meinem Elternhaus wohnen. Eigentlich müsse ja auch gar nicht mitkommen, sagt er dann. Sowieso: Er wisse gar nicht, ob ich für das Leben auf dem Land noch geschaffen sei. Vermutlich sei mir das zu langweilig. Meine Tochter allerdings, die müsse dringend mal in eine ruhigere Gegend, schließlich sei sie noch so klein. Gerne könne sie auch länger bleiben, nein, nein, es gehe ihm gar nicht darum, dass er seine einzige Enkelin gerne um sich habe, es sei einfach gesünder für das Kind. Er wolle nur das Beste.

Tatsächlich ist es für ein Kind nicht in jeder Hinsicht schön, in einer Stadt aufzuwachsen. Vor etwa einem Jahr stellte das Umweltbundesamt in einer Untersuchung an 1800 Kindern fest, dass 14 Prozent aller 8- bis 14-Jährigen unter einer Gehörschädigung leiden. Ursache ist der normale Umgebungslärm, dem man in einer Großstadt ausgesetzt ist.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt einen Lärmpegel von nicht mehr als 55 Dezibel tagsüber und 45 Dezibel nachts.

Diese Werte werden in einer Stadt permanent überschritten. Ein mit 50 Stundenkilometern vorbei fahrender PKW erzeugt etwa 70 Dezibel Lärm- was im Vergleich noch leise ist, ist doch ein mit derselben Geschwindigkeit fahrender LKW so laut wie zwanzig Autos. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes sind 16 Prozent der deutschen Bevölkerung einem permanenten Schallpegel von 65 Dezibel ausgesetzt, die Hälfte der Bevölkerung muss demnach eine 55 Dezibel starke Geräuschquelle ertragen. Das Problem: Eine Steigerung um zehn Dezibel wirkt für den Körper wie eine Verdopplung der Lautstärke. Der Forschungsverbund Lärm und Gesundheit der TU Berlin hat vor drei Jahren herausgefunden, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum 55 Dezibel ausgesetzt sind, was der Lautstärke eines normalen Gesprächs entspricht, ein etwa 60 Prozent höheres Risiko haben an hohem Blutdruck zu erkranken, als diejenigen, die weniger als 50 Dezibel ausgesetzt waren. Stieg der Pegel auf 60 Dezibel, etwa das normale Verkehrshintergrundrauschen, stieg auch das Risiko: auf etwa 90 Prozent.

Der Körper reagiert mit der Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortison und Adrenalin auf Lärm, wodurch sich der Stoffwechsel verändert. Das Herz schlägt schneller, man wird angespannter, aggressiver, und der Muskeltonus verändert sich. Gut war das früher, wenn im Gebüsch der Säbelzahntiger raschelte; ein permanenter Spannungszustand ist allerdings ziemlich ungesund.

Man kann das aber nicht ausschalten. Neulich etwa ging ich Kinderwagen-schiebend durch das Viertel. Gerade als ich an einer Pizzeria in meiner unmittelbaren Nachbarschaft vorbeikam, begann der Wirt des Ladens mit einem Vorschlaghammer eine in den Boden eingelassene Metallplatte zu bearbeiten - weiß der Teufel warum. Weil ich meine Reaktion mit einem Beschützerinstinkt kombinierte, wäre mein Steinzeitvorfahr in der Folge sicherlich stolz auf mich gewesen.

Ich mach's kurz: Meine Muskeln spannten sich, die Halsschlagader schwoll an und pumpte Blut in alle Arterien. Mein Kopf wurde dunkelrot, ich bekam Schießscharten wo ich Augen habe und Schraubstöcke wo meine Hände sind. Ich beschützte das Gehör meiner Tochter, indem ich den Mann anschrie, sofort mit dem Lärm aufzuhören. Ich ging sogar, was mich selber erschreckte, dazu über, ihm schwere Konsequenzen anzudrohen, wobei dieser Hinweis, soweit ich mich erinnere, thematisch auch seinen Hammer und seinen Kopf einbezog. Es war wohl glaubhaft. Er hörte auf der Stelle auf.

Dennoch war ich in Sorge um meine Tochter hoch erregt, und meine Stimmlautstärke schwankte zwischen der Lautstärke eines startenden Flugzeugs (140 Dezibel) und eines abgefeuerten Maschinengewehrs (160 Dezibel).

Davon wurde meine Tochter wach und schrie.

+++


Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 1): Das Familienauto
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 2): Windeln
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 3): Dr. Alban und der letzte Schrei
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 4): Das Tragetuch

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    Berthild Lorenz
    schrieb am 13.04.2011 um 22:05
    Ach, schön, das hier gefunden zu haben! Kenn ich alles allzugenau, zu meinem Leid! Das Einzige, was ich nicht kenne ist eine "Schreikindphase" ...
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