Die Weichmacher
7Richtig kompliziert wird das Leben unseres Autoren als junger Vater,... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Das Kind schreit. Immer noch. Manchmal schreit es so sehr, dass es vergisst, dabei Luft zu holen. Dann würgt es und der Kopf nimmt die Farbe einer holländischen Rispentomate an, und ich denke: „Oh Gott, gleich explodiert es.“
Weil das kein Zustand ist, der mir gefällt, habe ich das Kind in unser neues Familienauto gepackt und bin damit zu diversen Ärzten gefahren. Die Diagnose war einerseits toll, das Kind ist topgesund, andererseits doof, denn vermutlich haben wir ein so genanntes Schreikind und da haben wir wohl einfach Pech gehabt.
Woran das liegt?
„Koliken“, sagte ein Arzt. Ein anderer sagte, dass das Kind sich erst an die Welt gewöhnen müsse, „die Schwerkraft, die Weite, der Lärm. Sie wissen schon.“ Eine Osteopathin meinte gar: „Ihre Tochter schreit nicht aus Schmerz“. „Ach“, erwiderte ich, „sondern?“ „Aus Wut“, sagte sie und legte mir das Prinzip der Selenwanderung im Allgemeinen und der Widergeburt im Speziellen dar. Es sei vermutlich so, fuhr sie fort, dass der Seele meiner Tochter in einem früheren Leben schlimmes Leid widerfahren sei. „Ein französischer Soldat vielleicht, zu Beginn des 19. Jahrhunderts.“ „Ah, Russlandfeldzug“, sagte ich und dass ich mich freue, dass meine Tochter und mein vor Jahren verstorbener Opa etwas gemeinsam hätten. Die Osteopathin fühlte sich nicht ernst genommen und brach daraufhin die Behandlung ab.
Neulich suchte ich einen Radiosender. Im Hintergrund schrie das Kind mit sich dreifach überschlagender Stimme. Ich fand einen Sender, der Eurodance sendete. Sie wissen schon, dass ist diese unglaublich schlechte Musik, die Anfang der 90er veröffentlicht wurde, bei der eine Frau den Refrain singt, ein Mann die Strophe rapt und die Interpreten Snap, Captain Hollywood, Two Unlimited und Technotronic heißen.
Das Kind war still. Ich erschrak, weil ich dachte, es sei ohnmächtig geworden, aber nichts dergleichen: Es lächelte selig vor sich hin.
Ich verstellte den Sender. Es schrie. Ich drehte zurück. Es lächelte. Ich drehte, mich selber dafür hassend, den Lautsprecher lauter.
Dr. Alban, der singende Zahnarzt aus Schweden, sang: „Hello Africa, tell me how you´re doing“.
Das Kind schlief schmatzend ein. Ich überlegte, wie viel besser sich Afrika fühlen würde, hätte man keine Dr. Alban CDs hergestellt, sondern dort Infrastruktur gebaut. Wie das zusammenhängt?
Eine CD wird im Wesentlichen aus Polykarbonatkörnchen hergestellt, was nichts anders ist als Plastik. Plastik wird, das ist bekannt, aus Rohöl hergestellt. Alleine in den USA werden täglich zwei Millionen Barrel Öl dazu verwendet, Plastiktüten, Gartenstühle und Verpackungen herzustellen.
Ich begann nachzurechnen, nur mal so, aus Spaß. Im letzten Jahr wurden in Deutschland 500 Millionen CD-Rohlinge verkauft, zudem 154 Millionen Musik-CDs und 25 Millionen mit Musik bespielte DVDs.
Eine CD mit Cover wiegt, ich habe es selbst nachgewogen, knapp 100 Gramm. Ein Barrel Öl ist 159 Kilogramm schwer, abzüglich der rund 15 Prozent, die bei der Polymeriesierung von Öl zu Plastik verloren gehen. Bleiben 135 Kilogramm. Sind 1350 CDs.
Im letzten Jahr wurden also über 15.000 Tonnen Rohöl alleine für Musik-CDs verbraucht. Ich sah mir die Charts an und schlug die Hände über den Kopf zusammen. Welch eine Ressourcenverschwendung. Alleine die schlechte schwedische Band „Ace of Base“ hat vor etwa zehn Jahren zwanzig Millionen CDs verkauft!
Zum Glück höre ich Radio und kaufe keine CDs.
Weil mir in Deutschland allerdings kein einziger guter Sender bekannt ist (mal abgesehen von Deutschandfunk), höre ich, es liegt mir fern anzugeben, Radio aus Los Angeles (KCRW) und New York (WFUV), weswegen ich fast immer online bin.
Das Wuppertal-Institut, eine Klimaforschungseinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen, geht nun leider davon aus, dass das Internet in zwei Jahren 30 Milliarden Kilowattstunden Strom verbrauchen wird - alleine in Deutschland. Da achtzig Prozent des deutschen Stroms auf fossilen Brennstoffen und Atomenergie beruhen, verursache der Stromverbrauch in zwei Jahren einen CO2-Ausstoß von knapp 19 Millionen Tonnen im Jahr. Bereits heute ist das Internet so umweltschädlich wie der gesamte europäische Flugverkehr - es emittiert drei Prozent des gesamten Kohlendioxid-Ausstoßes Deutschlands.
Eine einzige Suchanfrage bei Google verbrauche soviel Strom wie eine Elf-Watt-Glühbirne pro Stunde, schrieb jüngst die New York Times. Und ein virtuelles Leben in einem Rollenspiel verbraucht mit knapp 1800 Kilowattstunden pro Jahr soviel wie ein echter Brasilianer. Was verbraucht bloß eine Stunde online US-Westküstenradio hören?
Vielleicht doch lieber Ölverschwendung betreiben, eine CD von DJ Bobo kaufen und den CD-Spieler den ganzen Tag laufen lassen? (durchschnittlich 2,7 Kilogramm CO2 pro Monat). Weil ich total verwirrt war, habe ich das Radio einfach ausgemacht. Und dafür wurde ich prompt bestraft. Das Baby wurde wach. Und begann zu schreien.
Ich bin Protestant, das Fegefeuer kommt in meinem Religionsverständnis nicht vor. Wäre ich allerdings katholisch und wäre ich ein sehr gläubiger Katholik, dann hätte ich eine Vorstellung davon, wie die ewige Verdammnis aussieht: Man ist zusammen mit zweihundert schreienden Babys in einen Raum eingesperrt.
Und nun? Vielleicht singe ich einfach was zum rhythmischen Geschrei meiner Tochter.
Weitere Folgen:
Das Familienauto
Kommentare (8)
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Zolantha
schrieb am 04.09.2009 um 15:16 ¶adiaphora
schrieb am 16.03.2009 um 23:09 ¶Kommentar schreiben
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