Die Weichmacher
7Richtig kompliziert wird das Leben unseres Autoren als junger Vater,... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Ich mag die Vorweihnachtszeit. Zugegeben, das ist mehr ein Imageding, denn die Vorweihnachtszeit unterschiedet sich eigentlich nicht von der Nachweihnachtszeit: Es wird früh dunkel, ist in der Regel ziemlich kalt, und man sitzt zu Hause und trinkt Tee. Allerdings hat die Zeit vor Weihnachten immer diese gemütliche Betriebsamkeit. Man hat ja irgendwie immer zu tun: Glühwein trinken, Plätzchen backen, (oder - wenn man ehrlich ist: kaufen) und Geschenke besorgen.
Neulich klingelte das Telefon. Mein Vater war dran. Sie erinnern sich? Der Gewichtheber. „Hallo Sohn“, sagte er. Er wolle mich mal besuchen kommen, ich habe doch nichts dagegen, schließlich habe er seine Enkeltochter lange nicht mehr gesehen. Was könne sie denn jetzt alles? Sie kann sich umdrehen, sitzen, stundenlang sogar, und rückwärts robben.
„Toll“, sagte der Vater. Seine Worte knackten sehr komisch in der Leitung, aber noch bevor ich die Vermutung äußern konnte, ob er vielleicht mit dem Handy anrufe, klingelte es an der Haustür. Mein Vater ist jetzt Rentner, er hat daher viel Zeit, die er nutzt, um seinem Lieblingshobby nachzugehen: Er kann nicht still sitzen. Er hat vielmehr Spaß am Löcher Bohren, Wände Einreißen und Installieren. Und weil er das eben nicht andauernd bei sich zu Hause zu tun kann, besucht er öfter mal seine Kinder.
Ich helfe dir mal bei der Organisation des Weihnachtsfestes, sagte er. „Ihr braucht einen Baum.“ Vielleicht kennen sie das, ich habe so einen komischen Reflex, ich bin meistens dagegen, wenn mein Vater irgendwas sagt. Das ist nicht nett vom mir und tut ihm wirklich unrecht. Er sagte: „Nur damit du es weißt: So wird es gemacht und Schluss.“
Weihnachtsbäume haben ja auch aus ökologischer Sicht ihren Reiz. Soweit ich weiß, wachsen Tannen nicht am Äquator, womit ich als Tannenbaumkäufer schon mal relativ sicher sein kann, dass nicht Regenwald abgeholzt wird, damit ich ein romantisches und heimeliges Weihnachtsgefühl habe. Auch habe ich nie davon gehört, dass die Nordmanntanne, der bevorzugte Weihnachtsbaum der Deutschen, irgendwo als Lebensmittel verwendet wird. Ich kann also ganz unbesorgt sein, dass jemand Hunger leidet, wegen der Besinnlichkeit.
Allerdings werden Weihnachtsbäume in diesem Jahr wohl teuerer als all die Jahre zuvor, was damit zusammenhängen soll, dass deren Anbau nicht staatlich gefördert wird und mit Energiepflanzen, Mais, Raps, Pappeln, dem ganzen Kram, wesentlich mehr Geld zu verdienen ist als mit Weihnachtsbäumen, weswegen in den letzten Jahren weniger Setzlinge gepflanzt wurden.
Der Weihnachtsbaummarkt war jedenfalls auf dem Parkplatz eines großen Supermarktes, was wenig weihnachtlich war, da sich auf demselben Parkplatz die Liebhaber alkoholischer Getränke täglich schon frühmorgens zum geselligen Beisammensein treffen.
Meine Tochter hat gerade eine orale Phase. Sie nimmt alles in den Mund, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Während wir also die Bäume besichtigten, kostete sie jeden Zweig intensiv, was der Tannenbaumverkäufer mit dem Argument zu unterbinden versuchte, dass, wenn das jemand sehe, der Baum von niemandem mehr gekauft werde und ich ihm zehn Bäume abnehmen müsse.
Als mein Vater das hörte, spannte sich sein Brustkorb. Er sah darin einen Angriff auf seine Enkeltochter. Angriffe auf Mitglieder der Familie werden, da sind wir ganz Mafiafilm-sozialisiert, mindestens mit einem Wutausbruch bestraft. Mein Vater gab mir das Kind und sagte zum Verkäufer: „Gleich wird es dir sehr besinnlich vorkommen, Kollege.“
Ich wollte die Situation deeskalieren, weswegen ich fragte, woher die Bäume denn kämen. Neulich las ich nämlich, dass Umweltschützer vorschlagen, einen Baum aus der näheren Umgebung zu erwerben, der ohne Kahlschläge natürlicher Wälder, ohne Entwässerungsmaßnahmen und ohne Dünger, Pestizide und Herbizide gewachsen ist
Ich also: „Woher kommt denn der Baum?“. Der Verkäufer sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob man im Regen nass werde. „Aus dem Wald“, antwortete der.
Mein Vater, der Gewichtheber, wurde noch ärgerlicher. Er überlegte laut, den Verkäufer in die Baumverpackungsmaschine zu stecken.
Ich schlug vor zu gehen. Weihnachtsbäume sind so toll ja auch wieder nicht. Von den etwa 25 Millionen Bäumen die jährlich in Deutschland verkauft werden, stammt der Großteil aus Monokulturen. Ein Hektar Fichtenwald, Blaufichte ist der klassische, aber mittlerweile nur noch zweitbeliebteste Weihnachtsbaumtyp der Deutschen, absorbiert in einem Menschenleben zwar 786 Tonnen CO2, allerdings wächst der durchschnittliche Weihnachtsbaum nur zehn Jahre lang, bevor er gefällt wird.
Eine intensive Forstwirtschaft, die Kahlschlag und Wiederaufforstung betreibt, minimiert außerdem diese Kapazität, weil eine Aufforstung von Monokulturen dazu führt, dass sich Wärme und Feuchte des Bodes ändern, weil er aufgegraben wird. Dadurch werden wiederum Bakterien und Pilze angeregt sich zu vermehren. Weil das Kleinzeug sich von kohlenstoffartigen Substanzen im Boden ernährt, wird CO2 in die Atmosphäre freigesetzt.
Was nun? Er habe da eine Idee, sagte mein Vater. Sie sei naturnah und unterstütze die heimische Waldwirtschaft. Man müsse allerdings warten bis es dunkel sei. Er ging in den Supermarkt und kam mit einer Axt zurück.
Weitere Folgen:
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 1): Das Familienauto
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 2): Windeln
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 3): Dr. Alban und der letzte Schrei
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 4): Das Tragetuch
Das Leben ist kein Ponyhof (Folge 5): Die Weichmacher
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