Kolumne: Das Leben ist kein Ponyhof

Das Tragetuch



Frische Luft ist gesund, der Weg dorthin nicht immer. Ich dachte nämlich Folgendes: „Man muss ja auch mal raus gehen mit dem Kind." Drei Minuten später bin ich vor Schreck und schlechtem Gewissen fast gestorben, schlug ich doch unbeabsichtigerweise meine Tochter mit einem Fahrradschloss K.O. Es war eines dieser U-förmigen Schlösser, die die Polizei empfiehlt, weil sie so stabil sind.

Ich habe ein Haustier, einen Hasen. Erwähnte ich das schon? Der Hase heißt der Übersichtlichkeit halber „Hase“, weswegen mein Vater Angst hatte, dass ich meine Tochter „Tochter“ nennen würde. Hase ist jedenfalls ein sehr sympathisches Tier mit einem hasenunüblichen Charakter. Er greift Knurrgeräusche von sich gebend alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Hase wohnt zwar in der ganzen Wohnung, hat aber natürlich ein eigenes Klo, das er ausgiebig benutzt.

Um zum Punkt zu kommen: Ich hatte die Hände voller Tüten mit benutztem Hasenstreu, musste eine leere Bierkiste mitnehmen, besagtes Fahrradschloss, eine Tüte mit Papiermüll und eben das Kind. Weil ich im dritten Stock wohne, wollte ich nicht zweimal laufen, ist ja verständlich. Der Plan war, alles gleichzeitig zu transportieren, indem ich Tüten und Schloss über meine Arme Richtung Schulter schob, was zunächst auch funktionierte. Bis ich dann im Erdgeschoss den Winkel des Armes veränderte, um das Kind in den Kinderwagen zu legen, was die ganze Sache ins Rutschen brachte.

Das quengelnde Kind, das war der Vorteil an der Sache, war sofort still.

Allerdings sträubt sich meine Freundin seither, mir die Tochter zu geben. Gut, sie hat danach komisch geschielt, aber eigentlich ist nichts passiert. Ich bereue trotzdem zutiefst und habe das Transportproblem sofort durch den Kauf eines Tragetuchs gelöst.

Ich hasse Tragetücher. Sie haben etwas esoterisches, sind schwer zu binden und verrutschen bei jedem Lufthauch. Aber: Wir haben das gleiche Tragetuch wie Brad Pitt und die holländische Prinzessin Maxima. Und außerdem ist unser Tragetuch gut für mein Gewissen. Es ist aus Bio-Baumwolle.

60 000 Tonnen davon wurden im letzten Jahr weltweit geerntet.

Es ist mittlerweile so schwierig, Biobaumwolle aufzutreiben, dass die Einkäufer der Firmen ihre Produzenten geheim halten, aus Angst, der Konkurrent kaufte ihnen den Stoff vor der Nase weg. Denn mittlerweile ist Wal-Mart der größte Einkäufer von Biobaumwolle, gefolgt von Nike und Woolworth.

Ich weiß noch, dass ich mich freute, dass der Öko-Gedanke endlich im Mainstream angekommen ist. Ich freute mich solange, bis ich die andere Zahl hörte. Geerntet wurden nämlich auch 25 Millionen Tonnen konventionelle Baumwolle

Wenn ich schon in der Minderheit bin, dachte ich, dann bekommt mein Kind wenigstens keinen Krebs, weil das ja bestimmt weniger Giftstoffe sind in der Bio-Baumwolle. Aber wieder eine Enttäuschung: Nach einem Test der Bremer Baumwollbörse zu urteilen, einer internationalen Organisation, die weltweit für die Abwicklung des Baumwollgeschäfts sorgt, gibt es zwischen Bio-Baumwolle und konventioneller Baumwolle keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Pestizidbelastung. Das liegt daran, dass die Kapseln der Pflanze noch geschlossen sind, wenn sie mit dem Gift behandelt werden.

Qualitätsunterschiede? Gibt es auch keine.

Ich war kurz enttäuscht, aber man kann sich trösten: Besser für die Arbeiter und den Boden ist Bio in jedem Fall.

Wussten Sie, dass je nach Schätzung zwischen zehn und 25 Prozent aller in der industrialisierten Landwirtschaft weltweit eingesetzten Pestizide allein auf Baumwollplantagen verbraucht werden? Ich nicht. Neu war mir auch, dass laut WHO jedes Jahr 20 000 Menschen an den Folgen von Vergiftungen durch Pestizideinsätze in der Baumwollindustrie sterben.

Diese Zahlen stürzten mich in ein Dilemma.

Die Frage ist doch: Kann ich mich gut fühlen, weil ich ein Bio-Baumwoll-Wickeltuch für mein Kind besitze, wenn gleichzeitig ein armer indischer Junge fiese Geschwüre bekommt, weil meine Jeans so billig war? Wo lege ich denn da den Maßstab an? Und welchen überhaupt?

Apropos Indien: Dort nehmen sich in regelmäßigen Abständen Baumwollbauern das Leben, weil sie vor lauter Überschuldung keinen anderen Ausweg mehr sehen. 200 000 Tote gab es bis jetzt, schätzen unabhängige indische NGOs. Die meisten Geldverleiher sind dort nämlich zugleich die größten Landbesitzer. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten zudem neunzig Millionen Kinder in der Baumwollindustrie, fast alle sind so genannte Schuldknechte, was bedeutet, dass sie Darlehen ihrer Eltern abarbeiten, oft ein Leben lang.

Und Schulden haben dort ziemlich viele, seit der US-Konzern Monsanto 2002 die so genannte bt-Baumwolle einführte. Das genetisch veränderte Produkt war dreimal so teuer wie normales Saatgut und sollte Schädlinge fernhalten. Was allerdings nur semigut funktionierte, da der fragliche Käfer sich einfach anpasste – wie das eben so ist in der Evolution. Die Ernten fielen aus, die Schulden blieben.

Weil es schlechte Laune macht, will ich jetzt auch gar nicht davon anfangen, dass Baumwollanbau so viel Wasser verbraucht, dass es in den größten Baumwolle produzierenden Staaten Indien, USA und China Gegenden gibt, die allmählich versteppen, weil das Grundwasser zu tief abgesunken ist.

Und was mein Tragetuch betrifft: Im Moment ist mehr Bio-Baumwolle auf dem Markt erhältlich als neue produziert wird, was daran liegt, dass einige Händler die Produkte mischen, um dem Preis günstig zu halten.

Immerhin schreit meine Tochter im Tragetuch weniger, was natürlich sehr begrüßenswert ist. Einen bleibenden Eindruck hat das Geschrei trotzdem bei mir hinterlassen – auch wenn das Kind nicht in der Nähe ist.

So erwische ich mich von Zeit zu Zeit, wie ich wackelnd an der Supermarktkasse stehe und das Brot, dass ich gerade gekauft habe, über die Schulter lege, um die Teigware beruhigend zu tätscheln – einfach so, weil das Brot eben die gleiche Größe hat wie das Kind und weil ich immer irgendetwas tätschele. Es kommt auch vor, dass ich mich, zum Beispiel beim Fernsehen, einfach so aus Gewohnheit auf den "Petzi-Ball", den großen Baby-Beruhigungsball, setze und im Zimmer umher springe.

Neulich hatte ich eine Idee, wie ich das mit der Baumwolle löse: „Schatz", sagte ich zu meiner Freundin. „Wie wäre es mal mit Urlaub im FKK-Camp?" Sie hat nicht geantwortet.


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    Der Wisch
    schrieb am 24.10.2009 um 23:32
    Sehr schöner Beitrag,Fakten mit etwas Humor versehen... Unter anderem wegen des hohen Pestizideinsatzes hatte ich mal ein Geschäft mit Naturtextilien und auch Tragetüchern dabei. Es stimmt nicht ganz,daß die Baumwolle nur solange die Kapseln geschlossen sind gesritzt wird,denn die Bauern in diesen...
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    Silke und Punkt
    schrieb am 10.07.2008 um 21:33
    Sehr amüsant geschrieben, auch wenn die Infos zum Thema Biobaumwolle/ konventionalle Baumwolle einen schalen Nachgeschmack und viele Fragen im Kopf hinterlassen. Ich habe allerdings sehr positive Erfahrungen mit dem Tragetuch gemacht. Kann aber verstehen, wenn es aufgrund der Bindetechniken und...
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