Die Weichmacher
7Richtig kompliziert wird das Leben unseres Autoren als junger Vater,... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Ich mag Bohnen. Ich esse sie nicht oft.
Wenn ich es tue, habe ich ein schlechtes Gewissen, denn Hülsenfrüchte regen die Darmtätigkeit an, das weiß man ja. Und weil bei jedem Verdauungsvorgang Gase entstehen, man sagt teilweise bis zu fünfzehn Liter, und darunter Methan ist, was 21mal klimawirksamer ist als das berüchtigte CO2, ist jeder Bohnenkonsument, rein theoretisch betrachtet, ein Braunkohlerevier auf zwei Beinen, eine menschliche Rinderherde, ein auftauender Permafrostboden mit Ohren.
Knapper formuliert: Jeder Durchschnittsfurz heizt die Atmosphäre auf.
Manchmal erwische ich mich daher im Supermarkt bei Gedanken wie diesem: „Wenn ich Bohnen kaufe, stirbt in zwei Wochen ein Pinguinkind, weil es von einer schmelzenden Eiskante erschlagen wird.“ Das ist sehr betrüblich, denn ich möchte natürlich nicht, dass Kinderpinguine sterben, erstens aus prinzipiellen Gründen, und zweitens werde ich schließlich selber bald Vater. In etwa einer Woche ist es soweit.
Was die Frage nach einer umweltverträglichen Abwicklung des Babys aufwirft.
Schließlich will man als naturbewusster Großstadtmensch ja nicht, dass die Kleine schon vor ihrer Geburt für das Abschmelzen der Polkappen verantwortlich gemacht werden kann. Also habe ich haufenweise Öko-Klamotten gekauft, einen Wickeltisch aus FSC-zertifiziertem Holz und, um Ressourcen zu sparen, einen Heizstrahler vom Flohmarkt.
Allerdings ist mein Kinderwagen völlig aus Plastik. Er sieht zwar super aus und fährt ganz geschmeidig, ist jedoch, und jetzt beginnt das Problem, unhandlich und schlecht zu transportieren. Schließlich wiegt er fünfzehn Kilogramm. Verreisen kann man mit ihm nicht, zumindest nicht in der Bahn, viel zu anstrengend.
Er habe da eine Idee, sagt mein Vater bei einem Besuch jüngst zu mir, ein Auto müsse her. „Ich habe eine Auto“, antworte ich und deute auf mein Auto. „Ein Auto“, sagt mein Vater erneut. Zugegeben: Der Twingo ist eine rollende Hasenkiste. Jeder Windstoß wird zur lebensgefährlichen Bedrohung. Wenn der Kinderwagen im Auto ist, ist kein Platz mehr für das Kind. Oder die Frau. Aber der Twingo ist schön klein, verbraucht wenig Sprit, man findet immer einen Parkplatz, und meiner ist Fifth Hand, also äußert rohstoffschonend.
„Ihr braucht ein Familienauto“ sagt also der Vater und damit ich mich nicht wehren kann, beschließt er auch, es zu bezahlen. Das ganze Gerede von Familienauto ist natürlich einigermaßen wirr. Früher, ich erinnere mich an meine Kindheit, sind ganze Familien mit einem VW Käfer nach Italien in den Urlaub gefahren, aber lassen wir das.
Generell möchte ich mit Autos nicht belästigt werden. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich bin froh eines zu besitzen, aber damit ist es dann auch gut. Autos langweilen mich zutiefst, verpesten die Luft, sind immer im Weg und wenn ich fahre, werde ich, weil ich es so langweilig finde, so wahnsinnig müde, dass ich schon zwei Unfälle deswegen hatte. Den Besuch einer Automobilausstellung finde ich so erstrebenswert wie Magenkrebs. Was soll daran auch spannend sein? Schließlich gibt es jetzt schon 900 Millionen PKW auf der Welt, die fast zwei Gigatonnen CO2 jährlich ausstoßen. Ich sage daher ökologisch korrekt: „Ich brauche kein neues Auto, solange das alte noch fährt.“
Mein Vater sieht mich schräg an. Er sei immer noch der Chef in der Familie, Blut sei dicker als Wasser und er beschütze hier seine Enkelin, meine Meinung sei ihm egal, ich könne ja in den Wald ziehen.
Mein Vater ist Gewichtheber, ich widerspreche daher ungern.
Wir fuhren zum Autohändler.
Der Mann wusste offenbar schon Bescheid, denn er hatte ein passendes Angebot, einen grünen Kombi. „Was ökologisches“ sagt er grinsend. „Die Farbe passt zu dir“, sagt mein Vater.
Der Verkäufer geht zu einem französischen Produkt und erklärt, dass der Cw-Wert dieser Karosserie 0,28 sei. Weltklasse sei das gewesen damals, 1989, das Serienfahrzeug mit dem geringsten Cw-Wert auf dem Markt. Ich weiß nicht, was das sein soll, ein Cw-Wert. Ich habe das noch nie gehört. Aber weil ich Kompetenz ausstrahlen will, sage ich mit entschlossenem Blick „sehr gut“.
Zehn Liter verbrauche der bei Stadtfahrten, ein Superwert, er habe Automatik, was den Verbrauch drossle, es sei außerdem ein Diesel und weil Selbstzünder weniger Sprit benötigen, entfleuche ihren Auspuffrohren auch weniger klimaschädliches CO2. Der Wagen, sagt der Mann, sei ein Auto für Individualisten, Leute, die nicht mit der Grauen Masse schwimmen wollen.
„Ich weiß nicht“, sage ich. „Nehmen wir“, sagt der Vater. Wir nahmen es. Weil mein Vater sich so über den Kauf freut, lädt er uns zur Feier des Tages, zum Grillen ein. „Im Sommer“, sagt er.
Eine knappe Woche später, ich sitze gerade bequem auf dem Sofa, lese ich folgende Meldung in der Zeitung: „Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Dieselautos - entgegen landläufiger Meinung - Klimakiller sind.“ Ein Stanford-Professor namens Mark Jacobsen hat das herausgefunden. Jedes Gramm Ruß, sagt der Mann, heize das Klima bis zu 840 000 mal stärker auf, als die entsprechende Menge Kohlendioxid. 840 000 mal. Es sei denn, lese ich weiter, das Auto habe einen Rußfilter. Ich rief beim Autohändler an. „Rußpartikelfilter?“ frage ich. „Nein“. Ich rufe den Vater an und fragte, ob er denn auch zufällig den Einbau eines Filters zahle, wenn er doch schon dabei sei.
Er machte eine kurze Pause. Das wusste er nicht mit dem Ruß, er denke sich etwas aus, sagt er, aber er könne nicht schon wieder was zahlen.
Zehn Minuten später klingelte das Telefon. Mein Vater.
Er habe eine Idee, wie man den Ruß an anderer Stelle wieder einspare. Das sei dann so ähnlich wie Emissionshandel.
Und? fragte ich.
Er sagte das Grillen ab.
Das Leben ist kein Ponyhof, Folge 2: Windeln
Kommentare (9)
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C. Stoldt
schrieb am 01.07.2008 um 16:31 ¶Hoernli_1962
schrieb am 26.05.2008 um 12:36 ¶Kommentar schreiben
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