Das Gerücht (4)

Biosprit erhöht den Verbrauch?



Biosprit – das kann auch Biodiesel, Biomethan oder Pflanzenöl sein. Hier soll es aber nur um Bioethanol gehen, das in unterschiedlicher Weise mit konventionellem Benzin gemischt wird: Mit E05 wird eine  fünfprozentige Beimischung bezeichnet, E10 steht für einen Bioethanol-Anteil von 10 Prozent – und E85 … na klar: Das sind 85 Prozent Bioethanol. Bisher ist es in Deutschland Pflicht, fünf Prozent Bioethanol beizumischen. Umweltminister Gabriel scheiterte letztes Jahr mit seinem Plan, E10 einzuführen. Der Grund: Plötzlich vertrugen Millionen Autos nicht mehr die neue Mischung, obwohl es ursprünglich nur 375.000 Fahrzeuge sein sollten, wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) schätzte. Der Hintergrund: Bis zu fünf Prozent Bioethanol gelten für alle Autotypen als unkritisch – höhere Beimischungen können zu einer Korrosion bei Aluminium-Bauteilen führen.

Aber das Gerücht lautet ja, wer Biosprit tankt, muss mit einem höheren Verbrauch rechnen. Stimmt das? Ein erster Blick auf die Website des ADAC hilft weiter, da heißt es klipp und klar: "Da Ethanol einen um circa 35 Prozent geringeren Energiegehalt als Ottokraftstoff hat, ist mit einem Mehrverbrauch von bis zu einem Drittel zu rechnen." Oder anders ausgedrückt: Ein Liter Biothanol entspricht genau 0,62 Liter Benzin. Ende der Recherche.

Doch das ist erst die halbe Wahrheit. Bioethanol hat einige interessante Eigenschaften, die nicht unter den Tisch fallen sollten. Stichwort: Klopffestigkeit. Ein Treibstoff sollte in einem Ottomotor nicht unkontrolliert verbrennen. Vielmehr wird dieser Prozess genau gesteuert, etwa durch den Zündfunken. Eine Selbstentzündung ist zu vermeiden, sie wird auch "Klopfen" genannt. Die Klopffestigkeit spiegelt sich in der Oktanzahl wider – je höher diese Zahl, desto stabiler läuft der Verbrennungsprozess ab. Die Oktanzahl ist damit ein Maß für den Wirkungsgrad eines Motors.

"Der niedrigere Energiegehalt wird kompensiert durch eine Verbesserung der Leistung", sagt der Geschäftsführer des "Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft", Dietrich Klein. Er schätzt den "tatsächlichen Mehrverbrauch" auf 15 bis 20 Prozent. Hinzukommen die höheren Oktanzahlen, wie Bernhard Geringer von der Technischen Universität Wien zeigt: Benzin ohne Beimischung (E00) hat eine Oktanzahl von 95,9; E05 kommt auf 97,4; E10 erreicht einen Wert von 98,8 - und E85 liegt sogar bei 107,2. Geringer arbeitet am "Institut für Verbrennungsmaschinen und Kraftfahrzeugbau", seine Schlussfolgerung lautet: "Die höhere Oktanzahl von Ethanol lässt eine Anhebung des Motor-Verdichtungsverhältnisses zu. Dadurch wird der thermische Wirkungsgrad deutlich gesteigert."
Wer also nur auf den Mehrverbrauch achtet, übersieht, wie Bioethanol die Leistungsfähigkeit von Ottomotoren erhöht. "Downsizing-Motorkonzepte" werden so möglich, wie die Wissenschafter herausgefunden haben. Die Übermotorisierung heutiger Fahrzeuge ließe sich leichter reduzieren. Ein weiterer Aspekt: Geringer hat mit seinen Kollegen den CO2-Ausstoß von E00 und E85 verglichen. "Im Fahrzyklus ergibt sich eine Absenkung der CO2-Emission um bis zu fünf Prozent", schreiben die Wissenschaftler über E85. Damit hat Bioethanol nicht nur "CO2-Vorteile" auf dem Weg vom Feld zum Fahrzeugtank, "sondern weist auch im direkten motorischen Betrieb ein interessantes Verbesserungspotenzial in Bezug auf den Wirkungsgrad und somit den CO2-Ausstoß auf" (Quelle: Bernhard Geringer, Bioethanol – Alltagstauglichkeit und weiteres Potenzial im motorischen Einsatz).

Alles schön und gut – aber macht sich der Mehrverbrauch bei Bioethanol nicht im Geldbeutel bemerkbar? Bis 2015 ist E85 steuerbegünstigt, die Energiesteuer ist nur für die 15 Prozent Benzin zu zahlen. Im April 2009 lag der durchschnittliche Preis für E85 bei 0,96 Euro – Superbenzin kam auf rund 1,25 Euro. Die "Autodrom Handelsgesellschaft mbH" hat einen Ersparnisrechner ins Netz gestellt, mit dem jeder kalkulieren kann, wann sich Bioehtanol rechnet. Bei einer Fahrleistung von 20.000 Kilometern im Jahr und einem Verbrauch von acht Litern Benzin, bzw. zehn Litern E85 auf 100 Kilometern zeigt sich als Ergebnis: 2.000 Euro für Benzin stehen 1.920 Euro für E85 gegenüber. Nicht vergessen: Umrüstkosten! Sie liegen je nach der Zahl der Zylinder zwischen 500 und 1.000 Euro.

Ergebnis der Recherche: Bioethanol führt wegen seinem geringeren Energiegehalt tatsächlich zu einem höheren Verbrauch – gleichzeitig erhöht sich aber die Leistungsfähigkeit des Motors. Und durch die niedrigeren Preise für E85 rechnet sich der Biokraftstoff. Es lohnt sich also, Gerüchten auf den Grund zu gehen!

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Weitere Gerüchte, denen Utopia auf den Grund gegangen ist:

Gerücht 1: Der Porsche Cayenne verbraucht 65 Liter im Stadtverkehr

Gerücht 2: Mülltrennen ist völlig sinnlos

Gerücht 3: Die Holland-Tomate besteht doch nur aus Wasser

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    Emmarion
    schrieb am 03.04.2010 um 15:43
    Die ganzen Überlegungen gehen daran vorbei, dass der sogenannte "Bio"treibstoff nichts mit Bio (=Leben) zu tun hat, und dass die verstärkte Nachfrage danach z.B. die Palmölpreise in Indonesien und die Maispreise in Mexiko in die Höhe getrieben hat, und dass bei der Rodung und Austrocknung der...
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    Jürgen Heinrich
    schrieb am 11.03.2010 um 11:53
    Das Teufelchen ist immer im Detail, aber die Natur ist grundsätzlich nachhaltiger und damit vorteilhafter für unser Erbe, das es für die nachfolgenden Generationen zu bewahren gilt.
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