Das erste Mal: Freunde missionieren


Erster Schritt: Von Politikern lernen.

Nicht die Kirche hat das Missionieren perfektioniert, sondern die Politik. Wer als Politiker erfolgreich sein will, darf keine Skrupel haben, jedem ungefragt die eigene Meinung aufzuzwingen. Dabei muss er Demütigungen ertragen, und zwar am laufenden Band, und trotzdem erhobenen Hauptes an der nächsten Haustür klingeln oder dem nächsten Passanten auf dem Wochenmarkt lächelnd eine Rose zustecken. Um so etwas zu überstehen, braucht es eine antrainierte Grundhaltung à la „Du stehst auf der Seite der Guten, du bist der moralische Sieger.“ Ein Politiker weiß, dass er Recht hat. Weil er weiß, dass er in der richtigen Partei ist.
Mein erstes Mal geht dann allerdings schief, obwohl auch ich weiß, dass ich in der richtigen Partei bin. Auf seiner Hochzeitsfeier versuche ich meinen Freund Frederik, einen selbsternannten Sparfuchs und Discountfan, auf den rechten Weg zu führen. Er macht sich nach meinem Referat über die individuelle Schuld des Discounterkunden an den Gammelfleischskandalen aber ziemlich schnell dünne. Ich fühle mich plötzlich wie der letzte Spießer und entschuldige mich bei ihm, worauf er mich kopfschüttelnd fragt, ob ich ihn vorhin eigentlich veräppeln wollte oder ob ich einfach nur betrunken sei.

Merken: Wer für Nachhaltigkeit wirbt, hat sowieso alle Argumente auf seiner Seite und kann daraus genug Selbstsicherheit schöpfen. Und: Wer das Übel der Welt bekämpfen will, kann kein Spießer sein.



Zweiter Schritt: Die richtige Gelegenheit abwarten.

Wer zum ersten Mal missioniert, der sollte das nicht gleich auf dem schwierigsten Level versuchen. Vielleicht ist eine ausgelassene Hochzeitsfeier doch nicht der richtige Rahmen für die ernsthafte Mission. Es gibt eben Situationen, die sich einfach nicht dafür eignen, Menschen zum Guten zu bekehren. Dazu zählen übrigens auch der Stadionbesuch (besonders, wenn der HSV zurückliegt), der Discobesuch (besonders auf der Tanzfläche), die Geburtstagsparty (besonders nach dem sechsten Bier). Und sowieso alle Momente, bei denen man ausschließlich mit seinen männlichen Freunden unterwegs ist – da sind tiefgründige Gespräche nämlich zum Scheitern verurteilt, weil sie schlichtweg nicht erwünscht sind. Der Schlüssel zur Psyche des Mannes ist seine Freundin, und deshalb sind Pärchenabende (so schlimm sie sich mitunter gestalten) eine sehr gute Gelegenheit. Vor ihren Freundinnen müssen sich die Männer nämlich zusammenreißen und würden ein spontanes Plädoyer für Biolebensmittel nicht mit einem gereizten „Machst Du jetzt auf Öko, oder was?“ im Keim ersticken. Frauen sind viel aufnahmebereiter, wenn es darum geht, die eigenen Lebensmuster zu hinterfragen. Wenn man also seinem besten Freund den Zusammenhang zwischen seinem Sportwagen und dem Treibhauseffekt vermitteln möchte, unbedingt abwarten, bis die Freundin neben ihm sitzt. Am nächsten Tag ruft mich Oliver an und bedankt sich bei mir, dass seine schwangere Freundin ihm gestern wegen seines umweltschädlichen Autos noch die Hölle heiß gemacht habe. Als ich ihn frage, was für eine Welt er seinem Sohn eigentlich einmal hinterlassen möchte, legt er wortlos auf.

Merken: Antrainierte Souveränität nützt nichts, wenn der Rahmen nicht stimmt. Und: Frauen sind sowieso die besseren Menschen.


Dritter Schritt: Einen konkreten Aufhänger suchen und konsequent bleiben.

Als mein Freund Felix mich spontan in München besuchte, fuhr etwas zwischen uns. Und zwar sein neuer Geländewagen, den er hier gekauft hatte, und mit dem er mich („Überraschung!“) von der Arbeit abholte. Mir war es zu doof, davon anzufangen, was ich von PS-Monstern halte, und vielleicht war ich auch ein bisschen neidisch und wollte diesen Eindruck um alles in der Welt vermeiden. Und außerdem: Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen, und da will ich die Stimmung nicht durch einen sauertöppischen Fingerzeig versauen. Stattdessen sind wir mit dem Wagen die Alpenseen abgebraust und ich fühlte mich als Komplize seiner Unbekümmertheit. Schließlich begann ich tatsächlich über Umweltsünden und SUV-Wahnsinn zu referieren, merkte aber auch, dass Felix auf Durchzug schaltete, und dass ich selbst noch nie so sicher und komfortabel über die steinigen Feldwege geschwebt bin. Ich habe den Allradantrieb bergauf zu schätzen gelernt und saß schließlich selber am Steuer, lobte Fahrgefühl, PS-Stärke und die beheizbaren Sitze. Am Ende hat uns das Navigationssystem vor dem Verlorengehen bewahrt, und ich fühlte mich wirklich nicht mehr in der Position, Felix zum Radfahren zu missionieren. Als ich wieder zuhause war, hatte ich immer noch keinen meiner Freunde auf die richtige Seite geholt.

Merken: Konsequenz ist eine Frage der inneren Überzeugung. Und: ein unbekümmertes Wochenende mit einem guten Freund, den man lange nicht gesehen hat, ist manchmal wichtiger als eine Grundsatzdebatte über nachhaltiges Verhalten.

Vierter Schritt: Nicht alles so verbissen sehen.

Felix rief mich nach seinem Besuch an und erzählte, dass er weniger Fleisch esse. „Lustig, lustig, aber verarschen kann ich mich selber“, maulte ich in den Hörer und machte mich auf weitere Witze über meinen Lebensstil gefasst. Aber Felix klang irgendwie anders als sonst und begann ganz sachlich über niedrige Fleischpreise und die Discountermentalität in zu schimpfen, und er war kaum zu bremsen. Als ich immer noch dachte, er karikiert mich, sagte er diesen entscheidenden Satz: „Vielleicht liegst Du mit diesem Fleischverzicht gar nicht so daneben.“ Fleischverzicht? Zwei Tage lang hatte ich jede Gelegenheit genutzt, über sein Auto zu meckern, und er nimmt sich plötzlich ein Beispiel an meinem Fleischverzicht? Spät am Abend, lange nach dem Gespräch, kam die Erleuchtung. Missionieren funktioniert nicht mit dem Zeigefinger. Erfolgreiche Missionare müssen Vorbilder sein. Es ist wie in der Tierwelt. Wie das Bärenkind sich bei der Mutter abschaut, wie man den Lachs am Bach fängt oder der Löwenjunge seinen Vater bei der Antilopenjagd begleitet, so hatte es bei Felix Klick gemacht, als ich im Wirtshaus kein Fleisch bestellte und ihn ohne Hintergedanken mit in den Biosupermarkt genommen hatte, wo er auffallend nachdenklich durch die Regale gezogen war. Jetzt erst fügten sich die Teile zu einem Ganzen.
Ich werde jedenfalls bei unserem nächsten Stadionbesuch ganz herzhaft in meine Tofuwurst beißen und die anderen mal probieren lassen. Aber nur, wenn sie auch wirklich wollen.

Merken: Erfolgreiches Missionieren funktioniert am besten durch Vormachen und Nachahmen. Überzeugend genug ist man schon, wenn man nur seinen Weg geht. Wer den Zeigefinger dabei ausstreckt, hat bald keine Freunde mehr, die noch zu missionieren wären.

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  • reggyf
    schrieb am 23.05.2010 um 16:04
    sehr schön, an wen erinnert mich das nur??? ;-)
  • lukita
    schrieb am 18.01.2010 um 02:11
    Seitdem ich Utopia-süchtig bin (...), passiert es auch schon mal, dass ich darüber rede ;-) Und ich bekomme immer öfter die Rückmeldung, dass Leute anfangen über so manches nachzudenken. Liegt inbesondere daran, dass ich in der Regel von meinen eigenen Versuchen erzähle, nachhaltiger zu leben. Hier und da lasse ich auch mal Stichworte fallen. Wenn Leute dann nachfragen, haben sie in der Regel auch offene Ohren.
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