Cradle to Cradle Design
Besser sitzen

Denn was Burkard Schmitz in der langen Entwicklungsphase mit Videoaufnahmen von Büromenschen in allen erdenklichen Sitzhaltungen und unzähligen Material-Belastungstests geschaffen hat, ist ein kleines Öko-Wunder. Der extrem stabile Mirra ist aus einem Minimum an Teilen gefertigt, besteht zu 42 Prozent aus wiederverwerteten Materialien und ist zu 96 Prozent recyclebar. Um das zu erleichtern, lässt er sich in drei Minuten zerlegen und jedes Kunststoff-Teil ist mit einem eigenen Material-Code versehen. Außerdem ist Mirra zu 100 Prozent mit Windkraft hergestellt und enthält kein PVC, dessen karzinogene Zusatzstoffe biologisch nicht abbaubar sind. "Die Bestandteile von Mirra sind besser untersucht, als die meisten Nahrungsmittel", sagt Burkhard Schmitz stolz.
Für die chemische Analyse hat Michael Braungart gesorgt, der als Öko-Visionär gilt. Früher war er Öko-Rebell und kletterte mit Greenpeace-Aktivisten medienwirksam auf Fabrik-Schornsteine. Heute unterrichtet der Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg und berät Weltkonzerne wie Nike, Ford, Unilever oder Herman Miller, den Hersteller von Mirra. Mit diesem Kundenstamm konnte Braungart Druck auf Kunststoff-Hersteller ausüben, so dass diese ihm Einblicke in die Zusammensetzung ihrer Produkte gewährten. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang: "Das war, als ob Coca Cola das Rezept preisgibt", sagt Braungart. Für Mirra hat er verschiedene Kunststoff-Typen auf Molekularebene untersucht und schließlich ein Polypropylen aus 30.000 Sorten ausgewählt, das günstig, gesundheitlich unbedenklich und äußerst langlebig ist: Bis zu 60 Mal lässt es sich wieder verwenden.
Damit ist Mirra nicht nur ein Bürostuhl, sondern auch die konkrete Ausformung einer ganzen Philosophie, die "Cradle to Cradle" heißt, zu Deutsch: von der Wiege zur Wiege. Dieses öko-effektive Prinzip, das Braungart mit dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt hat, orientiert sich am natürlichen Stoffkreislauf. Die Natur kennt keinen Abfall, denn Abfall ist dort immer gleichbedeutend mit Nahrung. Auch der Mensch könnte sich vom Abfall befreien, meint Braungart. Vorausgesetzt, die Dinge, die er produziert, sind frei von Giften und werden in zwei Stoffkreisläufe getrennt, in ein technisches und ein natürliches System. Dann wären alle Materialen entweder wieder verwertbar oder kompostierbar.
Das klingt eigentlich einfach, wendet sich aber fundamental gegen die öko-korrekten Orthodoxien des Vermeidens, Verringerns und Verhinderns. Braungart kann der moralinübersäuerten Verzichtsdebatte im Umweltschutz nichts abgewinnen: "Das ist doch, als würden Eltern ihr Kind nicht zehn, sondern nur neun mal schlagen." Statt nur die Belastung zu reduzieren, fordert Braungart ein radikales Umdenken: "Die Natur ist ja auch verschwenderisch. Ein Kirschbaum zum Beispiel produziert tausende von Blüten. Wichtig ist, dass das, was in den Boden kommt, auch sauber ist. Nur so kann es zum Nährstoff werden." Ihm geht es nicht darum, den ökologischen Fußabdruck des Menschen zu verkleinern, sondern diesen Fußabdruck als unterstützende Quelle für das natürliche System zu nutzen – mit ästhetisch anspruchsvollen Produkten: "Die Leute sollen sich lieber an guten Dingen erfreuen, statt schuldbewusst durch die Gegend zu laufen."
Die Designer freut das. "Endlich hört diese Magersucht auf", sagt Burkhard Schmitz. Mirra ist ein Pionier. Mittlerweile sind alle 850 Materialien und 500 Chemikalien, die Herman Miller verwendet, auf ihre Umweltverträglichkeit durchleuchtet. Und andere Hersteller zogen nach: Auch der Weltmarktführer Steelcase produziert jetzt nach Cradle-to-Cradle-Kriterien. Währenddessen ist Michael Braungart längst woanders: Er entwirft nun ein wieder verwertbares Auto.
Alles über Michael Braungart lesen Sie hier


Kommentare (11)
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Josh von Staudach
schrieb am 12.06.2008 um 01:14 ¶Manuela_Mathäs
schrieb am 26.04.2008 um 14:36 ¶Kommentar schreiben
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