Der Garten ist auf dem Weg zurück in den Alltag des Großstädters. In Berlin ist die Bewegung des Urban Gardenings bereits zu einem vielschichtigen und vielgesichtigen Phänomen geworden. Der Grüne Daumen ist Trend, vom Kiezgarten bis hin zur Forderung nach einem Berliner Dschungel aus Gemeinschaftsdachgärten zeigt sich eine Bewegung, die mit 'Nomadisch Grün' aus Kreuzberg bereits einige Berühmtheit erlangt hat. Die 'nomadischen' (weil in transportablen Gefäßen gepflanzten) Berliner Prinzessinnengärten teilten sich gemeinsam mit den bundesweit angelegten interkulturellen Gärten der Stiftung Interkultur und den Münchener Krautgärten den Utopia Award 2010 für "Nachhaltigste Organisation".
Nicht nur Berlin hat also gute Gartenprojekte zu bieten, wenn auch in der Hauptstadt eben besonders viele davon aus dem Boden sprießen. Der Sammelband "Urban Gardening“ gibt einen Überblick zu Gemeinschaftsgärten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der eine erstaunliche Vielfalt an Projekten offenbart. In erster Linie zeigt und eröffnet der Band jedoch ein Spektrum an Anknüpfungspunkten des nur oberflächlich eindimensionalen Themas des städtischen Gärtnerns.
Die komplexe Verdrahtung zeigt sich bereits in Christa Müllers Beschreibung der unterschiedlichen Motive der Menschen, selbst zu Schaufel und Saatgut zu greifen. Für viele der "Urban Hipsters" so schreibt sie, liegt der Handlungsimpuls vor allem in dem Wunsch, die Stadt neu zu denken. Für sie ist die "neue Mischform von Stadt und Natur Quelle und Inspiration neuer Ausdrucksformen". Für andere sind wiederum eher gemeinschaftliche Aspekte des Gärtnerns attraktiv. Anwohnerorganisierte Kiezgärten, Stadtteilgärten, Frauengärten, Mietergärten, vernetzte Mikrostrategien wie Window Gardens oder Vertical Gardens, Studierendengärten, interkulturelle Gärten, all das sind Beispiele für partizipative Formen des Gärtnerns, die auch soziale Funktionen erfüllen. Aber auch ethische Fragestellungen umranken das Beet. So "stößt man beim Säen, Ernten und Tafeln unweigerlich auf Fragen wie: Woher kommt das Essen, und wie wird es produziert? Wem gehört das Land, und wer erntet seine Früchte? Kann ich womöglich mit meiner eigenen Hände Arbeit dazu beitragen, un(ge)rechte Strukturen aufzubrechen?"
Von hier aus wird Selbstversorgung schnell zum Ausgangspunkt politischen Handelns. In diesem Zusammenhang kann es beispielsweise eine Infragestellung des ungenierten Zugriffs auf die Ressourcen unserer Welt darstellen. Selber gärtnern zeigt, wie es besser laufen könnte mit der Lebensmittelproduktion. Urbane Garteninitiativen sind in diesem Sinne auch Teil des Megathemas der globalen Lebensmittel- und Ressourcenkrise. "Es ist davon auszugehen, dass die Epoche der billigen Nahrungsmittel in absehbarer Zeit beendet sein wird." Nicht nur Transportkosten werden durch die Ölverknappung steigen, so fasst Christa Müller zusammen, auch die industrialisierte Intensivlandwirtschaft ist ohne die Erdölprodukte Kunstdünger und Pestizide nicht denkbar. "Peak Oil" wird so schnell zu einem "Peak everything". Urbanes Gärtnern kann bezüglich dieser Problematik als Lösungsansatz fungieren. Und somit stehen mit Versiegen des Erdöls nicht nur die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion, sondern auch der Gegensatz und die klare Aufgabenteilung von Stadt und Land zur Diskussion. Dabei wagt das Buch die Diagnose, "dass in den westlichen Großstädten ein neues Verständnis von Urbanität entsteht und die 'neuen urbanen Gärten' mit ihren Kulturen des Selbermachens und der Re-Etablierung von Nahbezügen hierbei eine Vorreiterrolle spielen."
In diesem Sinne könnte eine andere Welt tatsächlich pflanzbar sein.
Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. Herausgegeben von Christa Müller, erschienen im Oekom Verlag, 19,95 Euro.
Die Internetseite zum Buch stellt verschiedene Gartenprojekte im Videoporträt vor.


Kommentare (9)
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was unsere Welt wirklich sofort braucht ist eine Steigerung von Anbauflächen bei gleichzeitiger Ersparnis der Bewässerungsmenge. Dies ist auch mit diesen bepflanzbaren Elementen möglich (Bilder und Beschreibung):
http://greener-city.de/greener-city.de_umweltbeitrag.htm
http://www.utopia.de/blog/freedom-happiness-and-sensitivity-for-beauty-for-all-beings-in-solidarity-berniewa-s-utopia/nawaro-problem-ein-loesungsvorschlag
In Englischer Sprache bekannt als Wall Gardening bzw Vertical Gardening, im Deutschen Mauerbegrünung oder ähnlich, leider noch viel zu unbekannt, weil zu unrecht verrufen als angeblich die Mauer schädigend (was für Mauern natürlich gilt, die sowieso in einem schlechten Zustand sind)
Auch Mieter von Häusern sollten sich da zusammentun und die Vermieter dazu bringen, das in die Tat umzusetzen bzw umsetzen zu lassen
Mit der Steigerung der Anbauflächen magst du recht haben, sinnvoller würde ich es jedoch finden die fortschreitende Bodenversiegelung durch den Bau von Verkehrswegen, Einkaufzentren, Siedlungsbau usw. einzuschränken und durch vernünftige Städtebau Maßnahmen auf ein verträgliches Maß zu reduzieren.
"Der Flächenverbrauch ist seit Jahren unvermindert hoch. Bezogen auf ganz Deutschland hat die Siedlungs- und Verkehrsfläche in den Jahren 2001 bis 2005 insgesamt um 2.111 km² oder durchschnittlich 116 ha/Tag zugenommen. Nachdem der durchschnittliche Flächenverbrauch 1997 bis 2000 129 ha/Tag betrug, sank dieser zu Beginn des Jahrtausends vorerst, zurückzuführen auf die schlechte konjunkturelle Lage, nahm jedoch ab 2004 wieder neu Fahrt auf."
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http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%A4chenverbrauch
Da baut der Baumarkt XY eine Halle, betreibt diese 10 Jahre, so lange gilt der Pachtvertrag für den Grund, dann zieht er 100 m weiter und baut eine neue Hütte noch größer. Die alte steht dann jahrelang leer und der Boden ist verloren.
Die Hallen sind so billig gebaut, dass sanieren zu teuer wäre, also läßt man sie verotten.