Biosprit

Tanken wir die Welt hungrig?


Ethanol ist - industriegeschichtlich gesehen - der Ur-Sprit. Der Prototyp des von Nikolaus Otto gebauten ersten Verbrennungsmotors wurde damit betrieben. Auf Benzin aus raffiniertem Rohöl stieg man erst um, als sich herausstellte, dass der Alkohol aufgrund seiner hohen Brennbarkeit ein Sicherheitsrisiko für Automobilisten darstellte. Außerdem war Öl in Massen vorhanden und sollte sich durch rasch steigende Nachfrage zum Absatzgaranten entwickeln. Eine Rechnung, die aufging.

Was ist das überhaupt - Biosprit?

Liest man heute über die Probleme durch den so genannten Biosprit, ist damit Ethanol aus Biomasse gemeint. Seltener wird auch der Begriff Agraralkohol verwendet. Die Produktion des Kraftstoffs basiert auf dem Prinzip, aus stärkehaltigen Pflanzen wie Zuckerrohr, Raps oder Mais mithilfe von Enzymen Glukose zu gewinnen, die anschließend zu Ethanol vergoren wird. Befürworter von Biosprit betonen, dass die Rohstoffe, die für die Produktion benötigt werden, im Gegensatz zur endlichen Ressource Erdöl nachwachsen und somit theoretisch endlos verfügbar sein könnten.

Neuere Herstellungsmodelle, die so genannten Biokraftstoffe der zweiten Generation, werden aus Energieträgern gewonnen, die nicht zwingend Nahrungsmittel sind. Das können zum Beispiel Sägespäne sein, aber auch Stroh oder schnell wachsende Algenarten. Wegen des erhöhten Oktanwertes haben mit Ethanol betriebene Motoren eine höhere Leistung als solche, die mit konventionellem Sprit betrieben werden.

Bio? klingt doch gut - wo ist das Problem?

Es gibt zwei Aspekte, die die Produktion von Biosprit problematisch machen. Zum einen die ökologischen Probleme: Bei der Vergärung von Glukose zu Ethanol fällt Kohlendioxid als Nebenprodukt an. Zwar wird beim Pflanzenwachstum auch CO2 durch Photosynthese gebunden, aber dieser Vorteil wird durch Anbaumaßnahmen wettgemacht, da zum Beispiel durch die Düngung das klimaschädliche Distickstoffmonoxid (N2O oder "Lachgas") entsteht.

Hinzu kommen die Auswirkungen, die durch Monokulturen entstehen. Hoher Wasserverbrauch, Grundwasserbelastungen durch Düngung, hoher Flächenverbrauch bis hin zur Rodung von Regenwald-Arealen und nicht zuletzt die Einschränkung der Artenvielfalt.

Zum anderen die sozialen Probleme: Durch große Nachfrage wird der Preis für die Rohstoff-Pflanzen in die Höhe getrieben, was besonders für ärmere Länder katastrophale Folgen hat. Greenpeace rechnet vor: Aus 100 Kilogramm Getreide lassen sich etwa 100 Kilogramm Brot herstellen, aber nur 25 Liter Biosprit. Demzufolge ernährt ein Hektar Getreideanbaufläche etwa 18 Menschen für ein Jahr oder betreibt den Motor eines Durchschnittsfahrzeugs für den gleichen Zeitraum. Bekannt wurde dieses Problem durch die so genannte "Tortillakrise" in Mexiko, wo der Preis für das Grundnahrungsmittel Mais durch die Biospritnachfrage in den USA explodierte und dadurch Millionen von Menschen die Ernährungsgrundlage entzogen wurde.

Soll ich jetzt Biosprit tanken oder nicht?

Das Dilemma ist offensichtlich: Tanke ich herkömmlichen Sprit, sorge ich für den weiteren Abbau der endlichen Ressource Erdöl und verursache im großen Stil CO2-Emissionen. Tanke ich Biosprit, verheize ich die Nahrungsgrundlage vieler Menschen und schädige die Umwelt, indem ich indirekt Monokulturen unterstütze. Abgesehen davon, dass mit etwa 100 Tankstellen in ganz Deutschland die Versorgungslage vergleichsweise schlecht ist, vertragen herkömmliche Verbrennungsmotoren laut Expertenmeinung ohnehin nur einen zehnprozentigen Biospritanteil.

Der bereitgestellte Mix mit zehn Prozent Bioethanol ist auch als E10 bekannt, dessen deutschlandweite Einführung Umweltminister Gabriel Anfang des Jahres trotz geplanter Einführung in letzter Minute stoppte. Biosprit-Konsumenten müssen sich außerdem darüber im Klaren sein, dass ihr Kraftstoff zwar günstiger ist, ihr Motor aber auch etwa 25 Prozent mehr davon verbraucht. Die massiven ökologischen und sozialen Probleme entstehen global betrachtet vornehmlich durch Länder, die Biosprit im großen Stil vertreiben, um Mobilität zu vergünstigen. Die Schäden, die durch den momentan noch vergleichsweise geringen Biosprit-Konsum in Deutschland entstehen, werden als unwesentlich bewertet.

Fazit
Autos, die mit Verbrennungsmotoren betrieben werden, sind nach heutigen Maßstäben absolut "retro". Egal ob dabei, Öl, Holz, Stroh oder Ethanol verbrannt wird.

Biosprit kann allenfalls als Brückentechnologie auf dem Weg zu real emissionsfreien Antriebssystemen betrachtet werden. Mit einem totalen Umstieg auf Biosprit wäre nichts gewonnen. Die aktuellen ökologischen und sozialen Probleme würden noch verstärkt, hinzu kämen neue Abhängigkeiten von Staaten, Konzernen und Technologien, die den jetzigen Problemen durch die Öl-Industrie in nichts nachstünden. Biosprit als partielle Antriebssubstanz durch Beimischung ist also keine Lösung, aber immerhin eine "Krücke", die helfen kann, die Probleme, die durch konventionelle Kraftstoffe bestehen, zumindest zu lindern, bis emissionsfreie Antriebssysteme den Markt beherrschen.

Es müssen Motoren her, die nicht aus Verbrennungsenergie gespeist werden. Die Entwicklung von Elektromotoren muss massiv beschleunigt und intensiviert werden. Die Energie dafür muss aus 100 Prozent erneuerbaren Quellen stammen, die dafür benötigten Akkus müssen 100 Prozent umweltfreundlich entsorgt werden, Lademöglichkeiten müssen flächendeckend geschaffen werden. Das Wichtigste jedoch ist: Diese Technologie darf nicht nur wohlhabenden Nationen zugänglich sein, sondern muss gerade in den Entwicklungsländern etabliert und gefördert werden.


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Zum Interview mit Peter Grett, Fachmann für alternative Mobilität und Chefredakteur der Zeitschrift "Eco-Mobil"

Zum Interview mit Mate Toth, Mitinhaber der einzigen Bioethanol-Tankstelle in München

 

 

 

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    Oliver Mark
    schrieb am 11.07.2008 um 20:29
    Es wundert mich, dass die Leute nicht genauer nachfragen und sich stattdessen auf die Aussagen der Medien verlassen. Tatsächlich ist es bei vielen Autos (zum Beispiel bei meinem 96´er Opel) völlig problemlos 30% Ethanol 85 beizumischen. Wenn man, wie ich noch bis vor kurzem, pro Tag 200 Kilometer...
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    Katharina Beck
    schrieb am 17.05.2008 um 00:21
    "bio klingt doch gut - wo ist das Problem?" In Lateinamerika geht man dazu über, von Agrarsprit anstatt von Biotreibstoffen zu sprechen. Finde ich eine gute Sache, denn die Bezeichnung ist ebenso sachlich korrekt und verbildlicht noch besser als das Wort Biosprit, woher der Treibstoff kommt: aus...
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