Emotion statt Intellekt
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Herr Grett, warum lesen wir plötzlich überall von den Übeln des Biokraftstoffs?
Peter Grett: Momentan wird das Thema von der Presse plattgemacht, nachdem man es zu Beginn erst mal hochgejubelt hatte. Das ist nicht ungefährlich, weil in der Berichterstattung vieles vermischt und verwechselt wird, so dass der Verbraucher abgeschreckt wird. Es stimmt allerdings, dass die weltweite Biospritgewinnung aus ökologischer und sozialer Sicht skeptisch betrachtet werden muss. Biosprit boomt, besonders in Nord- und Südamerika. Die Nachfrage steigt, somit auch der Preis, und dadurch werden Grundnahrungsmittel wie Mais, Zucker und Reis für ärmere Länder unerschwinglich. Nicht minder katastrophal ist, dass der Einsatz von genetisch veränderten Pflanzen, die robuster sind oder schneller wachsen, dadurch leichter gerechtfertigt werden kann.
Das heißt, Sigmar Gabriel liegt richtig mit seiner Entscheidung, die gesetzliche Biosprit-Beimischung erst mal wieder auf Eis zu legen?
Man muss hier unterscheiden, ob man die Biospritgewinnung national, kontinental oder global betrachtet. Erst letzten Dienstag haben Herr Gabriel, Bauernverbandspräsident Sonnleitner und Verbraucherminister Seehofer eine Pressekonferenz zum Thema Biosprit gehalten, in der sie darauf hinwiesen, dass die Anbaufläche für die Biospritgewinnung weltweit unter zwei Prozent liegt. Daher dürfe Biosprit nicht als alleiniger Auslöser für die Probleme mit steigenden Lebensmittelpreisen angesehen werden. Aber Krisen wie die "Tortillakrise" in Mexiko durch explodierende Maispreise sind eben Realität und ein echtes sozialökologisches Problem, das dringend gelöst werden muss.
Also besser Schluss mit Biosprit?
Nein. Sondern: Endlich vernünftig mit Biosprit umgehen und Regulierungsmöglichkeiten wahrnehmen. Für Biosprit müssten zum Beispiel regionale Kreisläufe geschaffen werden, je nach dem, welche geeignete Pflanzenart in der jeweiligen Region vorkommt. Es gibt eine Menge Optionen, aber sie alle müssen behutsam gesteuert werden, damit es nicht wie etwa in Brasilien dazu kommt, dass für die Bioethanolgewinnung Regenwald abgeholzt wird. In Spanien gibt es zum Beispiel sehr interessante Projekte, bei denen Biosprit aus schnell wachsenden Algen gewonnen wird. Und hier in Deutschland kann man Bioethanol aus Zuckerrüben herstellen.
Was ist denn bei all den Problemen überhaupt der Vorteil von Biosprit gegenüber konventionellem Kraftstoff?
Bioethanol ist eine gute Lösung, die Schäden, die durch konventionelle Kraftstoffgewinnung entstehen, effektiv zu minimieren. Die totale Umstellung auf Biosprit wäre allerdings genauso fatal wie so weiterzumachen wie bisher. Was Bioethanol angeht, ist die partielle Verwendung, also die Beimischung von Biosprit die sinnvollste Lösung. Das vom ADAC schwarz gemalte Bild mit explodierenden Motoren bei der E10-Beimischung halte ich für stark übertrieben. Bei E85, also Kraftstoff mit 85-prozentigem Bioethanolgehalt sieht das schon anders aus. Doch selbst damit könnte man hierzulande sein Auto antreiben, wenn man es für ein paar hundert Euro entsprechend umrüstet. Und wenn der Biokraftstoff dann noch sinnvoll gewonnen wird, haben wir ein funktionierendes System.
Und wie kann man Biosprit sinnvoll gewinnen?
Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt die synthetische Herstellung von Biosprit aus Holz, Holzabfällen oder Stroh für am sinnvollsten. Das sind die so genannten BtL-Kraftstoffe (Biomass to Liquid-), die synthetisch hergestellt werden. Die sächsische Firma Choren Industries ist führend in dem Bereich. Daran sind große Unternehmen wie Shell, VW und Mercedes beteiligt. Die Umweltbilanz dieser Kraftstoffe wird positiv bewertet.
Wie sieht es mit der Umweltbilanz von Bioethanol aus Zucker oder Mais aus? Schließlich wollen wir ja mit Biokraftstoffen die Umwelt schonen und möglichst CO2-Emissionen senken.
Da muss ich Sie enttäuschen. Die CO2-Einspareffekte durch Bioethanol sind so gering, dass sie kaum ins Gewicht fallen. Das ist auch so ein Mythos. Alle schauen jetzt auf nur noch auf die CO2-Vermeidung. Aber glauben Sie mir, CO2 ist bei weitem nicht das wichtigste Problem bei der Kraftstofferzeugung. Stickoxide, Schwefel und Aromate - das sind wirklich problematische Schadstoffe, die bei der konventionellen Kraftstofferzeugung entstehen. Die fallen aber durch den CO2-Hype fastvöllig unter den Tisch.
Was sollen wir denn jetzt tanken, um nicht auf Kosten anderer Auto zu fahren?
Grundsätzlich muss klar sein: So etwas wie "den" sauberen Kraftstoff gibt es nicht. Es werden immer Ressourcen verbraucht, um Motoren anzutreiben - es sei denn, sie werden mit elektrischer Energie aus 100 Prozent regenerativen Quellen gespeist. Daran arbeiten zwar schon alle großen Autohersteller, aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die ersten Fahrzeuge dieser Art auf den Markt kommen. Außerdem braucht man als nächstes ein gut ausgebautes Netz von Elektrotankstellen, um das Angebot attraktiv zu machen. Bis dahin sollte die Mischung aus Bio- und konventionellen Kraftstoffen vernünftig geregelt und praktiziert werden. Der Fokus muss auf der ökologisch-sozialen Struktur der Produktion und des Vertriebs liegen. Und die schon erwähnte zweite Generation der Biokraftstoffe ist hier meines Erachtens die beste Lösung.
Die Mischung macht's also?
So ist es. Alternative Kraftstoffarten sind real vorhanden und funktionieren auch. Es gibt 3600 Gas-Tankstellen in Deutschland, aber gerade mal 100 mit Bioethanol, von denen nur etwa 80 für Privatkunden zugänglich sind. Ein weiteres gravierendes Problem ist das Image von Biosprit: Ich finde es geradezu skandalös, dass es so gut wie keine überzeugende Werbung für alternative Kraftstoffe gibt. Außerdem ist erschreckend, wie wenig selbst bei "Profis" über Biosprit bekannt ist. Ich habe mal einen Autoverkäufer erlebt, der einem Kunden ein Auto mit Flexi-Fuel-Tank, also einem Tank, der sowohl Bio- als auch herkömmlichen Sprit in beliebigem Verhältnis tanken kann, förmlich ausgeredet hat. Er sagte: "Was wollen's denn mit Flexi-Fuel? Ist doch lästig mit diesen beiden verschiedenen Tanks." Dabei hatte der Wagen bloß einen Tank! Der wusste überhaupt nicht, wovon er da redet.
Wie kann man Bioethanol für Autofahrer attraktiver machen?
Man muss die Leute transparent über die Vorteile aufklären, ohne die Nachteile zu verschweigen. Zum Beispiel, dass Bioethanol zwar billiger ist, aber auch einen Mehrverbrauch von 20 bis 30 Prozent bedeutet. Der Gesetzgeber muss außerdem Rahmenbedingungen schaffen, die den Verbraucher entlasten, zum Beispiel durch Mautbefreiungen oder Steuervorteile. Einige Autobanken machen das jetzt schon auf eigene Faust. Wenn Sie dort zum Beispiel ein Auto mit Flexi-Fuel-Tank finanzieren, bekommen Sie einen Finanzierungs- oder Versicherungsrabatt. Und das funktioniert prima. Wenn ich Politiker wäre, würde mir das zu denken geben. Denn wer sich fragt, was an Biosprit eigentlich das Problem ist, dem wird angesichts dieser Entwicklungen klar: Mangelndes Angebot oder geringe Nachfrage ist es schon mal nicht.
Foto: essential media
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Zum Interview mit einem Bioethanol-Tankstelleninhaber
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Kommentare (4)
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Renovable
Bürgersolar-Kraftwerker
Renovable
schrieb am 07.05.2010 um 08:47Regionaler Abfall zu regionalen Treibstoff.
Mario_Sedlak
sedl.at
Mario_Sedlak
schrieb am 07.05.2010 um 08:36http://www.heise.de/autos/artikel/s/4205
Holz sollten wir hauptsächlich zum Heizen verwenden. Da liefert es den höchsten Beitrag zur Energiewende, weil keine energieaufwendige Umwandlung nötig ist. CO2 ist meiner Meinung nach zu Recht im Vordergrund der Aufmerksamkeit, da wir die CO2-Emissionen dringend reduzieren müssen, während die Luftverschmutzung hierzulande tendenziell bereits rückläufig ist (obwohl auch da natürlich noch viel zu tun ist, z. B. verpflichtende Partikelfilter für alle Dieselmotoren).
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