Ich bin seit langem mit Götz Rehn zum Interview verabredet und trotzdem finden wir kein Konferenzzimmer. Der Satz, der sich durch den Tag zieht, lautet “Entschuldigen Sie, aber wir platzen aus allen Nähten.” Tatsächlich ist das Bürogebäude in einer Weise schon wieder an seine Grenzen gekommen, dass es einem modernen Wirtschaftsmärchen gleicht. Und mitten in all dem Trubel kommt er: Der Mann, der so gerne alles anders und so häufig vieles besser macht und nimmt sich Zeit.
Alnatura: die Verwirklichung eines Ideals
Utopia: Sie sind mit Alnatura einen bemerkenswerten Weg gegangen. Was machen Sie besser als alle anderen?
Götz Rehn: Ich habe es zumindest anders gemacht als viele andere. Bevor ich überhaupt wusste, dass ich ein Handelsunternehmen – geschweige denn Läden, in denen Bio-Lebensmittel verkauft werden – gründen wollte, habe ich mich mit grundsätzlichen Themen auseinandergesetzt: mit Fragen der Sinnfindung, der Unternehmensphilosophie, mit Führungsfragen, mit der sozialorganischen Gestaltung von Unternehmen. Mein Weg ging also nicht von einer konkreten Unternehmensidee, sondern von einem Ideal in die Verwirklichung über. Viele Leute haben mir immer wieder gesagt, dass es unmöglich sei, diesen Anspruch zu realisieren. Das sei reine Sozialromantik und wirtschaftlich nicht machbar. Meine Erfahrung sagt mir aber heute, es geht.
Was war Ihr größtes Hindernis bei der Verwirklichung von Alnatura?
Götz Rehn: Bei der Finanzierung des ersten Ladens gab es auch die erste Krise. Meine damalige Bank wollte mir den nötigen Kredit nicht gewähren, weil sie der Meinung war, dass so ein Bio-Markt sicher nicht funktionieren würde.
Die 4. Dimension der Nachhaltigkeit
Die Bank fühlt sich inzwischen vermutlich eines Besseren belehrt. Sie haben neulich in einem beeindruckenden Vortrag über die 4. Dimension der Nachhaltigkeit gesprochen. Was meinen Sie damit?
Götz Rehn: Die Standardauffassung von Nachhaltigkeit beinhaltet ja die ökologische, ökonomische und soziale Dimension. Wir müssen erstens dafür sorgen, dass die Wirtschaft auf einem guten Niveau weiterläuft, zweitens mit den natürlichen Ressourcen so umgehen, dass wir in Zukunft noch etwas von ihnen haben und drittens die Menschen so behandeln, dass dies als fair bezeichnet werden kann. Ich denke, dass diese 3 Dimensionen allein nicht ausreichen, um die Situation, in der wir uns gerade befinden, tatsächlich zu lösen. Wirtschaft wird hier als eine große Maschine gedacht, die Gewinn liefern soll und der Mensch ist dabei nur dazu da, um der Wirtschaft zu dienen. Mir fehlt darin die geistig-kulturelle Perspektive, die unserem Handeln einen Sinn gibt: Der Mensch ist eine geistige Individualität, die sich weiterentwickeln kann: Unser Denken bestimmt unser Handeln, das heißt, ein ganzheitliches nachhaltiges Denken ermöglicht es uns, die Welt nachhaltig zu gestalten. Diese geistige Sinnbestimmung ist die 4. Dimension der Nachhaltigkeit.


Kommentare (64)
abonnieren
Beides zusammen - gut sortierte Bioläden und regionale ökologische Anbieter - macht Sinn.
Ich gebe gerne mehr Geld für Lebensmittel aus. Aber diese "nächstgelegenen" Bioland Höfe gibt es nun nicht an jeder Ecke und wenn, wo sollen all die Lebensmittel herkommen? Wie sollen diese Läden mit geringem Umsatz überleben. Diese Schwarz/Weis Malerei und das streben nach dem Optimalen (was nur zum scheitern und zum nichts tun führt) ist sehr anstrengend. Ich habe schon mein Auto abgeschafft um wenigstens eine kleinen Schritt zu tätigen. Mit dem Essen abschaffen wird es schwieriger
Grundsätzlich muss man doch Menschen wie Herrn Rehn untersützen, nicht jeder kann seine Lebensmittel oder Teile seiner Lebensmittel selbst im Garten produzieren, obwohl es immer mehr Menschen machen.
Schwarzweisdenken sollte wie vieles Andere auch denken von gestern sein!
Auch in Konzernen arbeiten Menschen! Und jedes Unternehmen ist nicht von Grund auf schlecht.
Wir Kunden haben die Macht und dann frage ich mich immer warum 80% der Bevölkerung keinen Atomstrom haben wollen, aber nur 10% Ökostron beziehen!?
Noch leben wir nicht in einer Welt, wo die Mehrzahl aller Menschen "erleuchtet" ist und alles wunderbar nachhaltig ist, unsere Kinder eine optimale Bildung, ....
Umsomehr möchte ich hier Menschen wie Herrn Rehm, oder auch einen Menschen wie Herrn Werner loben und alles gute für Ihre Zukunft wünschen und Ihnen versichern, das zumindest mein Einkaufs-Geld zu Ihnen fließt.
Noch einen Hinweis zum Thema Konzerne.
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift: Forum Nachhaltig Wirtschaften Hauptthema "Stadt der Zukunft" gibt es einen 2 seitigen Bericht über den Rewe-Konzern, bzw. über den Vorstandsvorsitzenden Herrn Alain Caparros.
Und warum sind Menschen, die Krawalli heißen hier Mitglied?
Worum geht es hier?
Ich dachte wir wollen alle jeden Tag ein Stückchen besser werden?
Und uns dabei unterstützen und andere unterstützen, auch Unternehmen.
Wer schützt mich vor Menschen, die sich allen Ernstes Krawalli nennen. Was die hier wollen, ist doch offensichtlich.
Liebe Leute, wer ernstlich wagt Menschen, wie Herrn Rehn, zu kritisieren, der hat hier keine Daseinsberechtigung.
Herr Rehn ist ein Pionier und Vorreiter, den ich bewundere.
Er ist so nah an der Ideallinie, dass ich mich frage, ab wann es genug sein könnte für die Krawallmacher dieser Welt.
Weil ich Herr Rehn sicher nichts Böses will und Alnatura immer noch besser finde, als z.B. Denree oder so manch andere Bio-Supermärkte, die wie Pilze aus dem Boden schießen und die Konzepte der Billdiscounter perfekt kopieren, auf Bio eben...
Den Hinweis
"Nachhaltiger ist jedoch der Einkauf beim nächstgelegenen BIOLAND-Hof."
Finde ich aber in der Sache so voll korrekt, daß ich Deine Form der Kritik auch nicht gerade angemessen finde.
Es herrscht ja immerhin noch freie Meinungsäußerung hier und wird auch hoffentlich so bleiben völlig unabhängig davon, welchen Usernamen jemand wählt.
Die verschiedenen Filialnetze müssn einfach besser ausgebaut werden aber da muss eben Bedarf da sein und der steigt glücklicherweise an. Und auf eine beschleunigende Ökosteuer auf 'Bad Food' braucht man sowieso nciht zu hoffen.
Ich warte aber nur darauf, dass irgendwann die ersten Deutschen Michels wieder anfangen zu meckern, wenn die Leute mehr Geld für Good Food ausgeben und weniger Geld für die ach so geliebte heilige Konjunktur übrig sein wird...
Kann trotzdem nicht schaden, sich dafür einzusetzen.
Vielleicht kommt Dein Biohof ja zu Dir in Form eines Bio-Marktes...
Davon gibt es doch auch in Berlin einige, oder nicht?
Ich wollte nicht diese Diskussion schon wieder vertiefen und ich will niemanden Alnatura madig machen.
Nur immer mal wieder darauf aufmerksam machen, daß die Form des Vertriebs über Supermärkte mit mehreren Filialen auch Nachteile hat:
Es werden nur noch einheitlicher Chargen in riesigen Mengen zu billigsten Preisen gewünscht.
Sortenvielfalt bleibt auf der Strecke, Massenproduktion (auch in Bio) wird immer mehr gefördert, Dumpinglöhne auch im Bio-Bereich u.s.w.
Massenproduktion (also ein bis zwei Kulturen pro Hof) sind aber kontraproduktiv im Biobereich, weil eine vernünftige Krankheits-Profilaxe kaum möglich ist.
Also werden wieder Kompromisse eingegangen, die wir eigentlich alle gar nicht wollen u.s.w.
Ich war besten Willens, mich nicht schon wieder aus dem Fenster zu lehnen.
Daß consumer3.0 einem User die Meinungsfreiheit aberkennt, weil der einen bestimmten Namen hat, konnte ich dann nicht so stehen lassen.
Ich arbeite daran, mich weniger schnell prvozieren zu lassen, vollkommen eigennützig, ist ja mein Herzinfakt ;-)
Viele Hofläden haben aber heute zusätzlich das komplette Bio-Trockensortiment.
Hier habe ich eine Adressliste erstellt:
http://www.utopia.de/gruppen/essen-trinken-65/diskussion/einkaufsfuehrer-fuer-bio-direktvermarkter-198295
Da sind auch viele Bio-Betriebe in Stadtnähe dabei.
Wie es in Berlin ist weiß ich nicht.
Aber ich denke, das sind auch Kulturfolger (wie die Waschbären ;-))
Der Hinweis und die Bitte, die regionalen Bio-Direktvermarkter auch zu beachten, ist dennoch nötig.
Einerseits beteiligen wir uns an Aktionen für eine weniger industrialisierte Landwirtschaft.
Dann sollen wir auch die kleinen Betriebe, für die die Direktvermarktung ein wichtiges Standbein ist, durch unseren Kauf unterstützen.
Sonst wird auch die Biolandwirtschaft bald nur noch großflächig und industrialisiert (also mit wenigen Kulturen pro Hof) funktionieren.
Die Bio-Supermärkte wollen auch alle nur noch große einheitliche Chargen bei zuverlässiger Lieferung und niedrigsten Preisen.
Das weiß ich sehr genau, weil ich einen (Mini-) Biogroßhandel führe gemeinsam mit meinem Partner.
Und weil mich der Besuch der Biofachmesse in Nürnberg Jahr für Jahr mehr abstößt.
Es zählt auch im Biobereich in erster Linie Einheitlichkeit und Preis und marketingoptimierte Verpackung.
Da muß es einfach erlaubt sein, wie oben geschehen, auf die regionalen Direktvermarkter hinzuweisen mit kleinen Betrieben, z.T. extensiver Tierhaltung und handwerklicher Verarbeitung der Produkte.
Ich persönlich verstehe das nicht als Angriff auf Alnatura, sondern als Hinweis, daß es immer auch Alternativen gibt und daß wir als Verbraucher die Welt mitformen so wie sie ist.
Mag eine Diskussion auf hohem Niveau sein, macht doch nichts.
Ich bin sicher, Herr Rehn versteht das.
"Mein Weg ging also nicht von einer konkreten Unternehmensidee, sondern von einem Ideal in die Verwirklichung über."
...
"Diese geistige Sinnbestimmung ist die 4. Dimension der Nachhaltigkeit"
Das ist ja auch nicht gerade flaches Niveau, was Herr Rehn da von sich gibt. ;-)
Der Mensch ist eine geistige Individualität, die sich weiterentwickeln kann: Unser Denken bestimmt unser Handeln, das heißt, ein ganzheitliches nachhaltiges Denken ermöglicht es uns, die Welt nachhaltig zu gestalten. Diese geistige Sinnbestimmung ist die 4. Dimension der Nachhaltigkeit."
Ich kann dass alles unterschreiben, was hier gesagt wurde, vor allem, dass es an uns liegt, uns zu verändern und nicht an den Anderen, nicht an den Maschinen und nicht an Sytemen.
Des Pudels Kern sind wir selber, unser Denken, unser Bewußtsein. Noch sind wir Steinzeitmenschen, aber wir entwickeln uns gerade einen riesen Schritt vorwärts!
Seelenbaum:
http://www.lebnetz.de/Aktion_Seelenbaum/Seelenbaume/seelenbaume.html
http://www.psychosoziale-lage.de/index.php?option=com_content&view=article&id=20&Itemid=56
20 Kommentare wurden hier gepostet und kein einziger beschäftigt sich mit dem Artikel oder den Aussagen von Goetz Rehn.
Ich finde das sehr schade, denn bei mir hat das Gespräch viel angestoßen und ins Schwingen gebracht.
Ich hatte sehr gehofft, dass es anderen genauso geht.
ich bin sicher, dass der grosse Teil der Menschen hier auf Utopia respektieren können, was Menschen für Ihre Ideale TUN und umsetzen.
Die wenigen Meinungsäusserungen, die versuchen, unter dem Deckmäntelchen von Kompetenz ihre Ohnmacht, Frust und Hilflosigkeit zu artikulieren, die echten Veränderungen nicht aufhalten werden, geschweige denn Menschen daran hindern können, aktiv zu sein.
Götz Rehn: "Unser Denken bestimmt unser Handeln, das heißt, ein ganzheitliches nachhaltiges Denken ermöglicht es uns, die Welt nachhaltig zu gestalten. Diese geistige Sinnbestimmung ist die 4. Dimension der Nachhaltigkeit."
Das enthält m.E. einen guten Gedanken, der aber für mein Gefühl etwas seltsam daherkommt.
Merkwürdigerweise lese ich das Wörtchen "Ganzheitlichkeit" oft in Statements, wo das Eingebettetsein der menschlichen Vorstellungen über ein gutes (Zusammen-) Leben in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse, also in bestimmte - mehr oder weniger fragwürdige - Existenz- bzw. Entwicklungsbedingungen eben NICHT Thema ist, meist wohl auch grad nicht sein soll und von einer Berücksichtigung der ganzen "Gänze" menschlicher Möglichkeiten und deren Grenzen - und wie sich diese in kreativer Weise ändern ließen - jedenfalls nicht wirklich gespochen werden kann.
Die Absicht, verschiedene Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung auf einen Nenner zu bringen, dass nämlich weltwelt alle gut (bzw. schön) leben können sollen ohne dabei zugeich die Grundlagen eines guten Lebens aller zu zerstören, IST ja schon eine geistige Leistung oder meinetwegen "Dimension". Aber ok, es ist wohl nichts dagegen zu sagen, wenn z.B. Nachhaltigkeitsstrategien neben ökologische bzw. soziale Stadards für ökonomisches Handeln (und Wege, Zeiträume usw. diese zu erreichen) ein Feld enthalten, auf dem die Art der sozialen Konstruktion Thema ist, die ein weltgemeinschaftliches Nachhaltigkeitsmanagement erlauben. Das wäre ja dann das genuine Feld menschlicher Schöpfungskräfte ;-)
Gruß vom Topisten
Darauf bezieht sich die ebenso antroposophische Klinik Heiligen feld, Claudia ...
So weit ich mich an den Artikel erinnere, gibt es noch einige Bezugspunkte ...
Gute Nacht, ich bin hundemüde, ich bin seit 6 Uhr auf den Beinen gewesen.
Seite 2: „Dazu braucht es ein neues Denken. Es wird zu keiner Veränderung kommen, wenn die Menschen sich selbst nicht wirklich ändern wollen.“
„Und das gilt für viele andere Dinge: Wir wollen uns nicht selber ändern, sondern hoffen, dass es durch technische Effizienzsteigerung unnötig wird. Wenn wir uns aber nicht selbst innerlich bewegen, werden wir irgendwann dazu gezwungen, uns zu bewegen, werden aber keine Möglichkeit mehr haben, die Richtung selbst zu bestimmen.“
Götz Rehn: „Wie gesagt, solange wir uns in unserem Weltbild auf eine bereits fertige und nur materielle Welt beschränken, werden wir keine echte Veränderung bewirken. Die Menschen müssen erkennen, dass sie produktive, geistige Wesen sind, die die Welt durch ihr Denken gestalten – und nicht nur konsumieren können.“
Fragende:
Insgesamt klingt das nach einem sehr elitären Ansatz. Wie können wir es schaffen, die breite Masse auf den Weg zu bringen?
Götz Rehn: Ich denke, dass wir dazu viel mehr auf das Positive als auf das Negative setzen müssen.
Wir reden zu 95 Prozent über Krisen und zu fünf Prozent über Chancen, Alternativen und neue Ideen. Wenn wir das nicht umdrehen, können wir auch nicht erwarten, dass sich die Menschen mit einer positiven Entwicklung beschäftigen."
Und genau das verändern die Menschen, die sich am Pflanzen von "Seelenbäumen" und an der deutschlandweit ausgerufenen "Seelenzeit" beteiligen ...
Das sind zwei bewegende Zeiten ...
Etwas erstaunt hat mich allerdings die Antwort auf zwei der Nutzer-Fragen bezüglich der Alnatura-Gebäude, in denen Herr Rehn sich darauf bezieht, dass Alnatura ja nur Mieter ist, und somit keinen Einfluss hat z.B. auf Photovoltaik am Gebäude oder Wärmedämmkriterien.
1. Kann man als Mieter nicht auch Einfluss nehmen?
2. Kann man sich nicht sogar entscheiden, ob man mietet oder kauft? (zumindest in den "Außenbezirken" - wo ja einige der Märkte stehen)
Ich kann mir vorstellen, dass das bauen lassen und dann mieten als Investorenmodell recht rentabel ist.
Für beide Seiten.
Irgendwie fehlt mir in diesem Hinblick die 4. Dimension. ;-)
Herr Reh hat es geschaft aus dem Denken ein Handeln abzuleiten und ein Unternehmen geschaffen, welches sich in einem Haifischbecken sehr gut durchsetzen kann.
Sich als gutgläubiger Karpfen zu bewegen wäre wahrscheinlich nicht von Erfolg gekrönt gewesen.
Die theoretischen Gedankenspiele lassen sich immer mit einer 100% Erfolgsquote auf Papier bringen und das schlimmste was passieren kann ist, dass einem ein Kritiker das Gedankengebäude einstürzen lässt.
So gesehen würde ich Alnatura als Erfolgsmodell bezeichnen.
Götz Rehn: An den Getreidemühlen gibt es Papiertüten, die auch für Obst und Gemüse verwendet werden können. "
Bei aller Liebe, das ist doch wirklich etwas halbherzig. Das was die Leute zuerst sehen sind die Plastiktüten und die sind meines Wissenstandes nicht kompostierbar, berichtige mich wer mehr weiss.
Alnatura ist, und das haben hier viele schon gesagt, besser als der Discounter, aber es ist auf jeden Fall noch einiges zu verbessern.
Jeden Abend werden Unmengen an Brot weggeworfen, das geht gar nicht!
Die Mitarbeiter dürfen Brot für eine geringe Summe davon mitnehmen, aber die meisten interessiert das gar nicht. Jedenfalls nicht in "meinem".
Eine Freundin arbeitet dort und sie ist die Einzige die das Brot taschenweise mitnimmt und in befreundeten WG`s verteilt.
Sollten die Menschen die bei Alnatura arbeiten nicht auch den Geist des Unternehmens verkörpern und auch auf sowas achten?
Ich hatte mal in meinen Alnatura-Markt nach Papiertüten gefragt -alleine schon, um Pilze einzupacken. Die vertragen sich mit Plastik ja gar nicht gut.
Die Antwort der Mitarbeiterin: "Papiertüten sind bei Obst + Gemüse hier nicht erlaubt."
Ich argumentierte noch, dass ich gerne den Aufpreis für die "schwerere" Papiertüte bezahle, falls das Problem darin begründet ist - aber das war es wohl nicht gewesen.
Das ist allerdings schon einige Monate her.
In meinem 'regionalen' Bio-Supermarkt gibts Papiertüten auch beim Obst+Gemüse. Ein rein "hygienisches" Problem (Gesetze, Vorschriften) scheint also nicht zu bestehen.
Solche Entscheidungen, die nicht nachvollziehbar sind, machen es mir natürlich schwerer das zu verstehen und gut zu finden.
Noch vergessen: den Hinweis, den Götz Rehn hier gibt (Papiertüten bei den Getreidemühlen) habe ich damals von der Mitarbeiterin leider auch nicht erhalten.
Sie sind durchsichtig und ermöglichen es dem/der Kassierer_in, den Inhalt der Tüte zu prüfen, ohne sie zu öffnen. Leider gibt es nämlich auch bei Alnatura einige unehrliche Kund_innen, die beim Abwiegen zu bescheißen versuchen oder das ein oder andere Produkt "vergessen" zu bezahlen. Bei Papiertüten, die für Pilze, Bananen, Tomaten und einige andere Produkte in der Tat wesentlich geeigneter sind, ist eine Überprüfung des Inhalts sehr schwierig und häufig mit einer Beschädigung des Inhalts verbunden. Außerdem kostet es an der Kasse viel Zeit, und die haben viele Kund_innen nicht - wir Kassierer_innen daher meist auch nicht.
Außerdem gab es mal eine Untersuchung zur Ökobilanz von Plastik- und Papiertüten, nach der die wesentlich schwerere Papiertüte in der Herstellung ebensoviel Erdölprodukte verbraucht, wie in der Plastiktüte enthalten sind. Leider find ich gerade auf die Schnelle keinen entsprechenden Link.
Am liebsten sind mir ohnehin die Kund_innen, die ihre eigenen Tüten, Taschen, Rucksäcke etc. mitbringen, in die sie das Obst und Gemüse verpacken, denn natürlich ist die beste Tüte eine, die erst gar nicht benötigt wird.
Die Alnatura -Website teilt zum Thema Tüten übrigens folgendes mit:
"Tüten - warum bietet Alnatura keine kompostierbaren Plastiktüten an?
Wir prüfen bei der Auswahl der Verpackungen und deren Gestaltung sehr sorgfältig verschiedene Faktoren. Dabei sind ökologische Aspekte, ein optimaler Produktschutz sowie praktisch-funktionale Gesichtspunkte ebenso zu berücksichtigen wie das Material selbst.
Die meisten der derzeit angebotenen kompostierbaren Kunststoffe werden im Kompost bzw. im Bio-Müll nur sehr langsam und zum Teil unvollständig abgebaut. Die Entsorger weisen solche Materialien teilweise zurück, denn sie müssen in den Kompostwerken häufig herausgesiebt werden.
Aus der gelben Tonne oder dem gelben Sack lassen sich diese Tüten aufgrund der großen Ähnlichkeit mit gewöhnlichen Plastiktüten nicht aussortieren und gelangen mit den anderen Kunststoffen in den Recyclingprozess. Da es sich bei den Bausteinen der kompostierbaren Kunststoffe aber um andere handelt als die gewöhnlicher Kunststoffe, mindert beigemischter kompostierbarer Kunststoff die Recyclingqualität der Kunststoffmischung.
Aus diesen Gründen kam auch das Umweltbundesamt zu dem Schluss, dass Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff derzeit noch keine umweltfreundliche Alternative zu Tüten aus herkömmlichem Kunststoff darstellen.
Zudem basieren kompostierbare Kunststoffe häufig auf Maisstärke, die teilweise aus gentechnisch verändertem Mais besteht. Den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen lehnt Alnatura grundsätzlich ab. Außerdem meinen wir, dass Nahrungsmittel nicht als Verpackungsmaterialien zweckentfremdet werden sollten.
Wir verfolgen weiterhin aufmerksam aktuelle Entwicklungen im Bereich Verpackungen."
Zum Thema Brot und andere Reste:
In meinem Alnatura-Markt holt von Montag bis Freitag morgens die Tafel das übrige Brot sowie Obst und Gemüse und sonstige, nicht mehr regulär verkäufliche Reste ab und verkauft sie zu extrem geringen Preisen an finanzschwache Menschen. Im Übrigen bemühen wir uns sehr, bedarfsgerecht zu ordern, da wir die Ware auch lieber verkaufen als wegschmeißen. Aber Hellseher_innen sind wir leider nicht, und grantige Kund_innen, die abends nicht mehr das volle Sortiment vorfinden, sind leider ziemlich schwierige Zeitgenoss_innen...
Zum Thema regionales Obst und Gemüse: Wir haben in unserer Filiale drei Lieferant_innen, die aus einem Radius von rund 30 km je nach Saison täglich bis einmal wöchentlich Demeter- und Bioland-Gemüse und Obst liefern. Aber die bauen trotz eines wirklich sehr großen Sortiments weder Ananas noch Ingwer noch im Winter Tomaten an, und manchmal reicht es ihnen auch mengenmäßig nicht, um Alnatura ihr Gemüse zu verkaufen, weil sie es lieber selber auf dem Wochenmarkt verkaufen.
Ihr könnt sicher sein: Wenn niemand im Winter Tomaten kaufen würde, dann würde Alnatura auch keine anbieten... Aber bevor die Kund_innen zu Aldi, Edeka und Co. abwandern, verkaufen wir ihnen halt die Tomaten.
Und noch ganz was grundsätzliches: Mir fällt hier öfter, speziell bei Lebensmittelthemen auf, dass manche Menschen irgendwas kritisieren, ohne die Hintergründe genauer zu kennen. Etwas mehr Demut wäre häufig angebracht... Vielleicht erstmal fragen, warum etwas so und nicht anders gehandhabt wird, statt es gleich als Skandal zu brandmarken.
zur Tüten-Thematik habe ich aber wiederum noch ein paar Fragen und Anmerkungen:
Die Tüten, die es bei Alnatura gibt, sind schwer wiederverwendbar - da sehr dünn, und wenn ich den Abwiege-Aufkleber entfernen will, um sie wieder zu verwenden (sonst wird ja gedacht ich habe das heute gekauft) gehen sie kaputt. Leider wir bei meinem Alnatura-Markt auch nicht sehr gerne gesehen, wenn ich für verschiedene Produkte die gleiche Tüte (natürlich mit mehreren Preisaufklebern) verwende.
Bezüglich des mitbringens von eigenen Taschen: diese können doch auch "undurchsichtig" sein - ist das nicht das gleiche Problem wie mit den Papiertüten?
Dass beim öffnen eine Papiertüte (die Maximal zugeknüllt werden kann) der Inhalt zerstört wird ist für mich schwer vorstellbar - dass es Zeit kostet ist sicherlich richtig
Der andere Naturkostsupermarkt, den ich in unserer Stadt regelmäßig besuche, bietet alternativ folgendes an: auch dickere Tüten und Papiertüten. Dort wird standardmäßig sogar an der Kasse gewogen - d.h. die Kassiererin MUSS sogar nachsehen, was drin ist. Ich lasse dort die Papiertüten immer offen, so dass sie den Inhalt gleich sehen kann. Dort gibt es auch keine Schlangen an der Kasse. (liegt es daran, dass dort mehr Personal vorhanden ist?).
Das ist also auch eine Möglichkeit!
Natürlich kann das die Kassiererin nicht ändern - ein solche Veränderung müsste von "weiter oben" kommen.
An der Untersuchung zur Ökobilanz von Plastik vs. Papiertüten hätte ich Interesse. Wenn Du da noch was finden kannst wäre ich Dir dankbar.
Vor allem würde mich interessieren, ob auch die Entsorgung oder nur die Herstellung mit einbezogen war.
Ich bin im übrigen auch kein Freund von "kompostierbaren Plastiktüten", da kann ich schwer nachvollziehen, aus was sie hergestellt sind etc. Bei Papier kann ich hingegen sogar auf dem eigenen Komposthaufen sehen, wie es verrottet.
Dann lege ich alles Obst und Gemüse in einen Korb, der dafür bereit steht.
An der Kasse wird das Gut gewogen und wandert dann in meine mitgebrachte Stofftüte.
Klar dauert das an der Kasse etwas länger und kostet die Kassiererin mehr Zeit.
So ist es halt und dafür zahle ich gerne etwas mehr.
Die Problematik mit den Tomaten im Winter, die der Kunde wünscht, kennt mein Ökokistler natürlich auch.
Genauso ist die Problematik mit dem Brot leider wahr.
Das wurde uns auch von der Vollkornbäckerei bestätigt, die wir vor einiger Zeit mit unserer Slow Food Gruppe besucht haben.
Wenn Abends um 18 Uhr das Regal nicht mehr voll ist, geht der Kunde wo anders hin.
Es ist aber auch untersucht, daß die Kunden bei Direktvermarktern viel leichter solche Sachzwänge akzeptieren als im -mehr oder weniger- anonymen Supermarkt.
z.B. benutzt die Kassiererin im Hofladen die Zeit beim Auswiegen, um genau über solche Themen mit ihren Kunden zu schwätzen.
Und wenn sie sagt, es ist kein Brot mehr da, dann geht der Kunde dieses Mal wo anders hin und kommt das nächste Mal wieder.
Der engere Kontakt scheint sich auszuzahlen in Punkto Vertrauen.
Die EHEC-Krise hat dieser Demeterhof relativ unbeschadet überstanden.
Ganz im Gegenteil, der Andrang im Hofladen war so größer, weil die Leute sich da ihre Fragen vom Herzen reden konnten und -soweit möglich- Antworten bekamen.
Was ich überhaupt nicht verstehe ist die Aussage zum Thema Demut.
Was hat Demut damit zu tun, daß gewisse Dinge hinterfragt werden?
Muß ich bei Alnatura auf Knien einkaufen und demütig bitten, wenn ich etwas wissen will? ;-)
Demut hat ja auch nicht gerade was damit zu tun, daß sich Kunde und Anbieter auf Augenhöhe begegnen, oder?
Was ich meinte war, dass häufig, ohne die Hintergründe einer Vorgehensweise zu kennen (und das ist für Außenstehende oft gar nicht möglich), recht herbe Kritik geäußert wird. Ich fände es oft angebrachter, erstmal nach dem "Warum?" zu fragen, statt gleich zu urteilen, dass dies oder jenes ja gar nicht geht. Auch hier muss ich einräumen, dass bei Herrn Rehns Antwort vielleicht die entscheidende Information fehlte, nämlich warum Plastiktüten verwendet werden. Aber meine Anmerkung war auch eher genereller Natur.
Noch zu Deinen Fragen, corifee: Man kann die Alnaturatüten prima wiederverwenden, wenn man die Aufkleber nicht draufbappt, sondern zum Beispiel jeweils zwei Aufkleber mit den Klebeflächen aneinanderklebt und dem/der Kassierer_in separat überreicht, dann entfällt das lästige Scannen einer Plastiktüte mit mehreren Produkten und mehreren Aufklebern drauf. Wenn die Aufkleber nämlich zu nah aneinander kleben, ist es für uns sehr schwierig, den richtigen zu scannen, wir müssen dann jeweils einzelne Barcodes zuhalten, was manchmal sehr viel Zeit kostet.
Wenn die Tüten stabiler und damit dicker wären, wäre der Materialeinsatz wesentlich größer. Angesichts der Tatsache, dass ohnehin sehr wenige die Tüten wiederverwenden, eher kontraproduktiv beim Müllvermeiden.
Wenn Du eigene Taschen mitbringst, solltest du die Ware erst in Korb oder Wagen legen und sie erst nach der Kasse in die Tasche packen, dann muss niemand in Deiner Tasche rumgrabbeln.
Das Kontrollieren der Papiertüten kann dann zu Schäden an der Ware führen, wenn der Inhalt empfindlich ist (Beispiel Pilze) und unter den Pilzen noch was anderes liegen könnte. Da fällt mir jetzt auch keine andere Lösung ein, außer, die Pilze erst nach der Kasse in die Tüte zu packen.
Warum es bei Alnatura keine Kassen mit Waage gibt, weiß ich leider auch nicht, das würde es uns ersparen, täglich zahlreiche Kund_innen, die das Wiegen vergessen haben, zurückzuschicken, was für beide Seiten ziemlich blöd ist. Vielleicht, weil es länger dauern würde, wenn erst an der Kasse gewogen würde, da ja erstmal das Produkt identifiziert werden müsste; bei mehreren, unterschiedlich teuren Apfelsorten z.B. fast nicht zu leisten, da dann die Kassierer_innen jede Apfelsorte kennen müssten - die wechseln aber recht häufig und wir haben ziemlich viel Teilzeitpersonal - das Chaos wäre programmiert...
Tja, und mehr Personal kostet halt auch mehr Geld, das die Kund_innen bezahlen müssen... im Vergleich zu normalen Supermärkten oder gar Discountern stehen wir mit unserer Personalausstattung schon ziemlich luxuriös da. Unsere Kund_innen sind glücklicherweise halt auch wesentlich wissbegieriger, sprich beratungsintensiver.
So, ich hoffe, ich konnte zur Erhellung der Tüten-Thematik beitragen. Kampf dem Plastikmüll!
Ich werde einfach mir meine eigenen Plastiktüten mitnehmen und sie so lange gebrauchen bis sie nicht mehr brauchbar sind. So können die KassierInnen sehen und ich muss nicht immer eine neue nehmen.
Ausserdem frage ich mal warum das bei "meinem" Alnatura mit der Tafel nicht funktioniert, wenn das bei euch geht...
Ein Lieferservice für Bio-Gemüse aus der Nachbarschaft.
Das werde ich mal ausprobieren. Mal sehen wie das funktioniert.
Demut: Vielleicht auch, sich selber richtig einzuschätzen?
Demut ist zwar an einigen Stellen vielleicht mal angebracht, aber in diesem Zusammenhang bringt es uns nicht weiter!
Allerdings sollten wir auch nicht immer so hart mit Menschen/Unternehmern umgehen, die versuchen mit Bio-Lebensmitteln die Welt ein wenig besser zu machen, das muss ich mir auch immer wieder sagen.
Wenn etwas in der Bio-Branche mal schief geht ist es nämlich doppelt schlimm und ruiniert eher Existenzen.
Ich hatte letztens dazu ein anregendes Gespräch mit einem Agrar-Wirt.
Er war Waldorfschüler, hat auf einem Bio-Bauernhof gelernt und wechselt nun zur konventionellen Landwirtschaft, weil er sagt, dass die Zukunft als Bio-Bauer zu unsicher für ihn ist.
Das hat mich erschreckt.
Es lohnt sich nicht, weil die Verbraucher den Mehrpreis für Biokäse nicht zahlen...
Auf der anderen Seite werden massig Bio-Produkte wenig nachhaltig importiert, weil angeblich die Nachfrage in Deutschland nicht gedeckt werden kann. (Ich rede jetzt nicht von Ananas ;-))
Angeblich werden umstellungswillige Bauern händeringend gesucht.
http://www.naturkost.de/wp/2011/08/bio-bauern-dringend-gesucht/
http://www.schrotundkorn.de/2008/200809a01.html
Auch in der Schweiz...
http://www.zds-bonn.de/gesucht_schweizer_biobauern.html
...und in Österreich:
http://www.bio-austria.at/bundeslaender/tirol/biobauern_partner/aktuell/pressemeldung__1
Ja, ich finde auch so Einiges erschreckend...ich habe in der letzten Zeit oft das Gefühl, es geht eher rückwärts als vorwärts in Sachen Bio und Nachhaltigkeit...
Vielleicht muss ich dann aber auf meinen Milchreis verzichten ;-)
Mein Ökokistler führt das volle Naturkosttrockensortiment.
Ich kann mir alles Gewünschte in die Kiste legen lassen zum Gemüse und Obst.
Z.B. auch den guten Bio-Milchreis.
Ich habe keine Standard-Gemüsekiste und habe sie auch nicht jede Woche, weil wir ja viel selbst im Garten haben.
Deswegen bestelle ich auf Zufruf / per Mail.
1, Kein Milchreis mehr von Müller
2, Das Geld lieber für fair gehandelte Produkte ausgeben
Das ist mal ne gute Idee ;-)
Mit jedem Kauf, löse ich eine Bestellung aus, dann wird dieses Produkt auf die gleiche Art und Weise noch einmal produziert.
Das ist meine Verantwortung und das sollte jedem Verbraucher klar sein.
Hört hört!!
http://www.utopia.de/magazin/ard-reportage-wie-billig-kann-bio-sein-bio-betrug-bleiben-sie-unkonventionell?all#comment-355785
Da ja Utopia gute Kontakte hat zum Gründer von Alnatura Götz Rehn, wäre es toll, wenn Ihr dort mal nachhakt, wie man den Fall einschätzt.
Ich wollte im Profil von Alnatura eine Frage auf die Pinwand stellen, die ist aber offensichtlich deaktiviert.
Die Stellungnahmen, die ich vom Biopark bekam, sind wenig aussagekräftig und insgesamt wächst mir zu schnell Gras über die Sache.
Etwas mehr Reaktion seitens der Betroffenen hätte ich mir schon gewünscht.
Aber Qualität gefällt mir nicht, obwohl in Freiburg im Laden ist besser