Berichte aus der Wirklichkeit (5)

Wer kann Umweltminister?


Seit Sonntag herrscht Klima- und Ökopanik unter denjenigen im Land, die sich statt Schwarz-Gelb lieber, entgegen alle Wahrscheinlichkeit, eine rot-grüne oder schwarz-grüne Regierung gewünscht hätten. Und sofort scheinen die schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit zu werden: der Ausstieg aus dem Atomausstieg wird Gegenstand der Koalitionsverhandlungen sein, und es ist überdeutlich, dass Guido Westerwelles stereotypes Wachstums-Mantra sich zwar sehr schön mit dem gleichlautenden Credo der Kanzlerin, schlecht aber mit dem Klimaschutz in Einklang bringen lässt.

Aber Larmoyanz darüber, dass ausgerechnet die FDP, die jenen Marktradikalismus vertritt, der gerade mal vor einem Jahr die Weltwirtschaft an den Abgrund und die Staatsfinanzen zum Absturz gebracht hat, als klare Wahlsiegerin und designierte Regierungspartei aus diesem ödesten aller Wahlkämpfe hervorgegangen ist, ist nicht angebracht. Erstens wird die Atompolitik, und nicht nur sie, zur Aufkündigung der interesselosen Konsenskultur passiven Politikkonsumierens führen und wieder eine Protestkultur entstehen lassen, die auch mit neuen Formen des Protests die Zivilgesellschaft vitalisieren wird – zum Beispiel via Internet.

Zweitens ist der Teufel ein Eichhörnchen. Denn ausgerechnet die wirtschafts- und industriefreundlichste Regierung seit mehr als zwei Jahrzehnten wird in Sachen Weltklima etwas ganz Unerwartetes tun müssen. Die Vorbereitungen für die Klimakonferenz in Kopenhagen, nach Ansicht von führenden Klimaforschern die womöglich wichtigste Konferenz der Menschheitsgeschichte, erfordern vor allem auf deutscher Seite höchste Sachkenntnis und Kompetenz, und die ist in Ermangelung eines mit allen Wassern gewaschenen und international verhandlungssicheren Umweltministers im Augenblick nicht da – und personell auf Seiten der CDU auch nicht zu sehen.

Wenn Angela Merkel ihre international hoch geachtete Rolle als Befürworterin einer zukunftsfähigen Klimapolitik nicht kläglich aufgeben und Kopenhagen zu einem europäischen Desaster machen will, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als auf Kompetenz zu setzen, die von außen kommt. Also: Eine Person, die Deutschland und seine führende Rolle in Europa in der äußerst schwierigen Materie internationaler Abkommen souverän vertreten könnte, kann eigentlich nur aus dem Verhandlungsgeschäft selbst und/oder aus dem politisch erfahrenen Arm der Klimawissenschaft kommen. Ein Name wird bereits genannt: Achim Steiner, der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen wäre eine Idealbesetzung, wenn er sich denn hinreißen ließe, sich in die Niederungen der deutschen Bundespolitik zu begeben.

Ein anderer Name, der internationalen Glanz in der Klimapolitik wie in der Wissenschaft hat, ist Joachim Schellnhuber, derzeit Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderung. Erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit daran, dass eine der eindrucksvollsten Berufungen Barack Obamas jene des Umweltministers war: Obamas erste Tat zur Verdeutlichung des Paradigmenwechsels in der amerikanischen Klimapolitik war es, den Nobelpreisträger Steven Chu in sein Regierungsteam zu holen, ein Signal auch dafür, dass beim Thema Klimawandel Kompetenz wichtiger ist als der Nachweis, die Ochsentour einer Parteikarriere absolviert und dabei jeden eigenen Gedanken verloren zu haben.

Mit der Berufung von Steiner oder Schellnhuber ins Amt des Umweltministers würde die Kanzlerin nicht nur die deutsche Verhandlungsposition in Kopenhagen enorm stärken, sondern ihr arg ramponiertes Image als Klimakanzlerin aufpolieren können. Und schließlich sogar jenen Hauch von „Change“ und „Yes, we can!“ in die deutsche Politik bringen, den man im Wahlkampf so schmerzlich vermisst hat. Und Guido Westerwelle wird dazu tun müssen, was er jederzeit ohnehin am besten kann: strahlen.  

 

Professor Harald Welzer

 

 

 

Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:

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Vor kurzem ist ein weiteres Buch von ihm erschienen:

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Neues Buch: Claus Leggewie/ Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima,Bei Amazon bestellen Zukunft und die Chancen der Demokratie, S. Fischer Verlag 2009.

ISBN 978-3-10-043311-4.

 

 

 

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    undzin
    schrieb am 09.10.2009 um 21:21
    wenn WIRSINDDASVOLK die Böcke zu Gärtnern, also die neoliberalen Wachstumsfetischisten zu Klimawandlern gemacht hat in absoluter Mehrheit........ dann fällt`s mir gar schwer nicht schwarz zu sehen vor lauter geld äh gelb. ich hab fast alle welzer-wälzer gelesen weil er mir so aus der seele spricht...
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    mueslimaid
    schrieb am 08.10.2009 um 20:10
    Mehr Mut, bitte! Idee Kompetenz vor Rang in der Partei zu stellen, finde ich gut. Möchte lieber von kompetentem Assistenzarzt behandelt werden als von Chefarzt, der seine letzte Hüfte vor Jahren gesehen hat. Aber ehrlich gesagt, geht es mir vor allem um Kandidaten, die Rückgrat haben und bei...
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