In jeder öffentlichen Diskussion, die sich – aus Anlass des Klimawandels, der Wirtschaftskrise oder der Energieprobleme – mit Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung befasst, meldet sich spätestens nach einer Viertelstunde jemand und teilt mit, dass Veränderung zwar ohne Zweifel notwendig sei, “die Leute“ aber auf nichts verzichten wollten, weshalb jede Veränderung völlig unrealistisch sei. Dann meldet sich gleich der nächste und fragt, ob man denn allen Ernstes Verzicht predigen wolle, und wie man denn dazu komme, anderen Menschen vorschreiben zu wollen, was die zu tun und zu lassen haben. Diese beiden Positionen kommen so sicher wie das Amen in der Kirche, und sie sind so stereotyp, dass sie einen tieferen Sinn haben müssen. Der ist ziemlich einfach zu entschlüsseln: Veränderung wird umstandslos mit Verzicht gleichgesetzt, weil in dem Augenblick, in dem einer “Verzicht“ sagt, der Status quo blitzartig als ein Optimum erscheint, an dem um Gottes willen nicht herumgeschraubt werden darf.
Die Verzichtsrhetorik ist also eine Verteidigungswaffe gegen die Aufforderung zur Veränderung, und in dieser Funktion ist sie leicht zu entkräften: Es genügt der Hinweis, dass der Status quo mit einer unendlichen Fülle von Verzichtsleistungen erkauft ist – etwa mit dem Verzicht auf keine Lärmbelästigung und zwar von Menschen, die zum Beispiel in der Stadt, an befahrenen Straßen oder in Einflugschneisen von Flughäfen wohnen. Andere wiederum verzichten auf Gesundheit, weil sie einer gesundheitsgefährdenden Tätigkeit nachgehen müssen, während andere auf Kinder verzichten, weil die Karriere- und Mobilitätsmuster heutzutage keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben. Das alles sind Verzichtsleistungen unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Bewusstheit, die Menschen erbringen, weil sie keine bessere Verhandlungsposition haben und oft, weil sie gar nicht als solche empfunden werden, sondern im Gegenteil gerade als das betrachtet werden, auf das man auf keinen Fall verzichten kann – wie auf die Liebe zu einem aggressiven, lieblosen Vater oder die Abhängigkeit von einem miesen Chef oder Liebhaber. Oder den willigen Verzicht auf Freiheit zugunsten von Sicherheit oder den Verzicht auf Nachhaltigkeit zugunsten kurzfristigen Nutzens – all das kann, so selbstschädlich es gelegentlich sein kann, als wünschenswert und als das Gegenteil von Verzicht empfunden werden. Das heißt aber nicht, dass es keiner ist.
Kurz: Wer Verzicht sagt, muss sich erstmal fragen lassen, worauf er unter den gegebenen Bedingungen verzichtet. Wenn etwa von Einschränkungen der privaten PKW-Nutzung die Rede ist, könnte man daran denken, dass schlechte öffentliche Verkehrsnetze den erzwungenen Verzicht auf komfortable, umweltfreundliche und preiswerte Mobilität bedeuten, für Kinder und Ältere darüber hinaus häufig den Verzicht auf Bewegungsfreiheit über den Gartenzaun hinaus, oder allein für die Bundesrepublik den Verzicht auf den Erhalt von mehr als 4.000 Menschenleben jährlich.
Oder der unablässige Warentransport von einer Weltgegend in eine andere: Ist es ein Gewinn, dass Früchte oder Gemüse unabhängig von Anbausaisons ganzjährig überall verfügbar sind – oder ist‘s ein Verzicht auf Unterscheidungsfähigkeit und Genuss? Was macht Spargel interessant, wenn es ihn das ganze Jahr über gibt? Wenn er im Oktober aus Chile kommt, schmeckt er nicht nur schlechter, er hat auch eine miese CO2-Bilanz.
Sicher finden sich immer Ökobilanzen, die nachweisen, dass der Apfel aus Neuseeland einen kleineren CO2-Fußabdruck hat, als der aus dem Alten Land, aber nur solange, wie man glaubt, ihn das ganze Jahr über knackfrisch konsumieren zu müssen. Und diese Prämisse hat viel mehr mit dem in das habituelle Fleisch und Blut übergegangenen Haben-Wollen unserer Gesellschaft zu tun, als im Alltag bewusst wird. Das alles zeigt: Die Vorstellung, eine Änderung des Status quo schränke Möglichkeiten per se ein, sieht einfach davon ab, welche Einschränkungen der Status quo einem sowieso auferlegt. Wer die nicht bilanziert, darf den gegebenen Zustand für den einzig Möglichen und daher Erstrebenswerten halten. Der Verzichtsbegriff ist jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen.
+++
Berichte aus der Wirklichkeit (1): Wie rechtfertigen Sie sich?
Berichte aus der Wirklichkeit (2): Ist unser System überhaupt relevant?
Harald Welzer, 50, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er zudem das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:
Illustration: istockphoto/dgap, fotolia © Stenzel Washington


Kommentare (26)
abonnieren
stimme dir in Allem zu und freue mich, hier offenbar einen Bruder im Geiste gefunden zu haben. So macht Utopia Spaß :-). Zum letzten Einwand bzw. deinem Vorschlag einer Ergänzung: Ja, "Umwälzung" ist natürlich so eine Substantivierung, die einem unwillkürlich als etwas Technokratisches vorkommt, als etwas, dem man als Individuum ausgesetzt wäre. Und schon ist das Missverständnis da, denn die Etablierung neuer, (zur ökorrekten Mitmenschlichkeit nötigende) Regeln des Weltwirtschaftens geht natürlich nur, wenn die Individuen dahin kommen, sich - aus sich selbst heraus! - genötigt zu sehen, sich zur Erweiterung (!) ihrer indivduellen Möglichkeiten (zur ökologisch korrekten Mitmenschlichkeit) zusammen zu tun. Deshalb würde ich das auch anders ausdrücken als Engels in diesem - dennoch immer wieder gern gelesenen - Aufsatz über die Menschwerdung des Affen. So viel Wortschritt soll nach 150 Jahren sein .-)))
Gruß vom Topisten
(der sich hier jetzt einmal wieder aine Weile rar machen muss)
Ach, doch noch eine Ergänzung weils grad zum Engels Aufsatz passt und gestern in der Wissenschaftssendung des Deutschlandfunks was Entsprechendes kam. Engels hatte gemeint, dass es ihm sehr Leid um die "Herren Vegetarier" täte, (weibliche konnte er sich wohl nicht vorstellen), diese Wahrheit ertragen zu müssen, aber es sei nunmal so, dass die mit der Zähmung des Feuers einher gehende Ausweitung des Fleischverzehrs ganz entscheidend zur Menschwerdung beigetragen hätte. Das mag in gewissem Umfang stimmen. Aber die Sache verlief wohl sehr viel dialektischer :-).
Als unsere Vorfahren noch ganz winzige Affchen waren, die heute auf einer Handfläche Platz hätten, ernährten sie sich von Insekten, also von Fleisch. Erst als Blätter und dann noch einmal als energiereiche Früchte als Nahrung hinzu kamen, wurden die Primaten größer und zur Intelligenz gezwungen, weil es von Vorteil war, sich merken zu können, wo es die besten Früchte gab. (Mehr Ansehen in der Horde weil produktiver?) Deshalb, so las ich jüngst, hätte sich auch das RGB Sehen entwickelt mit der wir in den grünen Baumkronen rote und gelbe Früchte besser entdecken konnten. Ein Vorteil gegebüber dem vorigen Zustand, wo wir unsere optischen Wahrnehmungen aus nur zwei Grundfarben konstruieren mussten.
Wir haben nichts zu verlieren, als unsere freien Assoziationsketten :-) mehr weniger
Ich wollte nur sagen, dass uns das nicht automatisch mitgegeben ist, sondern (und eben!) es anderer Strukturen ausserhalb - eben sozial-kulureller! - bedarf, damit da was ins Laufen kommt. Diese Strukturen sind aber durch unseren natürlich gegebenen, zwingenden Egozentrismus sowohl auf der Erkenntnis, als auch Handlungsebene gefährdet. Das meint jetzt nicht etwas besonders Negatives, sondern ist einfach Ausdruck davon, dass jeder Organismus darauf angelegt sein muss, sich selbst zu erhalten. (Lediglich in einem finalen Stadium, wenn es unmittelbar um die Fortpflanzung geht, gibt es dann feste biologische Mechanismen. Ein besonders deutliches Beispiel sind die Lachse, die nach dem Ablaichen einfach sterben, weil ihre Aufgabe erledigt ist und ein zweiter Zyklus biologisch so extrem aufwändig ware, dass er evolutionär nicht den Ansatz einer Chance hatte.)
Den letzten Engel-Absatz müsste man noch ergänzen: "... und dann noch Entsprechendes auf der individuellen Ebene" - die eben mehr als nur ein 100%iger Reflex der uns umgebenden Gesellschaftlichkeit ist - sogar noch mehr. Das ist wiederum ohne deutlichen Krisendruck, der nahezu für jeden greibar ist, kaum vorstellbar.
Warum ich trotzdem Optimist bin? Leicht zu beantworten: Wäre die heikle Perspektive ohne Optimismus leichter zu bewältigen? Nein. Also bleibe ich skeptischer Optimist, aber eben Optimist.
Gruß - Joe mehr weniger
Nicht hinreichend in die Zukunft denken können, sehe ich allerdings nicht als ein biologisches oder psychisches Problem sondern als eines der gesellschaftlichen Ordnung. Es gibt ja auch zahlreiche Beispiele der Vorsorge, angefangen von den biblichen Getreidespeichern zur Begegnung der sieben Plagen bis zur modernen Rentenversicherung usw. Patriarchalisch oder gemeineigentümlich an der Scholle gebundener Landbau nötigt(e), bevor die Warenproduktion alternative Existenzformen erlaubt(e) zu nachhaltigem Land- und Waldbaupraktiken.
Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische
politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit
den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen
der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen
Handlungen.
Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation,
deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten
um des unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen,
können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate
in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder
Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem
üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert
ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird.
Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen.
Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den
Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für
eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden - was
lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun
schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels
hinterließen?
Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen
Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste
Erfolg in Betracht..."
Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 455
Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch
lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung
und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über
die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen
unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit
wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen
zu beherrschen und zu regeln.
Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als
die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung
unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen
gesamten gesellschaftlichen Ordnung.
Engels, MEW Bd. 20, S. 454
So weit so abstrakt. Die aktualle Frage wäre z.B. wie sich globale Klimagerechtigkeit so organisieren ließe, dass sie zur höchstpersönlich eigenen Angelegenheit immer mehr Menschen und Institutionen würde und schließlich ein realistischer Fahrplan existiert.
Gruß vom Topisten mehr weniger
Wir Menschen sind leider weder biologisch noch psychisch gut darin "ausgestattet", langfristig zu handeln. Das ist ein mühsam zu erwerbendes und immer neu zu pflegendes Kulturgut - zumal wenn andere Mehrheiten um uns herum uns was anderes vorleben. Auch eine langfristige Scheinzufriedenheit vermittelt UNMITTELBAR ein angenehmes Gefühl.
Es gelten keine Ausreden mehr, aber sie kommen - und man ist immer wieder verführt, sie zumindest klammheimlich zu benutzen. Auch und vor allem sich selbst gegenüber in einer Art stillem inneren Dialog. Das fatale daran ist, dass wir uns verstehen, selbst wenn wir diesen Dialog wortlos führen.
Überwinden WOLLEN ist leider nicht genug; notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung.
Gruß - Joe mehr weniger
Gruß vom Topisten
Wer den Kapitalismus nicht überwinden möchte,
wird auch dem Kulturalismuskarussel nicht entkommen mehr weniger