Berichte aus der Wirklichkeit (3)

Auf Verzicht verzichten



In jeder öffentlichen Diskussion, die sich – aus Anlass des Klimawandels, der Wirtschaftskrise oder der Energieprobleme – mit Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung befasst, meldet sich spätestens nach einer Viertelstunde jemand und teilt mit, dass Veränderung zwar ohne Zweifel notwendig sei, “die Leute“ aber auf nichts verzichten wollten, weshalb jede Veränderung völlig unrealistisch sei. Dann meldet sich gleich der nächste und fragt, ob man denn allen Ernstes Verzicht predigen wolle, und wie man denn dazu komme, anderen Menschen vorschreiben zu wollen, was die zu tun und zu lassen haben. Diese beiden Positionen kommen so sicher wie das Amen in der Kirche, und sie sind so stereotyp, dass sie einen tieferen Sinn haben müssen. Der ist ziemlich einfach zu entschlüsseln: Veränderung wird umstandslos mit Verzicht gleichgesetzt, weil in dem Augenblick, in dem einer “Verzicht“ sagt, der Status quo blitzartig als ein Optimum erscheint, an dem um Gottes willen nicht herumgeschraubt werden darf.

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Utopia-Konferenz 09: Redner in Aktion

Die Verzichtsrhetorik ist also eine Verteidigungswaffe gegen die Aufforderung zur Veränderung, und in dieser Funktion ist sie leicht zu entkräften: Es genügt der Hinweis, dass der Status quo mit einer unendlichen Fülle von Verzichtsleistungen erkauft ist – etwa mit dem Verzicht auf keine Lärmbelästigung und zwar von Menschen, die zum Beispiel in der Stadt, an befahrenen Straßen oder in Einflugschneisen von Flughäfen wohnen. Andere wiederum verzichten auf Gesundheit, weil sie einer gesundheitsgefährdenden Tätigkeit nachgehen müssen, während andere auf Kinder verzichten, weil die Karriere- und Mobilitätsmuster heutzutage keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben. Das alles sind Verzichtsleistungen unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Bewusstheit, die Menschen erbringen, weil sie keine bessere Verhandlungsposition haben und oft, weil sie gar nicht als solche empfunden werden, sondern im Gegenteil gerade als das betrachtet werden, auf das man auf keinen Fall verzichten kann – wie auf die Liebe zu einem aggressiven, lieblosen Vater oder die Abhängigkeit von einem miesen Chef oder Liebhaber. Oder den willigen Verzicht auf Freiheit zugunsten von Sicherheit oder den Verzicht auf Nachhaltigkeit zugunsten kurzfristigen Nutzens – all das kann, so selbstschädlich es gelegentlich sein kann, als wünschenswert und als das Gegenteil von Verzicht empfunden werden. Das heißt aber nicht, dass es keiner ist.

Kurz: Wer Verzicht sagt, muss sich erstmal fragen lassen, worauf er unter den gegebenen Bedingungen verzichtet. Wenn etwa von Einschränkungen der privaten PKW-Nutzung die Rede ist, könnte man daran denken, dass schlechte öffentliche Verkehrsnetze den erzwungenen Verzicht auf komfortable, umweltfreundliche und preiswerte Mobilität bedeuten, für Kinder und Ältere darüber hinaus häufig den Verzicht auf Bewegungsfreiheit über den Gartenzaun hinaus, oder allein für die Bundesrepublik den Verzicht auf den Erhalt von mehr als 4.000 Menschenleben jährlich.

Oder der unablässige Warentransport von einer Weltgegend in eine andere: Ist es ein Gewinn, dass Früchte oder Gemüse unabhängig von Anbausaisons ganzjährig überall verfügbar sind – oder ist‘s ein Verzicht auf Unterscheidungsfähigkeit und Genuss? Was macht Spargel interessant, wenn es ihn das ganze Jahr über gibt? Wenn er im Oktober aus Chile kommt, schmeckt er nicht nur schlechter, er hat auch eine miese CO2-Bilanz.

Sicher finden sich immer Ökobilanzen, die nachweisen, dass der Apfel aus Neuseeland einen kleineren CO2-Fußabdruck hat, als der aus dem Alten Land, aber nur solange, wie man glaubt, ihn das ganze Jahr über knackfrisch konsumieren zu müssen. Und diese Prämisse hat viel mehr mit dem in das habituelle Fleisch und Blut übergegangenen Haben-Wollen unserer Gesellschaft zu tun, als im Alltag bewusst wird. Das alles zeigt: Die Vorstellung, eine Änderung des Status quo schränke Möglichkeiten per se ein, sieht einfach davon ab, welche Einschränkungen der Status quo einem sowieso auferlegt. Wer die nicht bilanziert, darf den gegebenen Zustand für den einzig Möglichen und daher Erstrebenswerten halten. Der Verzichtsbegriff ist jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen.

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Berichte aus der Wirklichkeit (1): Wie rechtfertigen Sie sich?

Berichte aus der Wirklichkeit (2): Ist unser System überhaupt relevant?

 

Professor Harald Welzer

 

 

 

 Harald Welzer, 50, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er zudem das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:

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Illustration: istockphoto/dgap, fotolia © Stenzel Washington

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    topist
    schrieb am 29.10.2010 um 10:24
    Lieber Joe, stimme dir in Allem zu und freue mich, hier offenbar einen Bruder im Geiste gefunden zu haben. So macht Utopia Spaß :-). Zum letzten Einwand bzw. deinem Vorschlag einer Ergänzung: Ja, "Umwälzung" ist natürlich so eine Substantivierung, die einem unwillkürlich als etwas...
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    Joeyy
    schrieb am 29.10.2010 um 09:17
    Du schreibst: "Nicht hinreichend in die Zukunft denken können, sehe ich allerdings nicht als ein biologisches oder psychisches Problem sondern als eines der gesellschaftlichen Ordnung." Auch da unterscheiden wir uns nicht. Entweder hast Du mich da nicht richtig verstanden oder ich mich unglücklich...
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