Berichte aus der Wirklichkeit (2)

Ist unser System überhaupt relevant?


Die Krise bringt nicht nur Verlust und Schrumpfen mit sich, sie schafft auch Neues: Worte zum Beispiel, die wir so noch nicht kannten. Besondere Konjunktur hat die „Systemrelevanz“. Die Hypo-Real-Estate, jenes Bankinstitut, von dessen Existenz wir bis vor kurzem gar nichts wussten, ist, so wissen wir jetzt, systemrelevant. Anderes, zum Beispiel Opel, ist es nicht. Wieder anderes taucht im Feld all der Dinge, für die sich die Frage der Systemrelevanz stellt, erst gar nicht auf – das Klima oder die Umwelt beispielsweise. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass etwa das Erdsystem oder auch das Klimasystem für Menschen überlebensrelevant sind. Oder verstehen wir bislang den Begriff der Systemrelevanz zu einseitig und er meint gar nicht nur das, was für unser System relevant ist? Wirft er womöglich die Frage auf, ob dieses System selbst relevant ist?

So rum bekommt der Begriff aber etwas ziemlich Bedrohliches. Die Antwort lautet nämlich: allerdings! Für das Erd- und Klimasystem ist unser Wirtschaftssystem höchst relevant, aber als Störfaktor – ist es doch ein System, dessen Funktionieren von der gnadenlosen Übernutzung aller natürlichen Ressourcen und der ebenso gnadenlosen Verschmutzung so überlebenswichtiger Dinge wie der Atmosphäre abhängt. Was wir für systemrelevant halten sollen, und das betrifft diese ominöse Bank genauso wie Opel, ist gerade das, was jenen Raubbau an der Zukunft hervorbringt, den unser System in immer noch sich beschleunigender Geschwindigkeit betreibt. Für den Abbau dieses Raubbaus sind andere Dinge relevant als die Aufrechterhaltung einer Wirtschaft, die mit Milliardeninfusionen in einer Art Wachkoma gehalten wird: Dinge wie eine Demokratie, die partizipatorisch ist, wie ein politisches Gemeinwesen, das sich an Kriterien wie Lernen und Reversibilität orientiert, wie eine Ökonomie, die ohne Wachstum funktioniert.

Eine Wirtschaft ohne Wachstum? Das ist wie ein Scheichtum ohne Öl! Exakt: Ist schon jemandem aufgefallen, dass gerade jene Staaten, die ihren ungeheuren Reichtum dem Öl verdanken, mit dem sie unsere Oiloholiker-Gesellschaften versorgen, ausgerechnet dieses Öl nicht für systemrelevant halten, sondern sich gerade mit der Entwicklung emissionsfreier Städte und Autos auf ihre nicht-fossile Zukunft vorbereiten? Sie definieren ihr System ganz offensichtlich von der Zukunft her, nicht aus der Gegenwart, und damit stellt sich die Frage der Systemrelevanz plötzlich ganz anders. Für ein soziales System ist vor allem Intelligenz und Achtsamkeit auf die Zukunft relevant, was übrigens die Kerneigenschaften sind, die die Gattung homo sapiens sapiens 40.000 Jahre lang ganz erfolgreich gemacht haben. Systeme, die ihre Relevanzkriterien bloß aus der Gegenwart beziehen, sind nicht überlebensfähig. Und aus einer Gegenwart, in der so etwas wie die Hypo-Real-Estate systemrelevant sein soll, schon gar nicht.

+++

Berichte aus der Wirklichkeit (1): Wie rechtfertigen Sie sich?

 

Professor Harald Welzer

 

 

 

 Harald Welzer, 50, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er zudem das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:

Buch bei amazon kaufen

 

 

Illustration: istockphoto/dgap, fotolia © Stenzel Washington

von


Kommentare (14)   abonnieren

alle Kommentare (14)
  • Bedenklichen Inhalt melden
    DrMedEd
    schrieb am 10.01.2010 um 17:50
    Ich wünschte es würde, wenn von Wachstum und Fortschritt gesprochen wird, nicht immer nur die Wirtschaft gemeint, sondern auch mal Werte wie Menschlichkeit, Solidarität und Umweltschutz. Vielleicht ist die Gesellschaft einfach nur zu einseitig gepolt.
  • Bedenklichen Inhalt melden
    dominique loufs
    schrieb am 26.10.2009 um 21:43
    Moin eine Lüge wird nicht durch häufige Wiederholungen eine Wahrheit... Das ist aber eine höchst Mainstream Beschäftigung der Politik & der - meisten - Medien. falled Angela: " zuerst Wachstum" shootin' Adel zu & von Gutt. " nur durch Wachstum" Frank Stein-zeit-meyer " Wachstum muss...
alle Kommentare (14)

Kommentar schreiben

Lob, Kritik, Ergänzungen? Teilen Sie Ihre Meinung mit der Utopia-Community. Seien Sie dabei bitte konstruktiv und hilfreich.
(5000/5000)

Mehr zu Analyse des Status quo