Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Berichte aus der Wirklichkeit (4)

Wer berät diese Leute eigentlich?


Der Ausverkauf der Zukunft geht weiter. Stolz verkündet der Bundesarbeitsminister: “Die Renten werden nicht gekürzt. Darauf kann man sich verlassen“ und damit gelingt ihm das Kunststück, geschichts- und zukunftsvergessen zugleich zu sein. Nicht nur, dass er ironiefrei Norbert Blüms legendäre Spaßnummer “Die Renten sind sicher!“ reproduziert. Er versäumt auch zu sagen, wer die Zeche für dieses durchsichtige Wahlversprechen bezahlen wird: die jungen Gesellschaftsmitglieder. Das ist das parteiübergreifende Programm der Gegenwartspolitik – alle Probleme, gleich ob in der Klima-, Umwelt- oder Finanzpolitik werden auf Kosten künftiger Generationen gelöst: “Unsere Kinder sollen es mal schlechter haben als wir!“

Diese Strategie verwundert nicht in der Geronto-Gesellschaft. Und wenn die Trümmergeneration der Zukunft – so nennt das “Süddeutsche Zeitung Magazin“ treffend die, die nach der Pleite von Lehman Brothers auf die Welt gekommen sind – wählen darf, sind die Scholzens längst schon von der politischen Bühne abgetreten. Im Moment jedenfalls ist Wahlkampf, und schon längst hat sich abgezeichnet, dass der Bundesrepublik wahrscheinlich nichts Schlimmeres geschehen konnte, als dass die Superkrise mit dem Superwahljahr zusammenfällt. Hier kommen die größten Phantasie- mit den größten Staatsdefiziten zusammen. Die Programmatik des “Nur immer weiter so, koste es, was es wolle“ wird mit Wahlversprechen und -geschenken verbrämt, die in Zukunft noch schwieriger lösbar machen, was heute schon fast unmöglich scheint: den kulturellen und wirtschaftlichen Umbau der Vergeudungsgesellschaft.

SPD-Plakat 2009Kaum einer mag mehr auf die Straße gehen, überall diese Wahlplakate. Am wenigsten nerven die der CDU. Die sind so einfallslos (“Wir in Europa“), dass sie noch nicht mal Ärger auslösen. Dafür fällt der SPD noch weniger als gar nichts ein. Sie lässt tatsächlich ihren eigenen Verfallszustand plakatieren: Zu eigenen Aussagen langt‘s nicht mehr, jetzt werden nur noch Wähler der anderen verächtlich gemacht. In dümmlichster Cartoonästhetik schreibt eine Agentur Butter (das ist jetzt kein Witz) “Finanzhaie würden FDP wählen“, und da ist die FDP nicht feige und zeigt auf ihrer Homepage schon mal das an Schlagfertigkeit nicht mehr zu überbietende Plakat “Pleitegeier würden SPD wählen.“ Die Grünen bleiben sich treu und verpennen den Klimawandel, das Zukunftsthema des 21. Jahrhunderts, auch im Wahljahr 2009: Sie schreiben “WUMS!“ auf ihre Plakate, und irgendwas soll wahrscheinlich sogar das noch heißen.Grünen-Plakat 2009

Wer berät diese Leute eigentlich? Warum sagt ihnen niemand, dass sie weder mit Plakaten an sich noch mit dem dummen Zeug, das sie darauf drucken lassen, irgendwelche Sympathien, geschweige denn: Inhalte verbindet? Würden die egozentrischen Langweiler in den Parteizentralen und Werbeagenturen zur Kenntnis nehmen, dass die Leute, von denen sie gewählt werden wollen, nicht halb so dumm sind, wie es die Kampagnen ihnen unterstellen?

So betrachtet sind die Plakate allerdings schon wieder gut: Sie zeigen, für was die uns halten.

Nehmen Sie das bitte persönlich: Diejenigen, die so etwas an die Laternen hängen, glauben ernsthaft, Sie seien dumm. Gehen Sie zu den Parteiknechten mit ihren öden Ständen und Fähnchen auf den Marktplätzen und wo sie sonst herumstehen und sagen Sie, Sie verbitten sich das! Das wäre ein Anfang.

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Berichte aus der Wirklichkeit (1): Wie rechtfertigen Sie sich?

Berichte aus der Wirklichkeit (2): Ist unser System überhaupt relevant?

Berichte aus der Wirklichkeit (3): Auf Verzicht verzichten!

 

Professor Harald Welzer

 

 

 

 Harald Welzer, 50, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er zudem das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:

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Illustration: istockphoto/dgap, fotolia © Stenzel Washington

 

Stand: 11.05.2009 von

Kommentare (8)   abonnieren

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    schrieb am 11.05.2009 um 18:37
    deshalb bin ich der Meinung wir sollten grün wählen. Diese Partei scheint wenigstens der Einäugige unter all den Blinden zu sein, die unseren Politikhimmel verunzieren. Bei einem Tauschhandel würde ich jederzeit 10 Merkels und 10 Westerwelles für eine Künast geben. Für Sepp Daxenberger würden alle leider alle rot-schwarz-gelben zusammen nicht ausreichen.
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    schrieb am 12.05.2009 um 22:08
    ja: der autor hat teils recht in seiner kritik der wahlplakate. ein logischer schluss wäre allerdings, dass man so cdu plakate machen sollte, die niemanden aufregen. würde ja auch zu merkel-deutschland passen. aber: wahlplakate werden doch wohl für die gemacht, die sich eben nicht so für politik interessieren und denen man versucht mitzuteilen, dass sie bitte zur wahl gehen sollen. wenn wir wirklich alle kritische konsumenten und wähler WÄREN gäbe es plakate a la "wir in europa" nicht. also, sich aktiv einbringen, ist ne gute gegenstrategie. und zwar bei allen parteien!

    nein: die grünen verpennen den klimawandel nicht. hat der autor verfolgt, dass der parteitag unter dem motto "green new deal" stand?
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    schrieb am 14.05.2009 um 14:53
    der einzelne tut das, was er für nützlich hält. Die ganze Gesellschaft ist ein Netzwerk, basierend auf gegenseitigem Nutzen. Es gibt Toleranz- und Grenzwerte. Die werden von Mächtigen UND Otto-Normal-Bürgern festgelegt.
    Dabei wird der Bürger in Schule u. durch Medien »beraten«,die jedoch von Machtinteressen im Sinne eines (Macht)Systemerhalts manipuliert sind.
    An Macht Interessierte sind mit mündigen Bürgern schlecht beraten, sie versuchen deshalb Abhängigkeiten zu schaffen.
    Der Bürger wiederum ist schlecht beraten, wenn er nicht selbst in Eigenverantwortung tritt, sondern es denen da oben überläßt.
    So schafft Eines das andere. Gute Beratung findet im Herzen und auf gleicher Augenhöhe statt. Gute Beratung bringt Denken, Fühlen und Handeln in Einklang. Eine Verwirklichung: strateg.Konsum!
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    schrieb am 14.05.2009 um 15:23

    >>Was mich interessiert: Die W u t !!! Die Wut der Jugend. Ihre Zukunft wird verspielt. Wie wird diese Jugend mit ihrer Wut fertig ? Lassen wir Erwachsene sie damit nicht allein? Kommen wir selber klar mit unserer Wut? Was sind wir für Vorbilder für diese Generation. Mich schüttelts.

    ...wie wäre es, wenn wir gemeinsam mit diesen künftigen Generationen, also den heutigen Kindern und Jugendlichen auf die Straße gehen würden, die echte Straße, nicht die Datenautobahn?



    >>Schweigen - Schweigen ist wie ein Dampfkochtopf der auf Hochtouren läuft. Irgendwann explodiert er.


    >>Zu den Parteien und Ihren Strategien nur so viel - ich bin überzeugt davon, jedes Land, jede Gesellschaft hat die Politiker die es verdient. Das eigene Spiegelbild.


    >>Resignation ? Nein ! Verantwortung übernehmen
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    schrieb am 16.05.2009 um 19:44
    Natürlich werden Wahlplakate für Menschen gemacht, die sich ansonsten *nicht* für Politik interessieren. Insofern müssen da leicht verständliche Botschaften her, die quasi im Vorbeigehen aufgenommen werden. Andere wissen eh' Bescheid.

    Über die Qualität der Sprüche mag man streiten können - insbesondere bei regelrechten Null-Botschaften ;-)) Aber eine hat mir deutlich gefallen, und zwar genau die, die der Autor auf's Korn nimmt:

    "Finanzhaie würden FDP wählen"

    Mir scheint nämlich in der öffentlichen Diskussion immernoch nicht angekommen zu sein, *wer* die marktliberalen Sprüche als alleinseligmachendes Credo angepriesen hat, die zu unserer derzeitigen Misere geführt haben.
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    schrieb am 18.05.2009 um 16:28
    Ein kurzer Hinweis, die Plakate „Pleitegeier würden SPD wählen“ und alle anderen veränderten SPD Plakate sind keine offiziellen FDP Plakate, sondern von Privatpersonen entworfen und ins Netz gestellt.

    Ich muss dem Autor zustimmen, weder das negativ Campaining der SPD noch der Ausspruch "WUMS" und schon garnicht ein Bild von Angela Merkel sagen mir als Bürger, was die Parteien vorhaben. Dabei bin ich durchaus in der Lage das gesitig zu erfassen, schade das die Strategen von SPD, Grünen und CDU mir das nicht zutrauen.

    Zu meinem VorPoster: Leider war die Partei die eine Marktliberale Politik Vertritt schon seit 11 Jahren nicht mehr an der Regierung beteiligt, sonst hätte es staatliche Eingriffe in den Markt und eine mangelnde Aufsicht des Finanzsektors nicht gegeben.
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    schrieb am 26.10.2009 um 21:31
    Moin
    ich möchte schon eine Lanze für unsere Parteien Leute brechen ( leider mit Galgenhumor).
    Was sollen die doch auf einem Plakate schreiben?
    Realitätsnah wären vielleicht :
    "No future" .... für die Kinder & Enkelkinder ....
    Angela mit einem kessen Tattoo & zerrissene Punky-Strumpfhosen?
    "Titanic Rockr"
    Guido als smarter Leder-Biker?
    "Spartakus springt mit nacktem Oberkörper in die Arena"
    Frank-Walter mit Leopard Bodysuit...
    "Hatz 5 die Wende"
    Jürgen tritt den fast- Knacki Peter...

    Es scheint sowieso alles (dummes) erlaubt!
    Zukunft ?: es herrscht die große Ratlosigkeit... weil es - noch - nicht so schlimm ist...für viele.

    Daher die Spielerei mit klasse/krassen Werbung-Zeug.
    Allerdings gehen immer noch 70% wählen ... also warum sollten unsere Politiker sich um Ideen bemühen.

    Das Kasino ist nie geschlossen worden... Josef Ack. lässt grüßen.
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    schrieb am 05.06.2010 um 23:08
    Wir Menschen -wie uns unser weiblicher Buindesadler bezeichnen würde- werden einerseits als unmündig eingestuft, die man angeleitet zur Wahl führen will - möglich unkritisch. Gleichtzeitig sollen die gleichen Menschen als neumoderne Kolonialkämpfer unsere Flagge der Exportweltmeisterspiele durch die Hauptstädte der Welt tragen - natürlich eloquent, intelligent, gestaltend.

    Es ist für mich nicht verwunderlich, dass Unternehmensleitungen sich zunehmend von lokal agierenden Politikern absetzen und ihre Möglichkeiten durch internationale Vernetzung nutzen.

    So gesehen ist der Parteienwahlkampf und seine plakativen Auswüchse ein Nebenschauplatz. Die politischen Arbeitsplätze werden zunehmend nicht mehr von der Eilite unseres Landes besetzt. Die Abwertung der politischen Gremien und damit unserer Staatsform hat längst begonnen.
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