Wer kann Umweltminister?
13Was könnte die deutsche Verhandlungsposition in Kopenhagen stärken... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Der Ausverkauf der Zukunft geht weiter. Stolz verkündet der Bundesarbeitsminister: “Die Renten werden nicht gekürzt. Darauf kann man sich verlassen“ und damit gelingt ihm das Kunststück, geschichts- und zukunftsvergessen zugleich zu sein. Nicht nur, dass er ironiefrei Norbert Blüms legendäre Spaßnummer “Die Renten sind sicher!“ reproduziert. Er versäumt auch zu sagen, wer die Zeche für dieses durchsichtige Wahlversprechen bezahlen wird: die jungen Gesellschaftsmitglieder. Das ist das parteiübergreifende Programm der Gegenwartspolitik – alle Probleme, gleich ob in der Klima-, Umwelt- oder Finanzpolitik werden auf Kosten künftiger Generationen gelöst: “Unsere Kinder sollen es mal schlechter haben als wir!“
Diese Strategie verwundert nicht in der Geronto-Gesellschaft. Und wenn die Trümmergeneration der Zukunft – so nennt das “Süddeutsche Zeitung Magazin“ treffend die, die nach der Pleite von Lehman Brothers auf die Welt gekommen sind – wählen darf, sind die Scholzens längst schon von der politischen Bühne abgetreten. Im Moment jedenfalls ist Wahlkampf, und schon längst hat sich abgezeichnet, dass der Bundesrepublik wahrscheinlich nichts Schlimmeres geschehen konnte, als dass die Superkrise mit dem Superwahljahr zusammenfällt. Hier kommen die größten Phantasie- mit den größten Staatsdefiziten zusammen. Die Programmatik des “Nur immer weiter so, koste es, was es wolle“ wird mit Wahlversprechen und -geschenken verbrämt, die in Zukunft noch schwieriger lösbar machen, was heute schon fast unmöglich scheint: den kulturellen und wirtschaftlichen Umbau der Vergeudungsgesellschaft.
Kaum einer mag mehr auf die Straße gehen, überall diese Wahlplakate. Am wenigsten nerven die der CDU. Die sind so einfallslos (“Wir in Europa“), dass sie noch nicht mal Ärger auslösen. Dafür fällt der SPD noch weniger als gar nichts ein. Sie lässt tatsächlich ihren eigenen Verfallszustand plakatieren: Zu eigenen Aussagen langt‘s nicht mehr, jetzt werden nur noch Wähler der anderen verächtlich gemacht. In dümmlichster Cartoonästhetik schreibt eine Agentur Butter (das ist jetzt kein Witz) “Finanzhaie würden FDP wählen“, und da ist die FDP nicht feige und zeigt auf ihrer Homepage schon mal das an Schlagfertigkeit nicht mehr zu überbietende Plakat “Pleitegeier würden SPD wählen.“ Die Grünen bleiben sich treu und verpennen den Klimawandel, das Zukunftsthema des 21. Jahrhunderts, auch im Wahljahr 2009: Sie schreiben “WUMS!“ auf ihre Plakate, und irgendwas soll wahrscheinlich sogar das noch heißen.
Wer berät diese Leute eigentlich? Warum sagt ihnen niemand, dass sie weder mit Plakaten an sich noch mit dem dummen Zeug, das sie darauf drucken lassen, irgendwelche Sympathien, geschweige denn: Inhalte verbindet? Würden die egozentrischen Langweiler in den Parteizentralen und Werbeagenturen zur Kenntnis nehmen, dass die Leute, von denen sie gewählt werden wollen, nicht halb so dumm sind, wie es die Kampagnen ihnen unterstellen?
So betrachtet sind die Plakate allerdings schon wieder gut: Sie zeigen, für was die uns halten.
Nehmen Sie das bitte persönlich: Diejenigen, die so etwas an die Laternen hängen, glauben ernsthaft, Sie seien dumm. Gehen Sie zu den Parteiknechten mit ihren öden Ständen und Fähnchen auf den Marktplätzen und wo sie sonst herumstehen und sagen Sie, Sie verbitten sich das! Das wäre ein Anfang.
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Berichte aus der Wirklichkeit (1): Wie rechtfertigen Sie sich?
Berichte aus der Wirklichkeit (2): Ist unser System überhaupt relevant?
Berichte aus der Wirklichkeit (3): Auf Verzicht verzichten!
Harald Welzer, 50, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Er ist Autor für den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). 2008 veröffentlichte er zudem das Buch "Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (s. Fischer Verlag). Unter dem folgenden Link können Sie's direkt beziehen:
Illustration: istockphoto/dgap, fotolia © Stenzel Washington
Kommentare (8)
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gp.spieltrieb
schrieb am 05.06.2010 um 23:08 ¶dominique loufs
schrieb am 26.10.2009 um 21:31 ¶Kommentar schreiben
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