Bauer 2.0: Back to Gemüsebeet


Das Fürchterlichste aller fürchterlichen Gartengeräte ist der Laubsauger, und es ist ziemlich einfach, sein aggressives Gedröhne als Potenzmittel naturbeherrschungssüchtiger Männer zu verspotten. Ein gutes Hilfsmittel für den Anti-Biogarten, wirksam gegen Artenvielfalt und für den Klimawandel. In den Hamburger Villenvierteln sieht man sie an jeder Ecke: paramilitärisch gekleidete Gärtner, die mit ihren Laubsauger-Kalashnikows im Anschlag den Angriff auf Rhododendronhecken starten. Trotzdem rufe ich jetzt die Gartenrevolution aus.

Der Bioboom hat nämlich auch die Gärten erfasst, die Gemüsebeete sind wieder da! Meine Freundinnen Alexa und Britta zum Beispiel wohnen mitten in der Stadt und fahren abends mit der S-Bahn in das letzte Hamburger Bauerndorf, um dort einen kleinen Gemüsegarten zu bewirtschaften. Der liegt auf einem Biohof, direkt hinter dem Misthaufen, was praktisch ist, weil man dann immer Dünger hat (Nur einmal ist ein Mastbulle auf den Misthaufen gestiegen und von dort in den Garten gefallen und hat die Kapuzinerkresse platt gewalzt). Jetzt haben Britta und Alexa neue Pläne: Sie wollen einen Gemeinschaftsgarten gründen, bei dem ein Bauer im Frühjahr den Boden vorbereitet und parzellenweise für eine Gartensaison verpachtet. Wer mitmacht, darf säen und pflanzen, was er möchte. Einzige Bedingung: traditionelles Saatgut, natürlichen Dünger, keine Pestizide. Und am Ende des Sommers wird Erntedank gefeiert. Die beiden hatten mir gerade davon erzählt, als mir eine WDR-Kollegin von einem ähnlichen Projekt im Rheinland erzählte. Und in Süddeutschland heißen die übrigens Sonnenäcker, sagte sie, da gibt es schon ganz viele.

Der Bauer 2.0 ist da! Und er ist offenbar ein supermarktmüder Städter, für den das frische Gemüse im Bioladen nur ein erster Schritt war auf dem Weg zur wahren Lebensbegrünung. Der nächste Schritt: die Rückkehr zur Scholle. Selber säen, Kräuter zupfen, Pferdeäpfel aufsammeln und ein Mistbeet bauen. Und mit den Kindern nach Kartoffeln in der Erde wühlen, Erbsen pulen, mit dem Daumen in die dicke weiche Bohnenschale drücken und gucken, in welcher Schote die meisten Bohnen stecken.
Im nächsten Frühjahr will ich mitmachen und frage mich, wie viel Zeit man wohl in so einen Garten stecken muss. Meine Oma hatte einen hinterm Haus und war da immer ziemlich beschäftigt ... Vielleicht ist die „community supported agriculture“ ein gutes Einsteigermodell: Dabei finanzieren Städter einen Bauernhof und zahlen ihm jeden Monat eine Art Ernährungspauschale. Dafür dürfen sie sich aus der großen Speisekammer nehmen, was die Bauern ernten - jeder, so viel wie er braucht. Beim Kattendorfer Hof und beim Buschberghof, beide in der Nähe von Hamburg, funktioniert das schon seit Jahren, wie eine Art große gemeinschaftliche Speisekammer. Und beim Erdbeerenpflücken darf man auch helfen kommen. Die Version von Bauer 2.0 eignet sich für alle, die nicht genug Zeit für einen eigenen Garten haben und ist ein so wunderbares Modell, dass ich mich immer wundere, warum es erst so wenig Höfe gibt, die so arbeiten. Fragt doch mal nach, liebe Utopisten, beim nächsten Bauern!



Dr. Tanja Busse ist Autorin des Buches „Die Einkaufsrevolution“,
arbeitet als Moderatorin und schreibt für das Greenpeace Magazin.
Sie lebt in Hamburg.

 

 

 

 

Fotos: Henrik Spohler, jarts/photocase
Bühnenillustration: Hedi Lusser

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  • gobelinus
    schrieb am 14.05.2010 um 11:12
    Okay, ich habe einen Garten. In ihm wachsen noch wenig Küchenkräuter, denn bisher folgte ich dem Ziel, alles möglichst naturnah zu dulden, zu stützen und ein Laubsauger wäre da eine Perversion, denn gerade dieses Ding ist ein Produkt ,welches die Welt nicht braucht. Wo aber englische Rasenflächen Vorbildcharakter haben, deutsche Wohnzimmerideen von Gepflegtsein, wie in Villengärten oder öffentlichen Parks zu beobachten, den Ton angeben, da erscheint es zwangsläufig, die Natur zu fegen, zu bürsten oder gar mit deutsche Gründlichkeit laubzusaugen. Wer von diesen (nur grün gekleideten) Land-Bearbeitern achtet schon auf Würmchen, denen ohne Laub ganz kalt wird oder an die "geringen" Lebensforrmen, die sich in der Erde laubnackt ganz unwohl fühlen? Hier herrst der Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Basta.

    Der Vorschlag aber, Gemüse etc. anzuplanzen ist zumindest teilweise so brutal, wie die spätmittelalterliche Rodungspraxis Biomasse (blattreiche Bäume und Büsche) zu entfernen und das Land "urbar" zu machen. Und das hieß: Wald, weg, zarte Pflänzchen hinein. Das versetzte damals der Natur einen Schock und der Ökobilanz eine negative Neigung.
    Konkret: Ohne Rodung könnte ich in unserem baum- und buschbestandenen Garten wenig Gartenland sofort nutzen. Was, Frau Dr. Tanja Busse ,schlagen Sie vor?
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