Von Volker Eidems
Mitten in einem Wohngebiet, im Westen von Essen, liegt die Firmenzentrale von Deichmann, Europas größtem Schuhhändler. Gäbe es keine Kameras, auf Parkplatz und Eingangsbereich gerichtet, Besucher würden die zurückgebaute, alugrau schimmernde Anlage vermutlich für ein in die Jahre gekommenes Nebengebäude halten – pompöse Glasfassaden oder Hinweise auf üppigen (Neu-)Reichtum: Fehlanzeige. Das Emaille-Wappen an der Eingangstür weist das Haus als indisches Honorarkonsulat aus, der Titel wurde Heinz-Horst Deichmann im Jahr 2000 verliehen, für seine Verdienste in dem asiatischen Land. Andreas Tepest, Leiter der Abteilung Qualitätssicherung war es wichtig gewesen, die Fragen für den Prüfstand in einem persönlichen Gespräch zu klären, Pressesprecher Ulrich Effing hatte zugestimmt. Um mögliche Vermutungen auszuschließen: Es gab kein Paar Schuhe als Willkommensgeschenk, dafür ein recht offenes Gespräch über Schadstoffe, Verantwortung und Formen von Nachhaltigkeit, in einem Unternehmen, das kaum mit seinen Taten wirbt und selten in die Schlagzeilen gerät.
Knapp 100 Betriebsjahre ohne Kredit und Kündigung
Die Schuhmacherei Deichmann wurde 1913 in Essen-Borbeck gegründet, der Familienbesitz wächst nach wie vor stetig, seit Mitte der Siebzigerjahre auch im Ausland. 138 Millionen Paar Schuhe hat das Unternehmen im vergangenen Jahr verkauft, ein Plus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr, erläutert Ulrich Effing, bemüht sich aber einzuschränken: „Wir expandieren nicht stark, man muss das Verhältnis sehen: die bestehenden Läden verkauften drei Prozent mehr, der Rest entfiel auf neue Filialen.“ Bei einem Unternehmen dieser Größe, das zudem auf das Niedrigpreissegment setzt, drängt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit auf.
Doch Effing hat eine Reihe von Argumenten, die sich vor allem aus der Firmengeschichte speisen: „Ziel des Unternehmens bei seiner Gründung war es, den Bergarbeitern kostengünstige Schuhe anzubieten, die lange hielten. Dazu müssen wir kein Lohndumping betreiben, wir nehmen große Mengen ab und arbeiten langfristig direkt mit den Herstellern zusammen – damit entfällt der teure Zwischenhandel“, und er fügt hinzu, womöglich um das Bild einer kopflos expandierenden Firma zu korrigieren: „Alle Filialeröffnungen hat Deichmann aus eigener Tasche finanziert, das geht ganz langsam Stück für Stück. [...] In all den Firmenjahren hat es hier noch keine betriebsbedingte Kündigung gegeben.“ Das klingt nach solidem Management, wie aber steht es mit den Arbeitskräften in Übersee, und wie dem Beteiligten ohne Anwalt, der Umwelt?
Wer prüft die ersten Glieder der Kette?
Fast alle Deichmann-Schuhe stammen aus Asien, rund 80 Prozent aus den Hauptproduktionsländern China und Vietnam. Ein firmeneigener Code of Conduct dient als Basis für die Zusammenarbeit, Deichmann verpflichtet die Schuhhersteller damit zum Beispiel dazu, „die umweltgerechte Beseitigung von Abfall und Behältnissen muss garantiert und auf Anfrage nachgewiesen werden“. Zudem müssen etwa gesetzliche Standards bei den Löhnen eingehalten und dürfen keine Kinder beschäftigt werden. „Firmenbesuche durch unabhängige Prüfer finden ungefähr einmal im Jahr statt“, erklärt Andreas Tepest, „es gibt nur selten Probleme, meistens können wir sie in kurzer Zeit lösen.“
Der Code of Conduct erstreckt sich auch auf die Zulieferer der für Deichmann arbeitenden Hersteller – allerdings sieht das Unternehmen sich hier nicht mehr in der Verantwortung, die Einhaltung zu überwachen: „Wir können nicht die ganze Kette kontrollieren, wo soll man die Grenze denn ziehen?“ fragt Tepest, und fügt hinzu: „wir müssen den Herstellern ja auch noch Raum zum freien Wirtschaften lassen, wir können und wollen ihnen nicht jeden Schritt vorschreiben.“


Kommentare (18)
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Allerdings ist es natürlich für einen Prüftandsbericht für Utopia nicht möglich, Produktionsstandorte im Ausland zu besuchen, aber Experten findet man auch im eigenen Land.
Im Falle Deichmann, als Massenschuhhersteller, scheint das Thema Nachhaltigkeit wohl angekommen zu sein, ist aber noch sehr ausbaufähig, denke da an die Gerbstoffverfahren mit ihren Umweltsauereien.
DemTrend zu natürlichen Gerbstoffen sollte auch dieser Hersteller sich nicht verschliessen. mehr weniger
Gruß Ronni mehr weniger
In "meinem" Deichmann im nächsten Einkaufscenter hatte ich noch keine "grüne" Information bemerkt. mehr weniger