Ein Journalist kennt keine Tabuthemen. Wieso sollte man sich nicht mal fragen dürfen, ob die Vorbehalte gegenüber der Atomkraft überhaupt gerechtfertigt sind? Wo doch ganz Europa jetzt wieder auf die atomare Energie setzt und fleißig Atomkraftwerke bauen will. Kann sich Deutschland da noch den Atomausstieg leisten? „Die Welt“ hat schon mal angefangen, den Lesern Lust auf Atomkraft zu machen. Im Artikel "Sieben atomare Mythen" werden herrschende Vorurteile scheinbar faktenreich entkräftet. Atomkraft, ja bitte? Wir blieben nach der Lektüre skeptisch und haben den Reaktor-Experten Christian Küppers vom Öko-Institut in Darmstadt gebeten, seine Einschätzung zu den Pro-Atomkraft-Argumenten des Welt-Artikels zu geben.
1. Der Mythos vom größten anzunehmenden Unfall
Die Welt schreibt: „Die Katastrophe von Tschernobyl übersteigt alle anderen, nicht nuklearen Industriedesaster. 2006, 20 Jahre nach dem Reaktorunfall, legten die UN-Behörden, die die Folgen in den drei betroffenen Ländern Weißrussland, Russland und Ukraine über viele Jahre intensiv untersuchten, einen umfangreichen Bericht vor. Beteiligt waren unter anderen die IAEA (Internationale Atomenergiebehörde), die WHO (Weltgesundheitsorganisation), UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) und Unicef (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen). Fazit der UN-Untersuchung: Beim Reaktorunfall kamen 47 Helfer der Aufräumtruppe durch tödliche Strahlendosen um. Rund 4000 Kinder aus der Umgebung erkrankten durch das entwichene Jod 131 an Schilddrüsenkrebs. Davon starben neun, da diese Krankheit heute gut heilbar ist. Statistisch soll die Zahl zusätzlicher Krebsfälle in den nächsten Jahrzehnten circa 4000 betragen. Die können aber nicht konkret festgestellt werden, da der Krebs seine Ursache nicht verrät. Dies alles ist ein schreckliches Unglück, liegt aber bei Weitem unter den in Deutschland prognostizierten Zahlen. Hierzulande war immer wieder von Hunderttausenden Toten zu lesen, die angeblich durch die Reaktorkatastrophe umgekommen seien. Die von den UN ermittelten Fälle sind erschütternd, eines belegen sie jedoch nicht: dass die Dimension des Tschernobyl-Desasters alle anderen Technikkatastrophen übersteigt. Bei dem Chemieunfall in Bhopal, der heute in Europa weitgehend vergessen ist, starben nach der niedrigsten Angabe 3800 Menschen, und Hunderttausende wurden verletzt. Fazit: Tschernobyl war einer der größten Industrieunfälle des 20. Jahrhunderts, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Gegen Tschernobyl als finales Anti-Atom-Argument spricht auch der Umstand, dass der Unfall, wie später nachgewiesen wurde, durch extremes Fehlverhalten der verantwortlichen Ingenieure geradezu provoziert wurde.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Zunächst sollte man anmerken, dass beim Reaktorbrand in Tschernobyl mehrere günstige Faktoren dafür sorgten, die Folgen der Katastrophe abzumildern. Zum einen ist die Region Tschernobyl ein vergleichsweise dünn besiedeltes Gebiet, und durch die Explosion und den anschließenden Brand wurde die radioaktive Wolke in eine Höhe von zwei bis drei Kilometern transportiert, womit die Region weniger kontaminiert wurde. Stattdessen haben sich die radioaktiven Stoffe, entsprechend verdünnt, über viele Länder ausgebreitet. Hätte es zum Ausbruch geregnet, wäre die Kontamination in der Ukraine und in Weißrussland ungleich höher gewesen. In Regionen in Deutschland, in denen es nach dem Unfall starken Niederschlag gab, wurde teilweise eine höhere Radioaktivität gemessen, als im 30-Kilometer-Sperrgürtel um die Unfallstelle. Der schlimmstmögliche Unfall in einem Atomkraftwerk, auch in einem deutschen, kann noch deutlich gravierendere Folgen haben, wie viele Untersuchungen der letzten 30 Jahre gezeigt haben. Eine solche Katastrophe in einem dicht besiedelten Gebiet bei Regen, und der Autor hätte es schwer gehabt, den Chemieunfall von Bhopal als relativierendes Argument für die angebliche Überdramatisierung von Tschernobyl zu nennen.“
2. Der Mythos vom Krebs durch Atomkraftwerke
Die Welt schreibt: „Richtig ist, dass in der Umgebung des Kraftwerks Krümmel eine seltsame Häufung von Leukämie aufgetreten ist. Bis zum Jahr 2005 erkrankten 16 Kinder daran, dreimal mehr, als statistisch normal wäre. Trotz jahrzehntelanger Forschung, für die viele Millionen Euro ausgegeben wurden, konnte kein Zusammenhang festgestellt werden. Fakt ist auch, dass es solche Leukämie-Cluster ebenfalls in Regionen ohne Atomkraftwerk gibt, zum Beispiel bei Sittensen und bei Elmshorn. Im Dezember 2007 wurde die Leukämie-These durch einen Bericht des Bundesamtes für Strahlenschutz als "nicht auszuschließen" erneut in Erwägung gezogen. Doch die Autorin der Studie, Maria Blettner, Leiterin des Instituts für Biometrie an der Uni Mainz, wehrte sich gegen diese Interpretation. Sie sagte: "Nach allem, was wir aus der Strahlenbiologie wissen, können die Leukämien nicht durch die Strahlenbelastung durch Kernkraftwerke ausgelöst worden sein. Das ist nicht plausibel. Die Strahlung aus kerntechnischen Anlagen ist um das 1000- bis 100 000-Fache geringer als die natürliche Strahlung, der wir ausgesetzt sind. Und sie ist viel kleiner als die Belastung durch Röntgen oder etwa beim Fliegen."
Einschätzung von Christian Küppers: „Das Argument, es gäbe eine Häufung von Leukämiefällen auch in Gebieten, in denen weit und breit kein Atomkraftwerk stehe, taugt nicht als Argument für die Unbedenklichkeit von Atomkraftwerken, weil es kein Beleg für das zufällige Auftreten solcher Häufungen ist. Elmshorn liegt beispielsweise inmitten des größten Baumschulengebiets Deutschlands, wo nicht auszuschließen ist, dass die Pestitizidbelastung der Luft höher ist. Eine höhere Zahl von Krankheitsfällen muss nicht zwangsläufig mit erhöhter Radioaktivität im Umfeld eines Kraftwerkes stehen, sondern könnte auch mit mittelbaren Folgen durch den Betrieb des Atomkraftwerkes zusammenhängen. Solche Effekte sind vielfach diskutiert worden, gesicherte Erkenntnisse gibt es aber leider bisher nicht.“
3. Der Mythos von der Gefährlichkeit der Atomkraft
Die Welt schreibt: „Wenn man Gefährlichkeit an der Zahl der Toten und Verletzten misst, ist die Kohle mit Abstand am unheilvollsten. Alljährlich sterben weltweit Tausende Bergleute bei der Gewinnung dieses Rohstoffs. Nach offiziellen Angaben verloren allein im Jahr 2005 über 6000 Kumpel ihr Leben in chinesischen Kohlegruben - von den langfristigen gesundheitlichen Folgen der staubigen Arbeit einmal ganz abgesehen. Auch Wasserkraft-Katastrophen können viele Opfer fordern. 1975 ertranken bei mehreren Staudammbrüchen in der chinesischen Provinz Henan 26 000 Menschen.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Durch den Abbau von Uran beispielsweise in Ostdeutschland (Wismut) sind mehr als 1000 Arbeiter gestorben. Um einen tatsächlichen Vergleich zwischen der Gefährlichkeit von Kohlekraft und Atomkraft ziehen zu können, müsste man die Todesopfer und die durch Atom- und Kohlekraft erzeugten Energiemengen ins Verhältnis bringen, um eine sinnvolle Aussage treffen zu können.“
4. Der Mythos von den unklaren Langzeitfolgen der Strahlung
Die Welt schreibt: „Das Gegenteil ist richtig. Durch die beiden Atombombenabwürfe im Zweiten Weltkrieg sind die Langzeitfolgen akribisch erforscht. Seit 1950 werden in einer gemeinsamen japanisch-amerikanischen Studie etwa 120.000 Überlebende medizinisch überwacht. Durch die starke Strahlung im Abwurfzentrum, die Explosion und die Feuerwalze starben in Hiroshima 140.000 Menschen und in Nagasaki 70.000. Von denen, die das überlebten, weil sie sich weiter entfernt vom Explosionsort aufhielten, starben bis heute etwa 800 an den Spätfolgen der Verstrahlung. Viel weniger, als man ursprünglich angenommen hatte.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Tatsächlich ist über die langfristigen Wirkungen der Strahlung sehr viel bekannt. Die Ergebnisse der Untersuchungen an den Überlebenden eines Atombombenabwurfs wurden ergänzt durch viele andere an Personengruppen mit erhöhter Belastung. Das eigentliche Risiko der Atomkraft besteht daher nicht in unabsehbaren Folgen durch die radioaktiven Stoffe, die im normalen Betrieb in die Umwelt abgegeben werden, sondern in der Möglichkeit schwerer Unfälle mit katastrophalen Folgen.“
5. Der Mythos vom Erbe des Atommülls für kommende Generationen
Die Welt schreibt: „Ein Kernkraftwerk der in Deutschland üblichen Größe erzeugt in einem Jahr circa 1,1 Tonnen Spaltprodukte. Zur Endlagerung sollen diese Stoffe in Glas eingeschmolzen mit Edelstahl umhüllt und in 1000 Meter Tiefe in Steinsalz gelagert werden. Das strahlende Material wäre damit so sicher wie möglich vom Leben auf der Erde abgeschottet. Atommüll ist jedoch nicht der einzige radioaktive Stoff, den die Erdkruste birgt. Felsen aus Granit und anderem Urgestein, wie sie beispielsweise in den Alpen vorkommen, strahlen erheblich.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Was hier als Fakt dargestellt wird, ist noch Zukunftsmusik. In Deutschland und anderen Ländern ist es noch Aufgabe kommender Generationen, für die Endlagerung der schon erzeugten hochradioaktiven Abfälle zu sorgen. Bislang sind zwar Konzepte hierzu weit entwickelt, in Deutschland ist aber noch kein Standort für ein solches Endlager festgelegt worden. Würde der hochradioaktive Atommüll nicht erheblich mehr strahlen als die „Felsen aus Granit“, so wäre im Übrigen auch die aufwändige Endlagerung in so großer Tiefe nicht erforderlich.“
6. Der Mythos vom Uran, das - wie Kohle oder Öl - bald ausgeht
Die Welt schreibt: „Das ist im Prinzip richtig. Wenn man die derzeit bekannten Lagerstätten nimmt und davon ausgeht, dass keine neuen gefunden werden, kommt man auf 50 Jahre. Zurzeit wird jedoch kaum nach weiteren Uranvorkommen gesucht, da die Unternehmen nicht in etwas investieren, das erst in fünf Jahrzehnten benötigt wird. Der Einsatz von Wiederaufarbeitungsanlagen und der Brütertechnologie kann die Reichweite der bekannten Vorkommen um das 30- bis 60-Fache verlängern. Uran bliebe auch bei einem deutlichen Preisanstieg immer noch wirtschaftlich, da der Rohstoff nur fünf bis zehn Prozent des Strompreises ausmacht. Ein weiterer Vorteil gegenüber Öl ist, dass Uran zu einem Großteil aus politisch stabilen Ländern kommt, zum Beispiel aus Kanada und Australien.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Wenn die Nutzung der Kernenergie einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten sollte, müsste ein Vielfaches der Zahl der heute noch betriebenen Kernkraftwerke weltweit gebaut werden. Ob Uran beim dann resultierenden Bedarf wirklich wirtschaftlich bleiben würde ist eine gewagte These. Während Altanlagen längst abgeschrieben und deshalb wirtschaftlich effizienter sind, sind Neuanlagen kostenintensiv – Wiederaufbereitungsanlagen oder die Brütertechnologie bergen zudem große Risiken. Flüssiges Natrium, das als Kühlmittel für Brüter Verwendung findet, reagiert heftig mit Wasser und kann sich entzünden. Deshalb ist die Arbeit mit der Brütertechnologie weltweit weitestgehend eingestellt worden – sie ist kommerziell also gar nicht Realität.“
7. Der Mythos von der radioaktiven Strahlung
Die Welt schreibt: „Radioaktivität aus verschiedenen Quellen umgibt uns überall. Im menschlichen Körper selbst laufen ständig radioaktive Zerfallsprozesse ab. Etwa 30 Millionen Atome pro Stunde zerfallen, das entspricht etwa 9000 Becquerel (die Maßeinheit der Radioaktivität). Die natürliche Strahlenexposition der Erde liegt bei einigen Millisievert (die Maßeinheit für Dosiswerte im Strahlenschutz). Diese Dosis entspricht normalerweise einem Hundertstel bis Tausendstel der Werte, die für Lebewesen gefährlich werden können. Wird der Körper einer Dosis von 200 Millisievert auf einmal ausgesetzt, steigt die statistische Krebswahrscheinlichkeit um ein Prozent. Die Mitarbeiter in Atomkraftwerken kriegen täglich einige Mikrosievert (also Millionstel) ab. Beim Fliegen auf Reiseflughöhe liegt die aufgenommene Dosis bei circa fünf Mikrosievert pro Stunde.“
Einschätzung von Christian Küppers: „Auch der letzte Artikel ist eindeutig tendenziös. Kraftwerksarbeiter, die zum Beispiel während der jährlichen Revision in stärker strahlenden Bereichen arbeiten, werden mit einer wesentlich höheren Strahlendosis belastet als einigen Mikrosievert an einem Tag belastet. Zulässig für die Arbeiter ist eine Dosis von 20 Millisievert im Jahr und 400 Millisievert im Berufsleben. Ob die Dosis in kurzen Zeiträumen oder gleichmäßig über das Jahr aufgenommen wird, ist für die Wirkung nicht erheblich. Der Körper merkt sich jede Dosis– deren Wirkung summiert sich in einem Arbeitsleben. Es ist richtig, dass bei 200 Millisievert die statistische Krebswahrscheinlichkeit um etwa ein Prozent zunimmt. Die Wahrscheinlichkeit eines Kraftwerkmitarbeiters an Krebs zu sterben, kann daher durch seine Tätigkeit um etwa zwei Prozent steigen, ohne dass zulässige Grenzwerte überschritten würden.“
Christian Küppers ist
Stellvertretender Koordinator
des Bereichs Nukleartechnik &
Anlagensicherheit des Öko-Instituts
in Darmstadt
- Zum Weiterschauen: Die Dokumentation "Climate of Hope" von Filmemacher Scott Ludlam und der Anti-Nuclear Alliance of Western Australia erklärt von A-Z, warum Atomkraft mit Sicherheit nicht die Energiequelle der Zukunft sein kann.




















Kommentare (23)
abonnieren
asi
träumender Golgom
asi
schrieb am 23.07.2009 um 10:34Und gleich noch ein Mythos(?) : Atomgesellschaft führt zu totalitärer Gesellschaft. Wer einmal miterlebt hat wie ein ganzer Landstrich (das Wendland) beim Castortransport abgeriegelt wird und demokratische Grundrechte mit Füssen getreten werden, weiß wovon ich spreche. Und damit das bald vorbei ist : Ausstieg sofort! Und damit sie uns das auch endlich glauben: DEMO am 5.9.09 in Berlin "Mal richtig abschalten" Mit Treckern aus dem Wendland und mit hoffentlich vielen Menschen. Man sieht sich!
http://www.anti-atom-treck.de/
Gruene_Traumwelt
Alles hat Pro&Con! Relativiert mal!
Gruene_Traumwelt
schrieb am 23.07.2009 um 02:16Für alle Ökos da draußen: Atom abschaffen sagt sich leicht; F&E geht damit aber genauso ein, also keine Kernfusion (übrigens tolle Sache, unbegrenzt, immer verfügbare, sichere Energie), CERN und Erforschung der Quarks und alles was sonst noch kommt wird mit dem Atomausstieg mit beerdigt und das verschweigen die Ökos auch gerne mal. Wie wollt ihr denn dann vorwärts kommen? Bei Photovoltaik sind noch max. 15% Wirkungsgrad zu holen (der Stromgewinn vs Stromverbrauch zur Herstellung zeigt die witzlosigkeit dieser Technologie beim Einsatz in z.B. Deutschl.), bei Wind 5%, Wasser 0% und Solarthermie 5% . Strom Speichern wird demnächst auch nicht drinn sein - also: Warum verschließen sich Ökos so dermaßen dem Fortschritt? Da begräbt man sich doch selbst die eigene Zukunft und dalle Visionen?
Kommentar schreiben
Bitte neu registrieren oder anmelden um einen Kommentar zu schreiben.