Kolumne: Al Gore, der neue Kühlschrank und ich (9)

Der Selbsttest: Bin ich ein Lohas?



Seit ich ein ökologisches Moment in mein Leben und meinen Konsum integriert habe, kommen immer wieder Menschen zu mir und fragen mich, ob ich eigentlich "ein Lohas" sei.

Zu Beginn wußte ich es selbst nicht so genau. Daher habe ich mich einem Lohas-Test unterzogen, um die Sache ein für alle mal zu klären. Lassen wir die Thesen sprechen. Danach sind Lohas zwischen 19 und 90, gerne mal Akademiker, aber nicht notwendigerweise, häufig Frauen, aber nicht zwanghaft. Das trifft alles auf mich zu.

Verengt man es auf die Kerngruppe, dann haben sie mindestens zwei Kinder, sind oft 60er-Jahrgänge, leben entschleunigt, aber nichtsdestotrotz in "Entscheiderpositionen", sind keine "Superkonsumenten", aber sehr wohl "Trendsetter". Die Konsum-Avantgarde des 21. Jahrhunderts. Das trifft alles auf mich zu. Und wie.

Lebensmittel sind die wichtigste Branche für Lohas-Konsum. Bio- und Fairtrade haben diesem Lebensstil den Weg bereitet. Das trifft auf mich nicht zu. Lebensmittel kamen bei mir erst später. Die so genannte Wellness hat mich noch nie angesprochen und zwar weder rational noch emotional. Die grüne Technologie im Haushalt wird immer wichtiger für Lohas. Trifft auf mich zu.

Der iPod ist für den Lohas-Theoretiker Eike Wenzel das prototypische Lohas-Produkt. Wenzel, Chefredakteur von Matthias Horx' Zukunftsinstitut, hat die Lohas in Rendite-orientierten Kreisen als "Megatrend" populär und wichtig gemacht. In einer Studie namens "Zielgruppe Lohas: Wie der grüne Lifestyle die Märkte erobert" - erhältlich zum Stückpreis von 165 Euro - definiert er sie als gesellschaftliche Avantgarde und kaufkräftige Zielgruppe. Der Trend kommt selbstverständlich aus den USA, wo der Soziologe Paul H. Ray bereits im Jahr 2000 die "Cultural Creatives" beschrieben hat, aus denen die Lohas entwickelt wurden.

Manche Kritiker halten Horx und seine Leute für opportunistische Neoliberale, die mit der Wirtschaft ins Bett gingen. Wenzel hält das für eine Folge anachronistischen Denkens. "Wir sind Marktfans und Marktoptimisten", sagt er. Der Ipod ist für ihn "humane Highend-Genusstechnik für Individualisten, die gar nicht allzu teuer ist." Einerseits das Primat der Ästhetik, die Kraft der Marke, die zum "Haben Wollen" führt, andererseits braucht er keine Batterien. Also leichter Ökotouch. Ich habe einen iPod.

Ein beliebtes Produkt der Lohas ist Joghurt mit Zusatznutzen, etwa besonderen Milchkulturen für ein starkes Immunsystem. Lohas sind generell Gesundheitsfetischisten. Joghurt mit Zusatznutzen interessiert mich nicht. Bin kein Gesundheitsfetischist. Lohas stehen auf Wurst und Fleisch aus der Region und essen niemals Hirsekörner und Dinkelschrot. Ich stehe auf Wurst und Fleisch aus der Region, esse aber niemals Hirsekörner und Dinkelschrot. Lohas stehen auf Convenience in Bio-Qualität. Ich stehe nicht auf Convenience in Bio-Qualität.

Testergebnis: Ich bin kein Lohas. Erstens klingt das Wort nicht gut und wegen des "s" am Ende auch noch wie ein Plural, so dass man sich vor der Singular-Verwendung scheut. Das führt dazu, dass man es nicht wirklich benutzen will. Zum anderen ist Lohas laut ihrer Trendforscherväter ein so genannter "Megatrend". Das ist ein weiteres Wort, das sensible Menschen zwischen 9 und 90 nicht im Zusammenhang mit sich hören möchten. Nun kann man sich die Zuordnung zu einer soziologischen Gruppe nicht heraussuchen, aber ist Lohas eine? Eher nein. Lohas ist ein Marketingbegriff. Der raffinierte Eike Wenzel hat ja nun aber den "Individualismus" als Erkennungsmerkmal des Lohas definiert. Wenn sich also jemand für "anders" und einzigartig hält und auf keinen Fall zu den Lohas gerechnet werden will, dann zeigt das nur, dass er einer ist?

Mir fehlt aber tatsächlich das Hinausweisen über den Konsumtrend - die inhaltliche Verknüpfung der Bio-Ernährung und des fairen Konsums mit der Lösung der Energiefrage und dem Bewusstsein, dass das Problem Klimawandel darüber hinausgehen kann. Mein erstes Ziel ist nicht, dass die Bahn fair gehandelten Kaffee in ihren Bistros verkauft, sondern dass sie mit Erneuerbarem Strom fährt. Weil es keinen anderen mehr gibt. Ich rief Eike Wenzel an und fragte ihn: "Sind Sie selbst eigentlich ein Lohas?"
"Selbstverständlich." Er schätze, dass 80 Prozent seiner Bekannten Lohas seien. Also fokussiert auf Harmonie in der Beziehung Ich-Mitwelt-Umwelt, Life-Work-Balance, Engagement im Nahbereich, keine Verbrämung des eigenen Wohlstandes, Pragmatismus, keine Utopien. Kein Freund-Feind-Schema, kein Entweder-oder.

Das Lohas-Modell und der Klimawandel? Lohas sei ja entstanden, bevor das Klimawandel-Problem groß ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat. Selbstverständlich dächten Lohas darüber nach, aber der Lohas-Lebensstil funktioniere auch ohne Klimawandel. Bei mir funktioniert nichts mehr ohne Klimawandel. Ich bin also definitiv kein Lohas. Oder keiner mehr.


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    tilman
    schrieb am 18.05.2008 um 22:43
    In meinem Umfeld (in der vorpommerschen Provinz) gehen viele Leute mit 1000 € nach Hause, wenn sie denn einen Job haben. Die haben Gemüsebeet und Hühner hinterm Haus, machen sich um Termini wie Nachhaltigkeit oder Lifestyle keinen Kopf. Wenn die LOHASerie ein paar Leute erwischt, die fünf- oder...
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    anonym
    schrieb am 11.05.2008 um 21:58
    brauchen immer wieder neue knackige Kunstbegriffe, die die Marketingleute dann begierig aufnehmen... Zeugt z.B. ein namhafter Trendforscher in fortgeschrittenem Alter noch ein Kind, wird gern mal der Trend der "späten Väter" ausgerufen. Solche Trends machen mich genauso skeptisch wie...
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