Kolumne: Al Gore, der neue Kühlschrank und ich (11)

Wo sind die deutschen Prominenten?



Es gibt in Deutschland noch kaum Prominente, die glaubwürdig und offensiv für die ökologische Moderne werben. Nicht einmal Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bekennt sich persönlich dazu. Entweder, weil er sie tatsächlich nicht glaubwürdig lebt. Oder aus Sorge, es könne ihm schaden, wenn man ihn für einen echten Öko hält. Auch der Grüne Jürgen Trittin war in seiner langen Zeit als Umweltminister stets bemüht, niemals auch als Person für die ökologische Avantgarde zu stehen. Das mag auch damit zu tun gehabt haben, dass Bild ihn trotz seiner Zurückhaltung als Deutschlands größten und gefährlichsten Öko-Irren stigmatisierte.

Die Sache hat sich mit dem Start von utopia.de etwas gebessert. Hier hat man angefangen, auch bestimmte Stars in diesem Bereich zu positionieren. Etwa den Schauspieler Axel Milberg oder die Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger

Aber wenn entsprechende Umfragen unter Prominenten gemacht werden, lesen sich die Antworten immer noch putzig. Der DeeJay nimmt immer eine Tasche mit zum Einkaufen. Die Starköchin kocht mit Deckel. Die Präsidentin eines Kultur-Instituts und ihr Mann verzichten auf Gefriertruhen – in sämtlichen drei Wohnungen, die sie sich in drei Städten halten. Der Generalsekretär sagt seinen Jungs, dass sie auch mal das Licht ausschalten sollen. Und der Umweltminister zieht vor dem Schlafen gehen den Stecker vom Fernseher raus.

Wo ist der Promi, der politische Integrität und echte Begeisterung an modernem Klimakonsum verbindet mit jener Massenwirksamkeit, die einen auf die Couch des Samstagabendklassikers „Wetten, dass...!?“ bringt - und damit in die Lage versetzt, dort einfach mal entspannt über sein Blockheizkraftwerk zu plaudern?

Wo ist die Tatortkommissarin, die ein emissionsfreies Elektroauto fährt und bei „Beckmann“ ungefragt, aber dafür auch völlig ungeschützt erzählt, wie sich das emotional an fühlt? Wo ist der Profifußballer, der seinen Strom selbst produziert und dafür im „Aktuellen Sportstudio“ einen Extraschuss auf die Torwand gewährt bekommt? Wo ist die Serie, in der Solardächer vorkommen wie sonst nur bezahlte Autoschleichwerbung? Das Format, in dem Prominente zu Hause besucht werden und der staunenden Öffentlichkeit ihr bescheidenes, aber stilvoll energetisch saniertes CO2-neutrales Eigenheim vorführen?

Das möchte man doch sehen. Ein relativ intellektueller Fernsehproduzent sagte mir: Nein, das möchte man nicht sehen. Weitere Erkundigungen ergeben, dass ich mit dieser Meinung tatsächlich etwas isoliert dastehe. Noch. Mein Freund Minki lachte mich selbstverständlich aus. Prominente? Jeder wisse, dass es in Deutschland überhaupt keine Prominenten gäbe. Meine Frau sagte, wenn überhaupt, dürfe es nicht als penetrant vorgezeigtes Gutmenschentum daherkommen wie bei Angelina Jolie und Brad Pitt.

Meine Freundin Karla sagt, sie fände bestimmte Prominente eventuell in Ordnung, etwa die Schauspieler Nina Hoss oder Jan Josef Liefers. Nicht in Ordnung wäre Franz Beckenbauer. Oder Nina Hagen. Und auf keinen Fall ginge Veronica Ferres. Karla hat eine Aversion gegen Ferres. Das ist hinreichend bekannt. Aber das Problem stellt sich nicht, weil die Schauspielerin für den Kohle- und Atomstromkonzern Eon Werbung gemacht und dadurch eh keine Glaubwürdigkeit hätte.

Beckenbauer hat selbstverständlich auch für Kohle- und Atomstrom geworben, hätte aber nicht dadurch ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern weil er seit Jahren den Eindruck vermittelt, für alles zu werben, was groß ist und groß zahlt. Daher nimmt man ihm weder den dreckigen Strom ab, noch das saubere Mobiltelefon. Eventuell das Hefeweizen, aber eigentlich selbst das nicht. Wenn der jetzt daher käme und von seinem Kitzbüheler Solardach erzählte, dächte man jedenfalls auch nur „Schmarrn.“ Interessanter ist die Sache mit der Sängerin Nina Hagen. Die ist erklärte Ökostrom-Bezieherin, aber bei Karla wie Ferres und Beckenbauer negativ abgespeichert. Sie möchte sich auf keinen Fall mit einer Peer Group identifizieren, zu der Nina Hagen gehört.

Und Götz George, unser großer, alter, streitbarer Dissident? Den findet sie eigentlich zu alt, aber wenn es sein müsste, wohl in Ordnung. Leider hat auch der schon für Eon Werbung gemacht.

Es wird nicht einfach, aber es muss sein: Es braucht die Konsum-Avantgarde (also uns), eine Medienelite und die Prominenz. Ich bin überzeugt, dass ein neuer Lebensstil, der modernen Klimaschutzkonsum selbstverständlich integriert hat und als gesellschaftlichen Wert vorzeigt mit Hilfe von Prominenten „Aufmerksamkeitsströme“ bekommt, die seine Verbreitung in bestimmten Bereichen der Gesellschaft mit ermöglichen oder zumindest beschleunigen. Nicht bei den Leuten, zu deren Verständnis es gehört, sich grundsätzlich nicht an Promis zu orientieren. Sondern bei denen, die für gewisse Liftestyle-Imitationen ansprechbar sind, sei es im gehobenen bürgerlichen Segment oder im eher rustikalen.

Die Frage ist für mich nicht, wie ich auf Heino reagiere, sondern wie seine rüstigen Anhänger reagierten, wenn er nach dem Absingen einiger Strophen der Nationalhymne bekannt gäbe, dass sein schönes Café künftig CO2-neutral funktioniert, weil er da jetzt drauf steht. Ich gehe davon aus, dass er auch dafür Beifall bekäme.

Das Gleiche gilt für Oliver Pocher. Iris Berben. Dieter Wedel. Jürgen Vogel. Hans-Jochen Vogel. Bernhard Vogel. Daniel Kehlmann. Peter Sloterdijk, Marietta Slomka. Dirk Bach. Franz Josef Wagner. Lukas Podolski. Sie wirken alle nicht auf mich, aber vermutlich in ihre Peer Groups hinein, warum also nicht so?
Der Musikantenstadl braucht ein Solardach. Die kleine Mühle am rauschenden Bächerl von Marianne und Michael muss Wasserkraft erzeugen. Und wenn Stefan Mross und Stefanie Hertel mal wieder ein Vollrauscherl im Auto ausschlafen möchten, warum sollten sie das nicht in einem avantgardistischen Elektro-Sportwagen machen?

So macht auch volkstümelnde Musik Spaß. Und Sinn. Naja, nicht übertreiben. Fortsetzung folgt.

 

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    Mariander
    schrieb am 14.07.2008 um 16:56
    Madonna & Julia Roberts benutzten Dr. Hauschka...Thomas D trägt Armed Angels...George Clooney fährt mit dem Prius vor...und was sind die angesagten Produkte? Hauschka, Prius & Armed Angels! Bionade wurde bestimmt nicht Kult, weil Alt68er die Brause beim Elternabend in der Waldorfschule...
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    audhur
    schrieb am 14.07.2008 um 15:30
    Obwohl ich mir ungern etwas vorschreiben lasse, muß ich mich in diesem Fall vorbehaltlos meinen Vor-Schreibern anschließen. Wer ist überhaupt ein Promi und was hat die Menschheit davon? Letztendlich sind doch die Promis von den Massen abhängig und nicht umgekehrt! Ich kann mich nur wundern. Und...
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