Nie mehr Kalifornien?
6Am Ende steht immer die Erkenntnis, dass man ganz am Anfang steht.... mehr
besser: wissen - machen - kaufen
Ich kam aus der Nachmittagsvorstellung. Trat auf die Pacific Avenue. Blinzelte in die Sonne. Seufzte. Keine Ahnung, warum, aber ich wusste: Mist, es war so weit.
Es lag nicht an Amerika. Ich flog jeden Sommer nach Kalifornien. Seit Jahren. Weil es Spaß macht und großartig ist und weil man nur einmal lebt. Es war auch nicht so, dass ich an diesem Sommertag des Jahres 2006 durch Al Gores Dokumentarfilm „An Inconvenient Truth“ erstmals über die Gefahr einer Klimakatastrophe informiert worden wäre. Ich bitte Sie. Selbstverständlich hat man sich mit Klimawandel, Kohlendioxid, Lebensstil und Konsum beschäftigt; aber unkoordiniert, theoretisch, wie man es mit vielem macht. Sicher wichtig. Man hat ja auch noch anderes zu tun.
Es ist erstaunlich, wie sich aus der Zufälligkeit des Moments das Unwohlsein mit dem Äußeren, einer drohenden Klimakatastrophe, und dem Inneren, einigen Aspekten des eigenen Lebens, verdichten kann zu einer grundsätzlichen Erkenntnis. Ich kam damals aus dem Kino und wusste: Jetzt musste etwas passieren. Und zwar bei mir.
Dann ist es wie so oft: Am nächsten Tag ist die Sache noch einmal weggedrückt. Bei den einen. Vielleicht hat das böse Ö-Wort noch einmal gewirkt. Ö wie Ökologie. Hässliche Menschen. Runzlige Rüben. Moralisches Getue. Uaaaah. Aber bei den anderen ist der Tag da, wo selbst das Beschwören des Ö-Worts nicht mehr hilft. Dann ist man bereit, ein Neuer Öko zu werden.
Und dann fängt das an, was ich zu beschreiben versuche: Ich würde es eine lebensverändernde Bewusstseinserweiterung nennen. Meine Erfahrung: In der ersten Phase braucht so ein Neuer Öko Leitbilder, an denen er sich orientieren kann. Es braucht ein Symbol wie Al Gore, das den planetarischen Ansatz der Sache verdeutlicht. Und es braucht Freunde und Vorbilder im täglichen Leben, die zeigen, wie es geht, anders zu denken. Und dass es geht, ohne komplett uncool zu werden und im Ansehen der Peer Group zu sinken, der liebsten und wichtigsten Menschen oder auch nur irgendwelcher dahergelaufener Arschlöcher.
In der Fortgeschrittenen-Phase agiert der Neue Öko auf der Grundlage eines größeren Wissens, eines neuen Selbstbewusstseins und einer Begeisterung für seine Sache: Er weiß jetzt, dass er richtig liegt. Er hat gemerkt, wie sich mit dem neuen Ansatz persönliche, soziale, ökologische und globale Interessen vereinen lassen. Er hat jetzt keine Angst mehr, sich lächerlich zu machen.
Bei mir war der zunächst unfreiwillige Kauf eines klimafreundlichen Dreiliter-Autos die Initiation zu einer neuen Art von Konsum. Kurz gesagt: Es stellte sich als der beste Kauf meines Lebens, heraus und deshalb wollte ich mehr. Nicht mehr Konsum. Sondern mehr bewussten Konsum. Im Laufe dieser Entwicklung wird die angenehme und bequeme Freiheit der Gleichgültigkeit ersetzt durch Kompetenz und, hm ja, in zunehmendem Maße durch Prinzipien. Was andere für die Rückkehr des Fundamentalismus halten oder halten wollen, ist eine ständig klarer herausgearbeitete Leitlinie, an der sich Konsum orientiert und ein größer werdender Teil des Lebens. Sie markiert den Übergang vom bewusst-gleichgültigen Hedonisten zum bewussten, fröhlichen und genußorientierten Neuen Öko.
Er irrt, wer nun denkt, es gehe hier letztlich um ein bisschen Bio-Karotten, Wellness und ein fair gehandeltes T-Shirt. Lebensstil und Konsum eines neuen Konsumenten basieren nicht primär auf persönlicher Gesundheit und Ernährung: Sie sind auch Ausdruck und Zuspitzung der Bereitschaft, eine entscheidende Zukunftsfrage der Gesellschaft anzugehen, die Energie-Frage. Ich verstehe mich als politisch und ökologisch agierender Konsument. Mein Ziel lautet: Viel weniger und andere Energie zu verbrauchen. Das klingt auf den ersten Blick nicht gut, aber das täuscht. Das ganze Leben wird intensiver und besser.
Vielleicht sollte ich vorsichtshalber erwähnen, dass ich keiner Partei angehöre, keinen Platz in irgendeinem Himmel erwarte, nicht übermäßig an das Gute glaube, nichts von Esoterik halte, aber Dachgeschosswohnungen, Rotwein und Schweinefleisch mag. Ach ja, und dass ich leider immer ziemlich lange brauche, um grundlegende Dinge herauszufinden. Vielleicht ist das der Grund, warum ich richtig begeistert bin, wenn es mir endlich gelungen ist. Fortsetzung folgt.
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Kommentare (3)
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Peter Doldi
schrieb am 08.04.2008 um 01:06 ¶hans-jürgen
schrieb am 03.04.2008 um 21:29 ¶Kommentar schreiben
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