Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Interview

Peter Unfried über Al Gore, den neuen Kühlschrank und sich



Vorab erzählt uns Unfried, wie es zur Wandlung kam, und was er potenziellen Neu-Ökos zum Einstieg rät.


Herr Unfried, Ihr Bruder Martin hatte jahrelang versucht, Ihnen eine ökologische Lebensweise näher zu bringen. Erst nach "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore hat es bei Ihnen gefunkt. Was hat Al Gore, was Ihr Bruder nicht hat?
Bei meinem Bruder habe ich nie so richtig hingehört, es schien alles immer weit weg von meinem Leben. Ich glaube, die Leistung von Al Gore ist, dass er dem Problem eine globale Dimension gegeben und dennoch die richtige Ansprache gefunden hat. Was mir wiederum den Anstoß gegeben hat endlich meinem Bruder zuzuhören.

Nehmens Sie's bitte nicht persönlich, aber dass der stellvertretende Chefredakteur der taz erst von Al Gore überzeugt werden muss, sein Leben grüner zu machen, finden wir zumindest bemerkenswert.

Ganz klar, das hat was Peinliches, dazu stehe ich auch. Ja, die taz wurde unter anderem von den alten Ökos und der Umweltbewegung gegründet. Und es ist richtig, dass wir klassische Ökos als Leser haben, allerdings auch Leute, die sich damit nicht auskennen. Mir ist wichtig zu sagen, dass ich den klassischen Ökos nichts Neues erzählen kann. Den Leuten aber, die noch ein, zwei Schritte hinter mir stehen - und dazu gehören auch taz-Leser - kann ich meine persönliche Entwicklung näher bringen.

Es gab keine handfesten Diskussionen mit Ihren Lesern?
Es gab zumindest keine spezielle Diskussion. Wir führen aber eine grundsätzliche Diskussion mit unseren Lesern. Zum Beispiel haben wir einen Autotest, bei dem wir Autos unter 110 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer testen. Das ist immer noch Avantgarde für die einen, während die anderen – die Ökos – uns fragen, warum wir überhaupt einen Autotest machen. Schließlich sollte man doch eigentlich ganz auf ein Auto verzichten. Das ist vielleicht richtig, verkennt aber, dass das Auto ein zentraler Bestandteil unseres Konsums und Lebens ist. Man muss über ökologische Autos reden, wenn man in die Köpfe der Leute will.

In Ihrem Buch kaufen Sie sich nicht nur ein neues Auto, sondern auch einen neuen Kühlschrank und wechseln zu Ökostrom. Retten die neuen Ökos nur mit ihrem Konsum die Welt?
Das wäre ein Irrtum. Es ist zunächst die Integration eines neuen ökologischen Bewusstseins in das Leben eines Teils der Gesellschaft. Es hat aber auch eine politische Dimension. Wenn ich ernsthaft 80 Prozent weniger Energie verbrauchen will, dann gebe ich mich nicht mehr mit einem neuen Kühlschrank und dem Wechsel zu Ökostrom zufrieden. Dann komme ich zu der Frage: Wie kann ich selbst Energie produzieren? Oder wo kann ich einsteigen, um meine Energie selbst produzieren zu lassen. Das stellt das Monopol der vier großen Stromkonzerne in Frage und ist letztlich auch eine basisdemokratische Entscheidung. Ich glaube, dass meine Kinder irgendwann genau so selbstverständlich im Stromnetz surfen, dort einspeisen und Strom rausziehen werden wie wir heute im Internet surfen.

Können wir heute überhaupt von „neuen Ökos“ sprechen, oder diskreditieren wir damit die Pionierarbeit aus den siebziger und achtziger Jahren? Worin sehen Sie den Unterschied?
Wir versöhnen uns mit den alten Ökos. Man hat doch immer gedacht: Oh Gott, Ökos - das sind hässliche Menschen und runzlige Rüben. Ich habe mich jahrelang über Ökos lustig gemacht. Das war ein Fehler. Heute denke ich, ihr habt tolle Ideen gehabt. Und die neuen Ökos setzen diese Ideen nun als neue gesellschaftliche Bewegung um.

Wie schätzen Sie die Haltbarkeit der neuen Ökos ein?
Die Bewegung wird nicht mehr aufzuhalten sein. Zurzeit ist es zwar nur ein bestimmter Bereich der Gesellschaft, der sich für das Thema interessiert. Ob nun aus persönlichen oder gesellschaftlichen Gründen. Ich glaube, dass aus dem Trend eine kulturelle Dimension wird. Ich glaube, ein Lebensstil, der Ökologie beinhaltet, wird für viele selbstverständlich werden.

Was fehlt bei Ihnen noch in 'grün'?
Oh, bei mir ist einiges noch nicht grün. Erstens: Der Haushaltsgeräte-Parcours ist noch nicht komplett modernisiert. Das ist auch ein heikles Ding: Tausche ich alte Geräte aus, oder warte ich, bis sie kaputt sind? Eigentlich lustig, da hat man jahrelang gedacht, hoffentlich hält die alte Waschmaschine noch ein paar Jahre und jetzt denkt man: Hoffentlich geht dem Ding bald das Licht aus, damit man sich so eine neue super Öko-Waschmaschine zulegen kann. Zweitens: Da ich noch nicht selbst Energie erzeugen kann, steige ich gerade in ein Windkraftprojekt mit ein, mit dem wir unseren Jahresverbrauch produzieren. Drittens: Wir fliegen dieses Jahr zum ersten Mal nicht nach Kalifornien. Interkontinentalflüge haben schließlich den größten Anteil am ökologischen Fußabdruck.

Wohin geht es stattdessen?
Nach Freiburg. Die Kinder haben sich schon beschwert.

Auf Utopia.de schreiben Sie ab heute aus Ihrem Buch. Wie lautet Ihr Rat für Einsteiger?

Der beste Einstieg ist der Wechsel zu Ökostrom. Er tut einem nicht weh, er ist einfach und kostet nicht mehr. Außerdem hat er eine politische Dimension: Man wirkt nicht nur als Konsument auf einen Markt ein; es geht letztlich um den Energiewechsel unserer gesamten Gesellschaft zu erneuerbaren Energien. Das ist das Ziel. Der Wechsel zu Ökostrom ist die persönliche Energiewende. Insofern ist das ein wunderbarer Anfang.


Lesen Sie Peter Unfrieds ersten Teil aus „Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“:

Wie ich ein Öko wurde

 


Foto: privat

Peter Unfried war ein lebensfroher Hedonist, der Ökos verachtete, wie sich das gehörte. Eines Tages stand er vor der Aufgabe, sein schönes Leben zu ökologisieren. Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.

Stand: 04.04.2008 von

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  • gelöscht am 28.09.2009 um 11:26 von admin
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    schrieb am 31.07.2008 um 07:52
    Liebe Utopisten,
    ich bezeichne mich vielleicht erst seit 2 Wochen als andersdenkender Mensch in utopistischer, ökologischer, ethischer Richtung.
    Hab mir dann auch vor zwei Wochen dieses Buch gekauft und fand es einerseits amüsant, andererseits spannend und außerdem noch informativ. Und auch wenn Unfried nicht der Kandidat ist, der mit Waschnüssen wäscht und bei Hess Natur kauft, sondern in die Gruppe der LOHAS gehört, womit sich ja eigentlich niemand identifizieren kann, auch dann sähe es in Deutschland GANZ anders aus, wenn alle so dächten wie Unfried. Und für alle die diese Gruppe von mittleren Oberschichtenökos kitisieren: DIE WELT BRAUCHT SIE:Man braucht ihr Geld um ökologische Artikel den Ärmeren überhaupt erst erschwinglicher zu machen. mehr weniger
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    schrieb am 07.04.2008 um 22:41
    mein Versuch P. Unfrieds (buchkonsumsteigernde) Kolumne und das Prinzip hinter der Utopia Aktiengesellschaft in vier Worte zu fassen.
    Hier geht es doch schlicht darum, dass Profis aus dem Medien und Marketingbereich, maßgeschneidert für die Zielgruppe der kaufkräftigen sogenannten LOHAS, die alles aber keine "GutelaunerunterziehÖkos" sein wollen , mit einer geballten Ladung an Marketing- und Medienkompetenz einen "Trend setten" wollen.
    Nach dem Motto: wir wollen was tun, damit sich was tut und was liegt da näher als mit dem anzufangen was wir am besten können und das dort wo am meisten Gewinn zu erziehlen ist: ein Onlineshop (siehe SZ Artikel) für Zielgruppe die 1. groß genug ist, 2. zahlungskräftig, und 3. mit Lust und gutem (Umwelt)Gewissen konsumieren möchte.
    Es lebe der Aktienkurs :-( mehr weniger
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    schrieb am 07.04.2008 um 14:52
    Ich habe Peter Unfrieds Buch mit Genuss gelesen, hat es doch neben vielen Informationen auch einen nicht zu vernachlässigenden Unterhaltungswert. Wie einige VorkommentatorInnen auch war ich ebenfalls irritiert, dass erst der Film von Al Gore die geschilderten Verhaltensänderungen ausgelöst haben soll. Aber geht es letztlich darum? Ich meine nein.
    Wichtig ist doch vielmehr, dass die eingeschlagene Richtung stimmt und Menschen, die sich wie der "alte" Peter Unfried jahrelang guten, aber oftmals auch stark moralisierenden Argumenten verschlossen haben, endlich positive Impulse erhalten und motiviert werden, ihr Verhalten zu ändern.
    Und dass das erst der Anfang ist und die Verhaltensänderung sogar mit Spaß und Genussgewinn verbunden sein kann, stellt Unfried m.E. überzeugend dar. mehr weniger
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    schrieb am 06.04.2008 um 16:59
    Mittlerweile halte ich es für sehr wichtig, zu den Begriffen Ökos oder Lohas Unterscheidungen einzuführen. So ist es jedenfalls unmöglich, die vielen Varianten des "ökologisch korrekten" Lebens auseinander zu halten.
    Man bedenke: Unterhalb eines Ökologischen Fußabdrucks von 1,8 Global Hektar, reicht die Erde für alle Erdbewohner. Deutschland liegt im Schnitt bei 4,9 Hektar. Doch wo liegen die Lohas?

    Leute, wie die Saulusversion Unfrieds (zwischen 5 und 15 Hektar) haben Leute, die Ökos aus Gewissensgründen sind, immer wieder versucht zu veräppeln und zeigten dabei nur ihre Gewissenlosigkeit..
    Ein Lohas bin ich eigentlich nicht, der durchschnittliche Lohas geht mir, und auch der Biosphäre, nicht weit genug. Leute, die sich nur umstellen auf andere Kühlschränke und Autos, Bioladen und Biokleidung, sind geschichtlich betrachtet eher vernachlässigbar wie Yuppis oder Golfgeneration, auch wenn sie so dick auftragen, wie Vizetazler Unfried.
    Wie groß ist übrigens sein Ökologischer Fußabdruck? Nimmt er sich von den Ressourcen dieses Planeten immer noch mehr, als ihm zusteht?
    Leider gibt es im Netz noch keinen Footprint-Rechner, der individuelle Verhaltensarten außerhalb des Durchschnitts berücksichtigen kann. Einen solchen müsste man entwickeln.
    Dort würden Paulus-Unfried, der oberflächliche Al Gore ( -bewegt sich mit seiner Kritik nur in den Fesseln der herrschenden Verschwendungsökonomie-) und viele andere aus der unübersichtlichen Lohasgemeinde ziemlich nackt aussehen.

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