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25 Jahre Tschernobyl

Tschernobyl in Deutschland – immer noch strahlend


C. H.: Da sich Cäsium gut an Tonminerale anbinden kann, steht es heute in unseren überwiegend tonhaltigen Böden für die Aufnahme durch Pflanzen kaum noch zur Verfügung. Außerdem ist das Cäsium in den Ackerböden durch Ernten zum Teil ausgetragen und durch regelmäßiges Pflügen und Vermischung mit tieferen Schichten für die Wurzeln kaum mehr erreichbar. Deshalb ist in unseren Ackerfrüchten, wie Getreide oder Gemüse, aber auch in Obst heute kaum noch eine radioaktive Belastung nachzuweisen.
 Anders ist die Situation in Wald- und Moorböden: Dort verbleibt das Cäsium in der Humusauflage oberflächennah mobil, wo es von den Pilzen und Pflanzen sehr gut aufgenommen werden kann. In den belasteten Regionen kann auch heute noch eine Cäsium-Belastung in bestimmten Pilzen von etwa 1500 Bq/kg Frischmasse gemessen werden. Wildschweine ernähren sich überwiegend aus dem Waldboden, da dort ihre Lieblingsspeise, der Hirschtrüffel zu finden ist. Hirschtrüffel können Cäsium extrem gut aufnehmen, sodass auch unsere Wildschweine eine extreme Belastung erreichen können. Es wurden Höchstwerte bis zu 70.000 Bq/kg Cäsium nachgewiesen. 
Im ungünstigsten Fall kann ein Pilz- und Wildliebhaber eine beachtliche zusätzliche Menge an Radioaktivität aufnehmen, wenn er gerne und oft z. B. Wildschweinbraten mit Waldpilzbeilage und Preiselbeeren zu sich nimmt.
 Bei einem Spaziergang z.B. im Bayerischen Wald ist man allein schon durch das Granitgestein einer vergleichsweise höheren radioaktiven Hintergrundstrahlung ausgesetzt. Durch Tschernobyl hat sich diese nur marginal weiter erhöht. Menschen, die dort leben, haben aufgrund der natürlichen Strahlung ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. Ein kurzzeitiger Aufenthalt trägt dagegen kaum zu einer Risikoerhöhung bei.

Schirmlinge und Waldchampignons nehmen kaum Cäsium auf

Stimmt es, dass Strahlung unterschiedlich stark von verschiedenen Pilzsorten aufgenommen wird?

C. H.: Ja. Von den Speisepilzen sind es vor allem Maronenröhrlinge und Semmelstoppelpilze, die das Radio-Cäsium besonders gut aufnehmen. Steinpilze und andere Röhrenpilze liegen zusammen mit Pfifferlingen etwa im mittleren Bereich und Schirmlinge oder Waldchampignons nehmen kaum Cäsium auf. 
Mehr Hintergrundinformationen dazu gibt es in unserer Broschüre „Pilz und Wild – Tschernobyl noch nicht gegessen“.

Wie steht es mit der Gewässerbelastung? Der größte See im Nordwesten Deutschlands, das Steinhuder Meer, weißt laut Jahresbericht zur Umweltradioaktivität 2009 noch immer eine vergleichsweise außergewöhnlich starke Cäsium-137-Belastung in den Schwebstoffen auf, sie liegt bei 240 Bq/kg. Ist es gefährlich hier zu baden?

C. H.: Binnenseen, insbesondere diejenigen ohne großen Ab- bzw. Durchfluss, aber gespeist von Bächen, wiesen nach Tschernobyl eine erhöhte Radioaktivität in den Schwebstoffen auf. Angenommen in einem Kubikmeter Wasser ist eine Menge von etwa zehn Gramm Schwebstoffen gemäß der angegebenen Aktivität verteilt, dann folgt daraus eine Belastung des Wassers von 2 Bq/m3. Baden wäre nur gefährlich, wenn man riesige Mengen Wasser verschluckt. Eine Kontamination von Haut und Haaren wäre nach anschließendem Duschen ebenfalls nicht zu befürchten.

Der Ostseeurlaub ist nicht gefährlich

Auch die Ostsee strahlt noch mit bis zu 38 Bq pro Kubikmeter. Sollte man den nächsten Badeurlaub also besser auf Sylt als auf Rügen verbringen? Sind Kinder beim Plantschen am Ufer und Sandburgenbauen gefährdet?

C. H.: Die Ostsee hat nur einen geringen Austausch mit der Nordsee oder dem Atlantik. Deshalb findet kaum eine Verdünnung von  Schadstoffeinträgen statt. Die radioaktive Belastung geht überwiegend auf die langjährigen oberirdischen Atomwaffentests, auf den Tschernobyl-Unfall und auf die Atomanlagen von Schweden, Finnland und Litauen zurück. Kieler und Mecklenburger Bucht sind geringer belastet als der östliche Teil der Ostsee. Die höchsten Belastungen sind vor den baltischen Ländern und im Finnischen Meerbusen anzutreffen. Ostseefische weisen deshalb auch eine geringe radioaktive Belastung auf. Gemessen wurden Cäsium-Belastungen von 3 bis 7 Bq/kg Fisch. Gegen einen Badeurlaub auf Rügen spricht kaum etwas. Es ist nicht davon auszugehen, dass große Mengen an Wasser verschluckt werden oder mögliche Kontaminationen an Haut und Haar nicht abzuwaschen wären.


Christina Hacker ist Vorstand beim Umweltinstitut München e. V., einem der größten überparteilichen Umweltschutzvereine Bayerns. Das Umweltinstitut München wurde 1986, unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegründet.

Lesen Sie auch auf Utopia:

Die Ostsee strahlt und in Bayern knattert der Geigerzähler

 

Gute Links:

Umweltinstitut München

Radioaktivität in Waldprodukten und anderen Lebensmitteln (Messergebnisse des Umweltinstituts München)

Radioaktivität in Lebensmitteln (Messergebnisse des Bayerischen Landesamtes für Umwelt)

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Thema: Erneuerbare Energien, Stand: 26.04.2011 von

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