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25 Jahre Tschernobyl

Tschernobyl in Deutschland – immer noch strahlend

Die Katastrophe von Tschernobyl jährt sich zum 25. Mal und auch Deutschland wird noch viele Generationen mit den Altlasten umgehen müssen. Utopia hat Christina Hacker vom Umweltinstitut München gefragt, wieso Tschernobyl in Deutschland "noch nicht gegessen" ist und ob ein Spaziergang im Bayerischen Wald eigentlich krank macht.


Umweltinstitut fordert Importstopp für japanische Lebensmittel

Utopia: Viele Menschen haben momentan Angst, radioaktiv verseuchte Nahrungsmittel aus Japan zu sich zu nehmen, obwohl die Grenzwerte mittlerweile gesenkt wurden. Das Umweltinstitut München fordert sogar einen vorübergehenden Importstopp. Inwiefern können ein paar Monate Importverbot evtl. einen Unterschied für den Verbraucher machen?

Christina Hacker: Damit kann zumindest eine Jod-131-Belastung bei uns ausgeschlossen werden. Die Aktivität von radioaktivem Jod-131, das  mit einer Halbwertzeit (HWZ) von 8 Tagen zerfällt, ist in relativ kurzer Zeit abgeklungen. Nach zehn HWZ ist nur noch 1/1000 der ursprünglichen Menge vorhanden. D.h., nach etwa drei Monaten ist der überwiegende Teil zerfallen. Allerdings gilt dies erst, wenn kein weiteres radioaktives Jod mehr aus den havarierten Reaktoren in Japan freigesetzt wird. Sobald die Reaktoren in den kalten Zustand überführt und die Emissionen gestoppt wurden, kann man damit rechnen, dass drei Monate später die Jod-Belastung keine Rolle mehr spielt.

Gibt es ein Radionuklid, das in japanischen Lebensmitteln eine besondere Gefahr darstellt?
 

C. H.: Da bis heute noch nicht genau bekannt ist, welche Radionuklide in welcher Menge freigesetzt wurden, kann man nur abschätzen. Gemeldete Messwerte beziehen sich auf Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137. Vom Tschernobyl-Unfall wissen wir, dass mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Beta-Strahler Stronium-90 und auch der Alpha-Strahler Plutonium freigesetzt wurden, wobei Plutonium bereits in geringsten Mengen extrem radiotoxisch wirkt, sobald es eingeatmet wird. 
Die Cäsium-Nuklide sind typische Muskel-Sucher, Jod reichert sich in der Schilddrüse an, Strontium lagert sich in den Knochen ein, also nahe an den blutbildenden Organen und ist deshalb besonders gefährlich. Nach Inkorporierung verweilen diese Nuklide für eine gewisse Zeit im Körper und können dort direkt unsere Zellen schädigen. 
Japanische Lebensmittel, die derzeit problematisch sein können, sind frische Blattgemüse, Milch und Milchprodukte, Trinkwasser und Fisch. Da aber kaum Lebensmittel aus Japan in die EU importiert werden, stellen sie für uns keine besondere Gefahr dar.

Grenzwerte werden immer wieder überschritten

Japan ist nicht die einzige Quelle radioaktiv verseuchter Lebensmittel. Auch aus Osteuropa kommen immer noch verstrahlte Pilze o. ä. Wie sieht es hier mit Grenzwerten aus? Wie hoch liegen diese und wer kontrolliert, ob sie eingehalten werden?

C. H.: Seit Tschernobyl gilt bei uns eine EU-weite Grenzwertverordnung für vom Tschernobyl-Fallout betroffene Lebensmittel. Diese besagt, dass für Säuglingsnahrung, Milch und Milchprodukte ein Höchstwert von 370 Bq/kg Cäsium nicht überschritten werden darf und für alle anderen Lebensmittel ein Höchstwert von 600 Bq/kg Cäsium. Lebensmittel, die den Höchstwert überschreiten, dürfen weder importiert noch in den Verkehr gebracht werden. Kontrollen werden von den zuständigen Behörden allerdings nur stichprobenartig durchgeführt. 
Das Umweltinstitut München untersucht neben heimischen Pilzen ebenfalls stichprobenartig Pilze, die auf unseren Märkten zum Kauf angeboten werden. Dabei haben wir immer wieder Grenzwertüberschreitungen festgestellt. D.h., man kann sich nicht darauf verlassen, dass alle bei uns im Handel angebotenen Waren die Grenzwerte einhalten.

Die Hälfte der ursprünglichen Belastung ist noch da

Es scheint so, als habe Deutschland den Fallout der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl verdrängt. Dabei strahlt es immer noch in Teilen des Landes. Süd-Bayern wird immer wieder als besonders betroffene Region genannt. In anderen Regionen kam es kleinflächiger ebenfalls zu starken Belastungen nach dem Fallout. Welche Regionen waren hier betroffen, wie stark wurden sie belastet? Und was ist heute übrig?

C. H.: In Deutschland war vor allem Südbayern und zum Teil auch der Süden von Baden-Württemberg vom Fall- und Washout der radioaktiven Wolke betroffen. Besonders kontaminiert wurden: Der Voralpenraum, insbesondere die Garmischer-/Murnauer Gegend, das Berchtesgadener Land, der Bayerische Wald und ein Gebiet in Südschwaben/Allgäu, das sich von Kempten/Memmingen über Augsburg bis nach Regensburg hinzieht. Dort, wo es damals stark geregnet hat, wurde die Radioaktivität ausgewaschen und in die Böden eingetragen. Relevant ist heute nur noch Cäsium-137 mit einer HWZ von 30 Jahren, sodass  in den kontaminierten Gebieten auch heute noch über die Hälfte der ursprünglichen Belastung vorliegt.

Ein Waldspaziergang ist auch in Bayern gesund

In welcher Weise gefährdet uns die Tschernobyl Strahlung hierzulande noch heute? Sind es der Wildschweinbraten und die Waldpilze? Oder ist bereits der Spaziergang im Bayerischen Wald weniger gesund, als man gemeinhin denkt?

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Thema: Energiewende, Stand: 26.04.2011 von

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