Kernig:

Russland wählt Miss Atom 2009



Die russische Atomlobby hat derzeit offenbar das, was Spieler einen "Lauf" nennen – eine Glückssträhne, einen Höhenflug. Erst Anfang Februar hatte der staatliche russische Atommonopolist Rosatom eine geplante "strategisch-globale Partnerschaft" mit dem Siemens-Konzern bekannt gegeben. Siemens,  soeben entkoppelt vom französischen Atomkonzern Areva, war zufällig gerade auf der Suche nach einem neuen Partner im Bereich Nukleartechnik.

Unter anderem mit deutscher Ingenieurskunst will Wladimir Putin sein Land also ins kommende, ins "neue und sichere" Atomzeitalter führen. Auch wenn man mitunter das Gefühl hat, eher Zeuge eines schwer nachvollziehbaren Retro-Trends zu werden. Umfragen aus den Jahren 1987 und 1988 ergaben, dass große Mehrheiten damals noch westdeutscher und sowjetischer Bürger gegen den Einsatz von Atomstrom und für den Ausbau regenerativer Energiequellen waren. Das muss wohl an der schlechten Stimmung gelegen haben, die damals im Zusammenhang mit Atomkraft aufkam, wenn man die "Tagesschau" eingeschaltet hat. Spätestens seit dem deutschen Atomkonsens, so hätte man denken können, waren wir uns einig, dass Atomenergie nicht gerade die sicherste Energiequelle darstellt. Andererseits gilt das auch für russische Gasimporte, wie erst vor kurzem erneut festgestellt wurde.

Miss Atombombe 1957Für die kommenden zwölf Jahre sind in Russland insgesamt 26 neue Atomkraftwerke der 1200-Megawatt-Klasse geplant. Sechsundzwanzig! Wie rechtfertigt eine Regierung solche Pläne gegenüber einem Volk, das sich zu Teilen noch immer von den Folgen der beiden schwersten Nuklearunfälle in der Geschichte, im russischen Majak und im ukrainischen Tscherbobyl, erholt?

Zum einen sicher über den unschlagbar günstigen Preis. Und zum anderen, indem sie sich etwas Nettes zur Ablenkung einfallen lässt. Einer der deutschen Entwürfe zur Imageverbesserung von Atomkraft war die Kampagne "Die ungeliebten Klimaschützer", in der berühmte Reaktoren inmitten malerischer Kulisse zu sehen waren und die den CO2-armen Betrieb der Kraftwerke pries. "Viel zu technischer Ansatz", dachte sich wohl in Russland Herr Kirijenko:
Bereits zum sechsten Mal veranstaltet die russische Atomlobby jetzt die prestigeträchtige Wahl der "Miss Atom 2009". Das ist ein Schönheitswettbewerb, an dem alle Frauen aus ehemaligen Sowjetländern teilnehmen dürfen, die in der Atomindustrie arbeiten oder irgendwas mit Atomen studieren. Böse Zungen könnten behaupten, es reiche zur Not auch ein aktiver Stromanschluss im eigenen Haushalt. Hauptsache hübsch.

Die Frauen bewerben sich auf der Website nuclear.ru, die Besucher der Seite stimmen über die Siegerin ab. "Die Idee hinter dem Wettbewerb ist, zu zeigen, wie viele wunderschöne junge Frauen in der Nuklearindustrie arbeiten", erklärt Kampagnenleiter Ilya Platonov. "Die Atomindustrie hatte lange ein schlechtes Image, und das Wort 'Atom' weckt bei vielen negative Gefühle. Das möchten wir mit der Miss-Wahl ändern."

Spontan erinnert die Miss-Wahl an die Wahl der Miss Atombombe in den Fünfzigerjahren, mit der die amerikanische Wüstenstadt Las Vegas eigentlich Touristen zu den anstehenden Atombombentests in der benachbarten Wüste locken wollte. Ein Plan, der nicht aufging. Komisch eigentlich, bei dem Bild (Miss Atombombe 1957, o.).

Statstik Atomausstieg Ja Nein Zeit Statista Balken DiagrammVon solchen Beispielen könnte sich das deutsche Atomforum e.V. doch mal ein Scheibchen abschneiden. Zwar wird der Ausstieg aus dem Ausstieg vor dem Hintergrund von CO2-Einsparmöglichkeiten und einer sich anbahnenden schwarz-gelben Regierungskoalition ab September 2009 immer wahrscheinlicher. Aber so ganz mögen die Deutschen sich noch nicht mit der Renaissance der Atomkraft abfinden. Laut einer Umfrage, die die "Zeit" kürzlich in Auftrag gegeben hat, ist der größere Teil der Bevölkerung - derzeit zumindest - gegen den Ausstieg vom Ausstieg. Dabei wäre die Lösung für das Imageproblem so einfach - Russland macht es vor: Leicht bekleidete Mädels posieren mit Brennstab und Kühlturm.
Oder Tierbabys – falls es Ärger mit den Gleichstellungsbeauftragten geben sollte –, zum Beispiel kleine Eisbären. Kommen auch immer sehr gut an ...

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<<< In der Galerie können Sie sich die Trägerinnen des Titels Miss Atom der Jahre 2004 bis 2008 anschauen. Viel Spaß.


Fotos: nuclear.ru, Las Vegas Review Journal

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    40033
    schrieb am 18.02.2009 um 17:51
    Also wenn ich mir das Mädel angucke, fällt mir vor allem die krumme Haltung und diese oschige Sonnenbrille auf. Wer sowas mitmacht, soll gefälligst auch Gesicht zeigen! Was ich tatsächlich widerlich finde, ist die eiskalte Berechenbarkeit der PR-Agenturen, die sich sowas ausdenken. Eine...
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    Jens.Hansen
    schrieb am 18.02.2009 um 14:43
    Es ist schon erstaulich, daß gerade in der Heimat von Tschernobyl eine solche Atomwerbung läuft. Glaubt man dort wirklich die Menschen vergessen so schnell?
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