Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.

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  • ertpol

    Wurde die Macht der Konsument_innen bei der Durchsetzung nachhaltiger Entwicklung in den letzten Jahren überbetont?

    Strategischer Konsum ist das Motto von Utopia...und das ist auch nicht schlecht so. Ich frage mich aber immer öfter, ob der Einfluss von Konsument_innen beim Thema "Weltrettung" bzw. Nachhaltigkeit nicht überbetont wurde.

    Es ist meiner Meinung nach nicht pessimistisch, die bisherigen "grünen" Errungenschaften als ernüchternd zu bezeichnen: Das 2°C-Ziel im Klimaschutz wird ganz offensichtlich nicht erreicht. In Bezug auf Unabhängigkeit vom Erdöl gibt es Ideen und Ansätze - keine Frage -, aber ein umfassender Wandel, wie ihn z.B. die transition town-Initiative umsetzen möchte, ist in weiter Ferne die Masse zu erfassen. Bio-Lebensmittel oder Produkte aus Fairem Handel haben bei allem "Boom" einen mickrigen Marktanteil; wenn sie den Weg in die Discounter finden, dann oft mit Standards, die aus Kompromissen entstanden sind (vgl. EU-Öko). Und das sind nur wenige Beispiele...

    Kurz gesagt: Bemühungen gibt es genug - die spürbare Wirkung fehlt!

    Ich denke, das ganze hat viel damit zu tun, dass Umwelt- und Klimaschutz sowie sozialverträglicher Konsum letztlich auf Freiwilligkeit beruhen. So bleibt es bei den fünf Prozent, die mehr oder weniger erfolgreich versuchen Nachhaltigkeit in ihre Konsummuster zu implementieren, während der Rest weitermacht wie bisher. Die CSR (Corporate Social Responsibility) von Unternehmen beruht alleine auf Freiwilligkeit; klimafreundliche und (un-)faire Ernährung gelten als Privatsache; Flugreisende zahlen keine Mehrwertsteuer und müssen den Umweltschaden nicht rechtfertigen, genau wie Autofahrende und Nicht-Öko-Strom-Beziehende.

    Seien wir ehrlich: Offensichtlich reichen freiwillige Maßnahmen nicht aus, um der Dringlichkeit der Klima- und Ressourcenprobleme angemessen Rechnung zu tragen. Liegt das Problem vielleicht nicht auch ein Stück in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft? - Es kann sich einfach nicht jede(r) intensiv mit Nachhaltigkeit beschäftigen, was im Moment aber notwendig ist, um nachhaltige Kaufentscheidungen zu treffen.

    In den letzten Jahren wurde die Rolle der Konsument_innen im Hinblick auf ökosoziale, also nachhaltige Entwicklung besonders hochgehalten. Politiker_innen sehen ihre Aufgabe als erfüllt an, wenn sie den Konsument_innen die größtmögliche Auswahl an nachhaltigen und eben auch nicht-nachhaltigen Produkten bieten. Sie wagen es nicht, von Unternehmen mehr als freiwillige CSR zu verlangen. Diese wiederum verweisen ebenfalls auf die Kund_innen, die ja die "Nachfrage vorgeben". Und auch aus der Öko-Bewegung selbst kommen die Forderungen an die Konsument_innen mit "Shopping die Welt zu verbessern".

    So richtig es auch ist Konsument_innen in die Pflicht zu nehmen - denn sie haben in der Tat Macht im Einkaufskorb -, im stetigen Verweis auf die Konsument_innen liegt auch eine Individualisierung der Verantwortung für nachhaltige Entwicklung bzw. eine Verdrängung von Diskursen um die Verantwortung von Politik und Unternehmen. Hatte Politik nicht irgendwann mal eine Regulierungsfunktion und die Aufgabe, gemeinwohloriente Regeln für ein friedliches - oder sagen wir doch gleich "nachhaltiges" - Zusammenleben aufstellen? Unternehmen jedenfalls profitieren von der Freiwilligkeit.

    Deshalb ist meine nunmehr fast schon rhetorische Frage, ob es nicht an der Zeit für die Öko-Bewegung (so innerlich heterogen sie auch sein mag) ist, die Aufmerksamkeit auf die häufig regressiven Diskurse und Praktiken in Politik und Wirtschaft zu richten und endlich verbindliche Regeln einzufordern? Können wir einen nachhaltigen Wandel herbeiführen ohne ihn gesetzlich zu unterfüttern? - ich glaube kaum.

    Mein Fazit: Konsument_innen haben Macht und es ist wichtig für ihre Verantwortung zu plädieren, aber dabei sollte nicht vergessen werden, dass es in Politik und Wirtschaft ebenso machtvolle, oder individuell gesehen sogar viel mächtigere, Akteure gibt. Ohne eine politisch forcierte Internalisierung ökologischer und sozialer Kosten in Preise wird es keinen merklichen - oder in Bezug auf den Klimawandel "rechtzeitigen" - nachhaltigen Wandel geben.

    Wie sieht das die Utopia-Community - wurde die Macht der Konsument_innen überbetont?

    Gefragt von
    ertpol
    am 07.August 2012, 18:14 | 5 Antworten

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  • Robinson

    Was unsere Verbrauchermacht angeht, von Politikern "verbindliche Regeln einzufordern" könnte man sicher mehr tun als alle 4 Jahre abzustimmen, welcher Partei man es zutraut eine ökologische Wende herbeizuführen. Das Problem auf gesellschaftlicher Ebene ist m.M., dass ständig neue Problemfelder aufgerissen werden und am Kochen gehalten werden. Es finden Stellvertreter-Diskussionen statt wie beim ersten Atomausstieg unter Rot-Grün, vor einem Jahr nach Fukushima und dazwischen mit der gesamten CO2-Debatte auf der Wegbestimmung innerhalb der EU.

    Inzwischen schaut der Konsument bereits grimmig, wenn eine neue EU-Verordnung kommt, weil es neben den anderen Bestimmungen nahezu unübersichtlich geworden ist, welche Reformen sich die EU-Verantwortlichen dieses Mal ausgeheckt haben. Diese Klima ist m.M. kontraproduktiv für eine Renaissance einer ökologischen Neubestimmung. Es wird den EU-Bürgern schon einiges abverlangt. Die Finanz- und Schuldenkrise tut ihr Übrigens, den Reformgeist auf Sparflamme zu setzen, es kommen so viele Unwägbarkeiten in das Konsumentenleben, dass (wieder einmal) die Ökologie auf´s Abstellgleis gerät, alles wird der wirtschaftlichen Stabilität untergeordnet.

    Umso wichtiger sind Vorbilder, überzeugende Alternativen ... in diesem Zusammenhang sympathisiere ich persönlich mit der Gemeinwohl-Ökonomie, siehe Pioniere:
    http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/unternehmen/pionier-unternehmen/

    Nachhaltigkeit steht nicht im Zentrum, es ist leider nur das i-Tüpfelchen, sobald die Zahlen stimmen. Mit der Energiewende ist eine Bewegung entstanden, die ausstrahlen kann in andere Bereiche der nachhaltigen Gestaltung, das macht mir Hoffnung. Der Elektro-Motor im PKW gewinnt die Herzen der PS-dominierten Käuferschichten, "grüne" Produkte gelten zunehmend als begehrenswert, zwar noch überwiegend in der LOHAS-Klientel, nichtsdestotrotz weitet sich meiner Beobachtung nach die Angebotsvielfalt aus.

    Sollte dies alles nur ein Bedürfnisbefriedigung einer Modeerscheinung sein ?

    Konsumenten sind keine Idealisten und Überzeugungstäter, die ihre Prinzipien durchsetzen wollen. Sie wollen konsumieren, am besten jetzt sofort, der utopisch-ökologische Konsument will bitteschön das ökorrekteste Produkt, selten begnügt man sich mit einer guten Alternative wie zu Öko-Knigge-Zeiten. Konsumenten haben ein begrenztes Budget und eine begrenzte Aufschiebbarkeit für den Konsum. Damit sind sie im Zweifel dem langen Atem der politischen Wahlversprechen unweigerlich unterlegen.

    Es wird abgewrackt, solange es noch die "Umweltprämie" gibt, das muss reichen als politische Unterstüzungsverhalten für den Zeitraum einer Wahlperiode. Wo die Weiter-So-Politik vom Konsumenten nichts weiter verlangt als Ja und Amen, wollen die Umweltaktivisten Abschalten=Alternativen-Sofort, ein Portal wie Utopia besetzt das weite graue Band zwischen den Extremen.

    Der Changemaker-Prozess geht langsam vonstatten, global player wie IKEA steigen aus, mir ist nicht einmal ansatzweise klar, welche Rolle noch die Utopisten (Konsumenten besonderer Art) in dem Changemaker-Prozess mitspielen dürfen. Fragen stellen können und Interesse bezeugen reicht eigentlich nicht.

    Ob mehr als Freiwilligkeit auf gesellschaftliche Akzeptanz stösst ? In Zeiten der wirschaftlichen Unsicherheit (wie aktuell) sind Verbindlichkeiten sicher erwünscht, doch was wäre in 2-3 Jahren beim nächsten "Aufschwung" ? Dann sind Verbindlichkeiten wieder lästig. Ähnlich in der Sicherheitsdiskussion, Terror-Anschlägen weichen den Widerstand gegen polizeistaatliche Allüren auf. So dürfte es den Öko-Gesetzen ergehen, Maßnahmen gegen Giftbelastungen in Eiern, Gemüsen und Fleisch, Verbote bzgl. Massentierhaltungen dürften große Zustimmung erhalten, falls man sie argumentativ sinnvoll begleitet.

    So viele Umweltschutzmaßnahmen wären finanzierbar, falls denn die Verschwendung auf anderer Seite nicht die Mittel aufbrauchen würde. Die EU-Integration dient dem Völker- und kulturellen Verständnis und sichert den Frieden bis hin zur politischen Stabiltät weltweit, davon bin ich überzeugt, die Umwelt kommt dabei zu kurz. Die aufregende Gegenwart und Zukunft, durch täglich neue Nachrichten und gewaltbetonte Staats-Krisen u.v.a.m., lenkt erfolgreich ab von dem Ziel einer ökologischen Umgestaltung. Den Menschen auf der Straße ist Ökologie kein zentrales Ziel, als Konsumenten hingegen sind sie erreichbar für nachhaltige Produkte und Herstellung. Dieses Dilemma aufzulösen sehe ich einzig in den Nachwirkungen der politischen Beteiligung von "grüner" Politik.

    Die politschen Akteure jedoch für diese "grüne" Politik sehe ich aus o.g. genannten Gründen eingebunden im Sinne von "in Beschlag genommen" durch die drängenderen Probleme. Ebenso den Bedarf von Seiten der Wählerschaft, deren Wünsche und Zukunftsvorstellungen neu zu formulieren. Gelingen wird es vermutlich nur im Paket mit den Zielen mehr Demokratie, mehr Beteiligung der Bürger.

    Degradiert zum Konsumenten wäre das Scheitern gewiß.

    Beantwortet von Robinson am 08.August 2012, 13:44
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  • Maria_L

    Ich denke, es wird nicht die Macht des Konsumenten überbetont, sondern die Bereitschaft üer nachhaltige Themen überhaupt nachzudenken, geschweige denn, das Verhalten zu ändern wird leicht überschätzt.

    Zu Zeiten von EHEC letztes Jahr habe ich eine Umfrage gehört, wonach nur 30% der Leute sich überhaupt dafür interessieren, was sie essen...
    Das bedeutet nicht, daß 30% über Nachhaltigkeit beim Essen nachdenkt, sondern über Genuss und Gesundheit, also die rein egoistischen Themen.

    ----sorry, ich wollte mir nicht selbst einen Lesenswertpunkt verpassen, sondern auf Editieren klicken ----

    Beantwortet von Maria_L am 08.August 2012, 17:09
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  • Christian Silberhorn

    Das Scheitern der Politik zeigt sich doch auch bei Rio+20.
    Neben dem Abwälzen der Verantwortung auf den Verbraucher ist jetzt noch ein weiterer "Freiwilliger" gefunden worden, die sog. "Green-economy".
    Was die Politik wegen Feigheit und blindem Lobbyismus nicht geregelt bekommt, sollen Verbraucher und Firmen in tiefer Einsicht in das Gute und Notwendige freiwillig tun.
    Wenn´s nicht klappt, dann sind die Verbraucher selbst schuld.
    Nach mir die Sintflut!

    Beantwortet von Christian Silberhorn am 09.August 2012, 16:53
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  • Randolph_Carter

    Toller Artikel! Wichtige Fragen! Ich denke ebenfalls, dass die "Konsumentenmacht" oftmals überbewertet wird. Es gibt einfach Grenzen, die dem Konsumenten gesetzt sind: Grenzen der Information, Grenzen des Angebots, finanzielle Grenzen, zeitliche Grenzen...
    Die regulierende Basis (Gesetze) muss eine echte parlamentspolitische Dimension haben, was natürlich Bürgerbeteiligung und Mitgestaltung nicht ausschließen darf. Sprich, die Gesetze müssen stimmen - und das tun sie leider nicht immer, weil die Entscheidungen zu sehr von wirtschaftlichen Interessen und Lobbys abhängig sind.
    Darüber hinaus finde ich, dass man nicht unbedingt immer von einem ganztags arbeitenden Menschen mit Familie erwarten kann, dass er sich in seiner knappen Freizeit mit Ökobilanzen von Getränkeverpackungen und den Unterschieden im Biolandbau beschäftigt.

    Beantwortet von Randolph_Carter am 16.August 2012, 11:59
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  • werner stickler

    Gegenfrage: Wie erreichen wir die "politisch forcierte Internalisierung ökologischer und sozialer Kosten in Preise"?

    Beantwortet von werner stickler am 09.August 2012, 16:38
    • ertpol

      ...naja, meine Frage zielt auch darauf ab, wie sich Akteure der Öko-Bewegung strategisch ausrichten....mehr

      ertpol am 09.August 2012, 19:12
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