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Karnismus
derStandard.at: Warum sollte es Menschen interessieren, über diese Ideologie nachzudenken?
Joy: Karnismus ist auch eine gewalttätige Ideologie, denn Fleisch kann nicht ohne Töten produziert werden. Da die meisten Menschen Gewalt ablehnen, haben wir eine Reihe psychologischer und emotionaler Verteidigungsmechanismen entwickelt. Karnismus lehrt einen, wie man nicht fühlt, indem Tiere in "essbar" und "nicht essbar" eingeteilt werden.
Dadurch wird auch unser Ekelgefühl unterdrückt. [...]
derStandard.at: In Ihren Vorträgen weisen Sie darauf hin, dass nicht nur Tiere Opfer der Fleischindustrie sind.
Joy: Die Nutztiere sind nur die offensichtlichsten Opfer. Doch auch die menschlichen Opfer werden außerhalb des öffentlichen Bewusstseins gehalten. Auch die Arbeiter in Schlachtbetrieben sind teilweise Opfer. In den USA sind es zum Beispiel sehr oft Immigranten. Die Arbeit ist sehr riskant und so gefährlich, dass Human Rights Watch im Jahr 2005 in einem Bericht einen einzigen Industriezweig kritisiert hat, dessen Arbeitsbedingungen so entsetzlich sind, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden. Es handelte sich um die Fleischindustrie.
derStandard.at: Auch wenn die Mechanismen vielleicht vielen Menschen klar sind, werden kaum alle aufhören, Fleisch zu essen. Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
Joy: Es geht mir nicht nur darum, dass die Menschen über die Bedingungen der Fleischproduktion aufgeklärt werden, sondern auch darum, dass ihnen klar wird, nach welchen Mechanismen sie ihre Entscheidungen treffen. Ohne Bewusstsein darüber können wir unsere Entscheidungen nicht wirklich frei treffen.
Wenn wir es nicht schaffen, die Mechanismen zu erkennen, die allen gewalttätigen Ideologien zugrunde liegen, sind wir dazu verdammt, die Gräuel in anderen Erscheinungsformen immer wieder zu reproduzieren. Wir können Gerechtigkeit überall praktizieren, auch auf unseren Tellern.
Wie wahr - und wieder ist Aufklärung gefragt.
Das Interview gefällt mir wirklich ausgesprochen gut! Ich finde es auch sehr originell, dem Glaubenssystem, dass tierische Produkte wichtig seien für unsere Ernährung, einen eigenen Namen zu geben. So haben eben auch Leute, die Fleisch essen ihren -ismus ;-)
In den Kommentaren zum Interview findet sich ein Link zu einem interessanten Dokument: Der Mensch: Ein Allesfresser oder Vegetarier? Was berühmte Naturforscher darüber denken.
Ergänzend gibt es hier auch noch ein Dokument, dass erklärt, was unter Karnismus zu verstehen ist: http://www.carnism.com/was-ist-karnismus.pdf
Zitat Anfang
Wieso also wurde das Phänomen „Karnismus“ bis heute nicht benannt? Ein Grund ist derjenige, dass es schlicht einfacher ist, Überzeugungssysteme, die außerhalb des Mainstreams liegen, zu erkennen. Ein weitaus wichtiger Grund ist jedoch der, dass Karnismus ein dominierendes Überzeugungssystem ist – ein Überzeugungssystem, das so verbreitet und fest verwurzelt ist, dass seine Grundsätze eher als gesunder Menschenverstand erachtet werden, „halt so wie die Dinge sind“, denn als Set weitverbreiteter Meinungen.
Karnismus ist auch ein gewalttätiges, ausbeutendes Überzeugungssystem; es baut auf die intensive, umfassende und unnötige Gewalt gegenüber und Ausbeutung von Tieren auf. Sogar die Produktion von sogenanntem human produziertem Fleisch (und anderen tierischen Produkten), ein winziger Bruchteil des heute weltweit produzierten Fleisches, beutet Tiere aus und bezieht oft Gewalt mit ein.
Die Grundsätze des Karnismus laufen den Grundwerten der meisten Menschen, die nicht willentlich die Ausbeutung anderer unterstützen oder diese Gewalt gegenüber fühlenden Lebewesen dulden würden, zuwider. Folglich muss Karnismus, wie andere, gewalttätige Überzeugungssysteme, sich selbst verstecken um die Beteiligung der breiten Masse zu sichern. Ohne allgemeine Unterstützung würde das System kollabieren.
Zitat Ende
Ich fand es zugegeben auch amüsant, aber irgendwo hat die Frau ja Recht damit, dass unsere Essensgewohnheiten beim genaueren Hinsehen ziemlich paradox sind, auch wie wir verschiedene Tiere beurteilen.
derStandard.at: Wieso ist es gesellschaftlich akzeptiert, Beine von Lämmern zu essen, während kleine Katzen in Europa seltener am Teller landen? Es handelt sich in beiden Fällen um junge Tiere.
Melanie Joy: Das war die Frage, die ich mir gestellt habe, als ich meine Doktorarbeit in Psychologie geschrieben habe. Ich bin mit einem Hund aufgewachsen, den ich wie ein Familienmitglied geliebt habe. Andererseits wuchs ich auch mit Fleischkonsum auf. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie widersprüchlich es eigentlich ist, dass ich mit einer Hand meinen Hund streichle und mit der anderen ein Stück Schwein esse - ein Tier, das genauso klug wie ein Hund ist.
derStandard.at: Sie haben in diesem Zusammenhang den Begriff "Karnismus" geschaffen. Können Sie erklären, was er beinhaltet?
Joy: Im Laufe meiner Arbeit habe ich Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Schlachter, Fleischhauer und auch Menschen, die ihre eigenen Tiere aufziehen und schlachten, interviewt. Meine Erkenntnis war, dass wir es mit viel mehr zu tun haben als nur mit individuellen Meinungen, wenn es um das Thema Fleischindustrie geht. Wir folgen einem unsichtbaren Glaubenssystem.
Wenn wir aber einer Sache keinen Namen geben, bleibt sie unsichtbar und wir können sie auch nicht hinterfragen. Ich habe das im Rahmen meiner Arbeit "Karnismus" genannt. Wir neigen dazu, nur Ideologien zu benennen, die abseits des Mainstreams liegen. Doch auch hinter dominanten Kulturen liegt eine Ideologie verborgen. Es ist diese Mentalität von Dominanz und Unterwerfung, die es ermöglicht, "jemanden" in "etwas" zu verwandeln. Oder ein Leben in eine Produktionseinheit zu verwandeln.
Für mich ist originell nicht gleichbedeutend mit amüsant. Eher im Gegenteil: Die Autorin durchbricht damit eine Konvention, der ich bislang auch gefolgt bin. Ich habe es bislang nicht als Glaubens-System verstanden, wenn Menschen weiterhin auf tierische Produkte bestehen. Bei genauer Betrachtung ist es aber genau das: ein Glaubens-System.
Einfach großartig!
"Für mich ist originell nicht gleichbedeutend mit amüsant." Das war auch eher zynisch gemeint im Sinne von meinem kohlrabenschwarzen Humor. ;)
Vielen Dank Polarnacht für dieses Thema.
Und vielen Dank lukita für den Link.
LG
Zitat
Joy: Karnismus ist auch eine gewalttätige Ideologie, denn Fleisch kann nicht ohne Töten produziert werden. Da die meisten Menschen Gewalt ablehnen, haben wir eine Reihe psychologischer und emotionaler Verteidigungsmechanismen entwickelt. Karnismus lehrt einen, wie man nicht fühlt, indem Tiere in "essbar" und "nicht essbar" eingeteilt werden.
Dadurch wird auch unser Ekelgefühl unterdrückt. [...]
/Zitat Ende
Diese Mechanismen sind meiner Meinung nach aber eher neu. Als vor noch 100 Jahren viel mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig waren, waren sie sicher auch öfter mit dem Tod (nicht nur von Tieren, auch von Menschen) konfrontiert als wir heute. Selbst in noch jüngerer Vergangenheit wurden Hasen (Kaninchen?) häufiger selbst geschlachtet als heute. In unserer jetzigen Gesellschaft wurde der Tod verdrängt, auch Menschen sterben meistens irgendwo still, von der Familie entfernt. Gäbe es mehr vom alltäglichen Kontakt mit den Tieren, die man isst und die man selbst tötet, gäbe es bestimmt auch nicht dieses Ekelgefühl. Fleisch wird ja nicht erst gegessen, seit es Massenschlachthöfe und Supermärkte gibt.
Mit der Einteilung könnte sie recht haben, wobei diese von der Kultur abhängt. Für manche mag eine Kuh heilig sein oder ein Schwein unrein (beide Seite der Facette, wobei die Gründe oft tiefer in der Geschichte liegen). Unsere treuen Gefährte, die Hunde, die uns in vielen Bereichen helfen, werden wir auch nicht essen. Wobei was z.B. Hunde und Katzen betrifft, könnte das in gewisser Weise auch ein natürlicher Respekt vor anderen Jägern sein. Wirbeltiere, die Wirbeltier fressende Jäger zumindest als Hauptnahrungsquelle haben, fallen mir jetzt nicht ein und sind zumindest selten. Wölfe jagen Rehe, Löwen Gazellen, Wildkatzen Mäuse, aber Wölfe fressen z.B. generell keine Füchse.
Den von lukita verlinkte Artikel finde ich interessant, danke. Allerdings verstehe ich den letzten Abschnitt für die Zweifler nicht. Das ist ja eher ein Argument dafür, dass Menschen, obwohl sie von Natur aus ursprüngliche Früchtefresser sind, heute Fleisch essen können, weil sie auch z.B. unnatürlicherweise Brillen tragen oder sich vor einen Computer setzen. Wobei bedenkt werden muss, dass diese Ernährungsweise lange Zeit nur in Afrika möglich war. Denn in Europa wird sich kaum ein Mensch das ganze Jahr lang nur von Früchten ernährt haben können, zumal unsere größten heimischen Früchte, wie der Apfel, selbst zur Zeit der Kelten winzig waren und kaum als Nahrung geeignet waren - nehme ich mal an. Er konnte mMn auch nicht mit seinen biologischen Voraussetzungen - der nackten Haut - in Europa überleben, spätestens in der Eiszeit. Laut dieser Argumentation gehört auch Getreide nicht zu unserer natürlichsten Ernährung.
Wirklich gute Idee dem Fleischessen auch einen Namen zu geben, echt interessant wie ein Name aus einem "normalen" Verhalten eine Idiologie macht und wie Kritik auf einmal ganz anders klingt.
Ich glaube dass Menschen eher das vegane Leben anfangen, wenn das Töten der Tiere im verborgenen passiert und nicht auf unserer Auffahrt. In zahlreichen Ecken der Welt kaufen die Leute auf Märkten ein, auf denenen die Tiere vor den Augen der Kunden zerlegt und ungeschönt ausgestellt werden, ohne moralische Bedenken. Wenn wir alle von Anfang an wüssten was passiert, käme nie der Schock um die Wahrheit betrogen worden zu sein und wir müssten uns eingestehen, dass das was wir zuvor bei vollem Wissen moralisch verantwortet haben, auf einmal unmoralisch sei.
Und ich finde die Frage, ob es "natürlich" ist vegan zu Leben, ist gänzlich irrelevant, es geht schließlich um Ethik (und Umweltschutz..).
In dem Film "Earthlings" habe ich das Zitat gelesen: "Solange es Schlachthäuser gibt, solange wird es auch Schlachtfelder geben" (von Tolstoi) - ich finde, da ist etwas wahres dran - ein oftmals bedenklicher Mangel an Mitgefühl bei Menschen, sei es gegenüber (manchen oder allen) Tieren oder (unter bestimmten Umständen) gegenüber anderen Mitmenschen.
Ich denke auch, dass viele Fleischesser einfach nicht darüber nachdenken, was ihrem Fleischgenuss alles vorausgeht. Das wird alles verdrängt und ausgeblendet und dann höre ich immer nur "Ich könnte nie darauf verzichten, es schmeckt ja so gut..." Mir würde bei dem Gedanken an Schlachthäuser der Appetit vergehen.

