Eine britische Studie zeigt, wie der zunehmende Naturmangel die Gesundheit von Kindern schädigt.
Die oft beklagte Naturentfremdung vieler Kinder hat mittlerweile einen Namen: Der US-Amerikaner Richard Louv prägte 2005 den Begriff „Natur-Defizit-Syndrom“ („nature deficit disorder“). Alarmierende Folgen der Entwicklung seien zum Beispiel eine Verkümmerung der Sinnesleistungen, Konzentrationsprobleme sowie eine höhere Anfälligkeit für physische und psychische Erkrankungen.
Nun belegt eine Studie des britischen National Trust das Ausmaß der Probleme. Demnach sind Kinder in Großbritannien besonders stark betroffen – allerdings dürfte die Tendenz in Deutschland ähnlich sein. Um sagenhafte 90 Prozent ist seit den 70er-Jahren der Radius um das Elternhaus herum geschrumpft, in dem sich die Kinder unbeaufsichtigt bewegen dürfen. Die Hälfte der Erziehungsberechtigten würden ihren Nachwuchs am liebsten vor dem 14. Lebensjahr gar nicht allein vor die Tür lassen.
Während die Eltern die Gefahren des Straßenverkehrs oder Verletzungen beim aushäusigen Spielen fürchten, erliegen die Kinder oft der Anziehungskraft von Computern und Spielekonsolen. So verbringen 11- bis 15-Jährige inzwischen die Hälfte ihrer wachen Zeit vor Bildschirmen – siebeneinhalb Stunden täglich. Das entspricht einer Zunahme um 40 Prozent allein innerhalb des letzten Jahrzehnts. Gebündelt führt dies dazu, dass immer mehr Kinder zu „in Watte gepackten“ Stubenhockern werden. Das Sammeln wichtiger Erfahrungen wie etwa die Erprobung eigener Grenzen, die Ausbildung sozialer Fähigkeiten beim gemeinsamen Höhlenbauen und der Erwerb von Kenntnissen über die Natur und sich selbst kommen in der „cotton wool culture“ zu kurz.
Unter der Entwicklung leidet die Gesundheit der Menschen. Seit 1970 sind in Großbritannien die Zahlen der von Fettleibigkeit, Selbstverletzungen und psychischen Gesundheitsproblemen Betroffenen signifikant gestiegen – die Studie sieht einen direkten Zusammenhang der Fettleibugkeit vieler Erwachsener mit dem Outdoor-Defizit in ihrer Kindheit. Sie schildert darüber hinaus, wie erschreckend wenig viele Kinder über die heimische Tierwelt wissen: 50 Prozent waren nicht dazu in der Lage, eine Biene von einer Wespe zu unterscheiden.
Das Natur-Defizit-Syndrom ist zwar medizinisch nicht als Krankheit anerkannt, die Autoren der Studien halten den Begriff aber dennoch für nützlich – und plädieren dafür, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. So empfiehlt die Studie zum Beispiel den Lehrern, wo immer möglich, die Schulstunden im Freien abzuhalten, und sei es im angrenzenden Stadtpark. Auch Eltern zeigten schon Initiative und gründeten beispielsweise die Gegenbewegung „No Child Left Inside“.
ZOË ASCHENBACH
Unser Autor Andreas Weber fordert im Greenpeace Magazin 2.11. „Kinder müssen draußen spielen“ und gibt 15 Tipps für Eltern. Erhältlich ist das Heft in unserem Warenhaus. Im nächste Woche erscheinenden neuen Greenpeace Magazin schreibt Andreas Weber zu einem ähnlichen Thema: „Wie spreche ich mit meinen Kindern über die Krise der Natur“.
Quelle: http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=5020&tx_ttnews[tt_news]=135451&cHash=3e72b203a225440f3d853be06daed2d1

