(1) Gesundheitliche Gefahren für den Menschen lassen sich kaum belegen
(2) Warum sich die Gentech-Industrie in Europa gegängelt fühlt
Süddeutsche Zeitung, 12.06.2012, Seite 2
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Streit um grüne Gentechnik
Befürworter der Gentechnik versprechen gesündere Lebensmittel und bessere Ernten, manche sogar das Ende des Hungers in der Welt. So groß die Hoffnungen auf anderen Kontinenten sind, so groß sind in Europa die Ängste. Die Politik hat der Technologie deshalb enge Grenzen gesetzt. Lebensmittel dürfen keinerlei Spuren von gentechnisch veränderten Organismen aufweisen, die nicht zugelassen sind. Die EU will diese Regel aufweichen – was Verbraucherministerin Ilse Aigner nun aber verhindern will. Die CSU-Politikerin verärgert damit ihre Koalitionspartner, wobei sie weiß: Die öffentliche Meinung ist auf ihrer Seite.
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Das Risiko, nichts zu wissen
Gesundheitliche Gefahren für den Menschen lassen sich kaum belegen, doch noch sind die Folgen der Gentechnik in Lebensmitteln zu wenig erforscht
Von Christina Berndt
Insulin aus dem Bioreaktor. Impfstoffe, von Einzellern produziert: Wenn es um medizinische Fragen geht, haben die Deutschen recht wenig gegen Gentechnik einzuwenden. Anders als diese „rote Gentechnik“ ist die „grüne Gentechnik“ auf Feldern und in Kuhställen vielen Bürgern aber nicht geheuer. Weshalb das so ist, lässt sich ziemlich leicht erklären: Ein Nutzen ist für den Verbraucher kaum erkennbar, die Risiken aber sind auch rund 30 Jahre nach der Züchtung des ersten GVO, des ersten „gentechnisch veränderten Organismus“, nicht ausreichend geklärt. Und von solchen Risiken gibt es zwei große Komplexe, die beide das Leben der Verbraucher wesentlich tangieren: Es geht um die Gesundheit und um die Umwelt.
In puncto Gesundheit, das müssen auch seriös arbeitende Gentechnik-Gegner weithin einräumen, scheint die Gefahr, die von Gentech-Nahrungsmitteln ausgeht, zumindest nicht dramatisch zu sein. Wenn es eine klar umrissene gesundheitliche Auswirkung von Gentech-Pflanzen gibt, dann ist es eher eine lebensrettende: In ländlichen Regionen Asiens und Afrikas kippen jedenfalls weniger Landarbeiter tot auf dem Feld um, seitdem sie dort gentechnisch veränderte Baumwolle anbauen, die auch dann gedeiht, wenn man sie mit weniger Pflanzenschutzmitteln einsprüht. Einen ernsthaften Nachweis einer Gesundheitsgefährdung durch gentechnisch veränderte Nahrungspflanzen hat es dagegen bisher nicht gegeben.
Aus Sicht zahlreicher Wissenschaftler sind schwerwiegende gesundheitliche Folgen auch kaum denkbar. Schließlich unterscheiden sich Gentech-Pflanzen nur in ihrer Erbgutsequenz und manchen Eiweißen von ihren natürlichen Pendants. Im menschlichen Magen-Darm-Trakt angekommen, bleibt davon nicht viel übrig. Im Jahr 2009 hat denn auch die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) eine weithin diskutierte Stellungnahme abgegeben, wonach sie sich für eine neue, freizügigere Politik rund um die grüne Gentechnik einsetzte. Der Verbraucher sollte nach dem Willen der Wissenschaftler um die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard „darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass bereits über 70 Prozent der heute am Markt befindlichen Lebensmittel auf unterschiedliche Weise mit Gentechnik in Berührung gekommen sind, zum Beispiel über die Tierfütterung, durch Lebensmittelzusatzstoffe und Medikamente, dass dies aber keinerlei negative Auswirkungen auf seinen Gesundheitszustand oder seine Befindlichkeit hat“.
Allerdings hält die Wissenschaft immer noch Überraschungen bereit. So zeigte sich vor Kurzem, dass genetische Information aus Pflanzen womöglich doch Auswirkungen haben kann, wenn sie mit der Nahrung aufgenommen wird: Bei Mäusen beeinflusste die sogenannte Mikro-RNA der Pflanzen plötzlich die Regulierung der tierischen Gene. Eine Beobachtung, die allerdings bisher eher von erkenntnistheoretischem Interesse ist.
„Am auffälligsten sind bisher immer noch die immunologischen Befunde“, räumt daher auch Christoph Then ein, Gentechnik-Experte von Testbiotech, einem Institut für Technikfolgenabschätzung. Studien an verschiedenen Tieren – von der Maus bis zum Schwein – hätten inzwischen belegt, dass das Immunsystem reagiert, wenn Gentech-Lebensmittel in den Verdauungstrakt geraten. Ob und welche Folgen das habe, sei aber unklar.
Genau das ist das bisher größte Problem rund um das Thema Gentech-Lebensmittel: Allzu viel ist unklar. Auch 16 Jahre nach der Zulassung der ersten Gentech-Maispflanze weiß die Wissenschaft zu wenig. Langzeitstudien fehlen fast völlig. Es gibt nicht einmal verlässliche Standards, die festlegen würden, welche Studien mit welchen Schwerpunkten denn für eine vernünftige Risikobewertung nötig seien, beklagt ein Mitarbeiter des Bundesamts für Naturschutz.
Derweil verändern Gentech-Pflanzen rund um den Erdball die Natur. „In manchen Regionen haben wir bereits die Kontrolle über die Verbreitung solcher Pflanzen wie Raps, Reis, Mais und Pappeln verloren“, sagt Christoph Then. Allein in Europa sind mittlerweile 45 Arten zugelassen, darunter 26 Maissorten. Sie kreuzen sich mit Wildpflanzen oder verändern das Artenspektrum der Schädlinge. Das Problem: Einmal ausgesetzt, lassen sie sich nicht mehr zurückholen.
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(2)
Pflanzen des Zorns
Warum sich die Gentech-Industrie in Europa gegängelt fühlt – und Verbraucherschützer jede Lockerung der Regeln ablehnen
VON Daniela Kuhr und Silvia Liebrich
Umfragen bestätigen es immer wieder: Anders als in anderen Teilen der Welt lehnen die Verbraucher in Europa die grüne Gentechnik mehrheitlich ab. Die einen aus Sorge um ihre Gesundheit, andere aus Sorge um die Umwelt und wieder andere, weil sie derartige Eingriffe in die Natur für unethisch halten. Während auf immer mehr Feldern in Nord- und Südamerika und auch Asien gentechnisch veränderte Pflanzensorten angebaut werden, entzweit hierzulande die Diskussion über diese Technologie nicht nur Konsumenten, Wissenschaftler und Umweltschützer – sondern zunehmend auch die schwarz-gelbe Koalition. Das wurde am Montag deutlich, ausgelöst durch Äußerungen von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner.
Die CSU-Ministerin hatte deutlich gemacht, dass sie Pläne der EU-Kommission ablehnt, nach denen die strengen Regeln für Gentechnik in Lebensmitteln aufgeweicht werden sollen. Bislang dürfen Lebensmittel in Europa nicht einmal den Hauch von gentechnisch veränderten Pflanzen enthalten, die in der EU noch nicht zugelassen sind. EU-Verbraucherkommissar John Dalli hält dieses Nulltoleranz-Prinzip für zu streng und will künftig einen Schwellenwert von 0,1 Prozent einführen. Aigner stellt sich mit ihrem Veto nicht nur gegen Dalli, sondern riskiert damit auch einen Krach in der schwarz-gelben Koalition, weil FDP und CDU Dallis Vorschlag unterstützen.
Verbraucherschützer zeigen sich empört, sie stehen hinter Aigner. Denn die geplante Lockerung der Regeln hätte weitreichende Konsequenzen für Konsumenten. Sie könnten gentechnisch veränderte Lebensmittel wie Pflanzenöl aus Raps- oder Maissorten untergeschoben bekommen, die bislang in der EU grundsätzlich verboten waren. Aber vor allem: Sie würden das noch nicht einmal erfahren, weil eine Kennzeichnung erst ab 0,9 Prozent vorgeschrieben ist. „Die Verbraucher haben keinen Vorteil, sie tragen nur die Risiken einer solchen Politik“, sagt Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch. Welche Auswirkungen gentechnisch veränderte Lebensmittel auf die Gesundheit hätten, sei völlig unklar. „Es gibt keine unabhängigen Langzeitstudien“, kritisiert er, obwohl Tierversuche gezeigt hätten, dass gentechnisch verändertes Futter Allergien auslösen kann.
Der Druck, die Nulltoleranz-Regel aufzuweichen, kommt aus der Industrie. Vor allem große Agrarkonzerne und Gentechnikhersteller wie Monsanto, Syngenta, BASF und Bayer, aber auch internationale Rohstoffhändler wie Bunge oder Toepfer International sehen sich durch die strengen EU-Regeln benachteiligt. Während Gentech-Pflanzen wie Soja, Mais, Raps und Baumwolle weltweit mittlerweile auf 148 Millionen Hektar angebaut werden, wurden in Deutschland im vergangenen Jahr gerade mal zwei Hektar mit der Gentech-Kartoffel Amflora bepflanzt. Doch nicht nur der Anbau, auch der Import ist begrenzt: Bislang darf ein Großteil der Gentech-Erzeugnisse in Europa gar nicht oder nur eingeschränkt verkauft werden.
Auch die Betreiber von Ölmühlen und andere Lebensmittelhersteller könnten von gelockerten Regeln profitieren. Derzeit müssen sie strenge Qualitätskontrollen durchführen, um die Produktion sauber zu halten. Kommt es trotzdem zu einer Panne, kann dies viel Geld kosten. So mussten Reisproduzenten in Deutschland vor einigen Jahren Waren im Wert von mehreren Millionen Euro aus dem Handel nehmen, weil sie geringe Spuren von Gentech-Reis enthielten.
Von einem Aus für die Nulltoleranz würde allein die Agrarindustrie profitieren, warnt Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sie sieht in Dallis Vorschlag ein fatales Signal. „Wenn Händler von Agrarrohstoffen wissen, dass die Regeln gelockert sind, schafft dies auch Anreize, schlampiger zu arbeiten.“ Die Umweltschützerin hofft, dass das Veto der Verbraucherministerin den Vorschlag aus Brüssel zum Scheitern bringt. „Aigners Stimme hat Gewicht unter den anderen Mitgliedsländern.“
Innerhalb der Bundesregierung wächst jedoch der Druck auf Aigner einzulenken. Die FDP hatte schon mehrmals deutlich gemacht, dass sie das Anliegen unterstützt. Der derzeitige Zustand sei „untragbar“, sagte die ernährungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christel Happach-Kasan, am Montag. Denn weltweit würden immer mehr Gentech-Pflanzen zum Anbau zugelassen, in Europa dagegen sei das Zulassungsverfahren sehr zeitaufwendig. Happach-Kasan hält es für „nahezu unvermeidbar“, dass sich beispielsweise in Lagerhallen, Tanks oder auf Schiffen auch mal ein paar Körner von in der EU noch nicht zugelassenen Gentech-Pflanzen unter die Ladung mischen. „Solche Beimengungen mindern die Qualität der Produkte in keiner Weise“, sagte sie – zumal die Pflanzen nach den Plänen von Dalli zumindest in ihrem Herkunftsland zugelassen sein müssen. Dennoch müsse betroffene Ware komplett zurückgerufen werden. Dadurch entstünden enorme Kosten, die nicht zuletzt der Verbraucher trage.
„Mit ihrer Haltung verstößt Frau Aigner klar gegen die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag“, sagte Happach-Kasan. „Es geht hier nicht um die Abwehr gesundheitlicher Gefahren, sondern um pure Ideologie.“ Union und FDP hatten im Koalitionsvertrag die Biotechnologie als „wichtige Zukunftsbranche“ eingestuft. Man wolle die „verantwortbaren Potenziale der grünen Gentechnik nutzen“ und „für effiziente Zulassungsverfahren von gentechnisch veränderten Organismen auf EU-Ebene“ eintreten. Anders als die FDP oder auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat Aigner bislang allerdings eher gebremst, wenn es um Gentechnik ging – unter anderem, indem sie 2009 ein Anbauverbot für die Maissorte Mon 810 aussprach, die bis dahin die einzige Gentech-Sorte war, die in Europa für den kommerziellen Anbau zugelassen war.
Auch jetzt tritt Aigner wieder auf die Bremse. „0,0 Prozent soll 0,0 Prozent bleiben“, sagte ihr Sprecher am Montag. Dallis Vorstoß würde dem Ziel der Transparenz widersprechen und „den Verbrauchern, die Gentechnik mehrheitlich ablehnen, die Wahlfreiheit nehmen“.
Gentechnik , nein danke: Umweltaktivisten warfen Ministerin Ilse Aigner auf der Grünen Woche die umstrittene Kartoffel Amflora vor die Füße. P. Langrock/laif
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KASTEN
Grenzwerte in Europa
– Lebensmittel müssen nicht gekennzeichnet werden, wenn sie höchstens 0,9 Prozent an gentechnisch veränderten Organismen (GVO) enthalten, die in der EU zugelassen sind.
– Enthalten sie nur den Hauch von GVO, die in der EU nicht zugelassen sind, müssen sie vom Markt. Das soll sich ändern: EU-Verbraucherkommissar John Dalli will einen Toleranzwert von 0,1 Prozent einführen, wie es ihn seit 2011 für Futtermittel gibt.
– Mit dem Siegel „Ohne Gentechnik“ versprechen Hersteller, dass etwa die verarbeitete Milch oder Wurst nur von Tieren stammt, deren Futter zu 100 Prozent gentechnikfrei war.

