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Dude schrieb am 24.11.2010 um 08:58
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Der deutsche Chemieriese Bayer AG steht erneut unter Beschuss, Chemikalien auf den Markt gebracht zu haben, die allem Anschein alarmierende Nebenwirkungen zeigen. Schon früher hatten amerikanische und deutsche Behörden untersucht, ob »Poncho«, das meistverkaufte Pestizid von Bayer CropScience, für den Tod ganzer Bienenvölker mitverantwortlich war. Jetzt gehen niederländische Wissenschaftler den Ursachen des plötzlichen Rückgangs des Vogelbestands in Europa nach. Verdächtigt wird vor allem eine neu entwickelte Art von »systemischen« Insektiziden, die Neonicotinoide. Führender Hersteller ist Bayer CropScience, ein Teilkonzern der Bayer AG, der auch die GVO von Bayer produziert.

Studien, die bei Experimental Toxicology Services in der niederländischen Stadt Zutphen durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass Neonicotinoide, eine vergleichsweise neue Klasse von Insektiziden, möglicherweise das weitverbreitete Sterben von Vögeln und Insekten verursacht. Wenn dies zutrifft, so bedeutete es eine Katastrophe, nicht nur für Vogelliebhaber. In ganz Europa beobachtet man seit einigen Jahren einen dramatischen Rückgang des Vogelbestands. Bei einigen Vogelarten ist dieser Rückgang besonders dramatisch, so beispielsweise bei Spatz, Mauersegler und Star. Seit 1977 ist der Bestand an Spatzen in England um 68 Prozent zurückgegangen. Die Anzahl der Mauersegler sank seit 1994 um 41 Prozent, die der Stare um 26 Prozent. Ähnlich sieht es bei Wald- und Ackervögeln aus. (1)

Leiter der Studie in Zutphen ist Hank Tennekes, der gerade ein Buch mit dem Titel The Systemic Insecticides: A Disaster in the Making [zu Deutsch etwa: Systemische Insektizide: eine Katastrophe im Entstehen] veröffentlicht hat. Darin kommt er unter Berücksichtigung aller wissenschaftlichen Beweise zu dem Schluss, dass Neonicotinoide eine Katastrophe für die Welt der Insekten bedeuten – und diese werde eine Kettenreaktion bei vielen Vogelarten auslösen.

Tennekes schreibt: »Die Beweise zeigen, dass sich die Vogelarten, bei denen seit den 1990er-Jahren ein drastischer Rückgang zu verzeichnen ist, hauptsächlich von Insekten ernähren.« Erglaubt, dass die Insekten dezimiert werden und deswegen den Vogelarten, die von Insekten leben, die Nahrung ausgeht. Die Bayer AG und andere Pestizidhersteller hatten in den 1990er-Jahren eine revolutionäre Klasse von chemischen Insektiziden, die Neonicotinoide, eingeführt. Als Erste wurden die Imker auf ein Problem aufmerksam, als ihre Bienenvölker aus den Bienenstöcken verschwanden und eingingen; das Phänomen wurde als Colony Collapse Disorder (CCD) [zu deutsch etwa: Völkerkollaps] bekannt.

Die ersten Fälle wurden 1994 aus Frankreich gemeldet, doch bald trat das Phänomen in ganz Europa auf, ab 2006 erreichte CCD auch die USA. 2006 bis 2009 berichtete ein Drittel der amerikanischen Imker über CCD-Fälle. Abgesehen vom Einkommensverlust für die Imker ist das Ganze höchst besorgniserregend, denn Bienen zählen zu den wichtigsten Bestäubern, und 35 Prozent aller Feldfrüchte brauchen Bestäuber. (2)

Nicht nur die westliche Welt ist betroffen: In China hat der Mangel an Bienen so ernste Ausmaße angenommen, dass die Bauern in einigen Regionen bereits dazu übergehen, ihre Feldfrüchte von Hand zu bestäuben.



Wissenschaft, die man mit Geld kaufen kann

Über dieses Thema wird viel gestritten, von Mobiltelefonen bis zu gentechnisch veränderten Feldfrüchten wird so ziemlich alles verantwortlich gemacht. Am häufigsten genannt werden Parasiten, Virus- und Pilzinfektionen sowie Insektizide.

In einer neuen Studie aus den USA heißt es nun, das Phänomen des CCD-Bienensterbens werde durch das Zusammenwirken zwischen einem sogenannten Invetrebraten-Iridovirs und einem Pilz namens Nosema Apis verursacht. Träfe dies zu, so wäre die Bayer AG aus dem Schneider, denn deren Pestizid »Poncho«, das dem Unternehmen Milliardengewinne einbringt, war als mutmaßlicher Verursacher des Völkersterbens oder CCD unter Beschuss geraten. Wie ich schon 2009 geschrieben habe, wird Clothianidin, der chemische Wirkstoff in »Poncho« von Bayer, an Saatgut für Mais, Zuckerrüben und Sorghum angelagert, um es vor Schädlingen zu schützen. Das Nervengift, das für Bienen giftig sein kann, gelangt in alle Teile der Pflanze, die sich aus dem ummantelten Saatgut entwickelt. 1999 haben französische Behörden die Verwendung eines Vorläufers von »Poncho« verboten und anschließend auch Clothianidin nicht zugelassen. Wie französische Wissenschaftler herausfanden, erwiesen sich die Bienen als weit anfälliger für die Pestizide, als Studien von Bayer CropScience ergeben hatten.

Jetzt, wo die amerikanische Studie, die »Poncho« von Bayer und andere systemische Pestizide scheinbar entlastet, veröffentlicht ist, kommt ans Licht, dass der Leiter der Studie, Jerry Broemenshenk, von Bayer CropScience ein Stipendium für Untersuchungen über die Bestäubung durch Bienen erhalten hat. Bayer CropScience zählt, wie bereits erwähnt, zu den führenden Herstellern von Neonicotinoid-Insektiziden.

Laut Jeroen van der Sluijs von der niederländischen Universität Utrecht ist Bromenshenk in seiner Studie auch nicht den richtigen Fragen nachgegangen: »Frühere Forschungen haben ergeben, dass der Kontakt mit Neonicotinoiden die Bienenvölker anfälliger für Infektionen durch den Nosema-Pilz und Viren machte.« (3)

Laut Tennekes sind »Neonicotinoide deshalb revolutionär, weil sie in das Saatgut eingebracht werden und, da sie wasserlöslich sind, die gesamte Pflanze durchdringen (aus diesem Grund werden sie als systemische Insektizide bezeichnet). Jedes Insekt, das auf der Pflanze etwas zu sich nimmt, stirbt.«

Schon niedrige Dosen können tödlich sein. Neuere Forschungen, die im Labor an Honigbienen durchgeführt wurden, haben ergeben, dass sich diese Insektizide im Zentralnervensystem der Insekten anreichern, sodass selbst geringe Dosen über einen längeren Zeitraum tödlich wirken können. Der Grund dafür, dass Neonicotinoide so eine starke Langzeitwirkung haben können, liegt in ihrer Wirkungsweise – sie lagern sich irreversibel an Rezeptoren im Zentralnervensystem von Insekten an. Noch viel beunruhigender ist laut Tennekens, dass Neonicotinoide weit über die behandelten Pflanzen hinaus wirken können. »Neonicotinoide sind wasserlöslich und können im Erdreich wandern. Sie können aus dem Boden ausgewaschen werden und ins Oberflächen- und Grundwasser gelangen – was wir in den Niederlanden seit 2004 beobachten. Deshalb werden Neonicotinoide wahrscheinlich auch von Wildpflanzen aufgenommen und breiten sich so in der ganzen Natur aus, wo sie Nichtziel-Insekten irreversibel schädigen.« (4)



Agrarwissenschaftliche Versuche in Italien

In Italien hat ein Team von neun Agrarwissenschaftlern ähnliche Versuche an Pflanzen durchgeführt, die zuvor mit Neonicotinoiden besprüht worden waren. Unter bestimmten Bedingungen bilden sich auf den Blättern von Maispflanzen, die mit dem Pestizid behandelt wurden, Kondensate von Wassertropfen. Wie die Forscher herausfanden, enthielten die »Guttations«-Tropfen bei Mais aus mit Neonicotinoiden behandeltem Saatgut so viel Pestizid, dass Bienen geschädigt wurden. Die Forscher hatten kommerzielles Saatgut verwendet, das mit drei verschiedenen systemischen Pestiziden (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidan) und einem nicht-systemischen Pestizid behandelt worden war. Das Saatgut war vom Hersteller bereits mit dem jeweiligen Pestizid (»Fipronil«) behandelt worden, es wurde gebrauchsfertig verkauft. (5) Unter dem Handelsnamen »Secur System« vermarktet Bayer eine Produktserie, die das Neonicotinoid Imidacloprid enthält. (6)

Die Bienen wurden von dem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal tranken, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Symptome zeigt, ständig überwacht und gemessen. Beobachtet wurden eine Wölbung des Bauchs und eine Lähmung der Flügel. Frühere Forschungen hatten ergeben, dass die Lähmung der Flügel nicht reversibel ist, man ging also davon aus, dass die Bienen sterben würden, sobald sie auftrat. Die Ergebnisse zeigten, dass die in den Tropfen enthaltene Menge aller drei systemischen Pestizide ausreichte, um eine tödliche Flügellähmung hervorzurufen. Das nicht-systemische »Fipronil« wurde in den Guttationstropfen nicht gefunden. Weiterhin stellten die Forscher fest, dass sich eine nicht-letale Dosis verbreitet und an die sich entwickelnden Larven weitergegeben werden kann – ein Resultat mit ernsthaften Folgen für das Weiterleben der Bienenvölker. Dosen von Gift, die einen erwachsenen Organismus nicht töten, können dennoch die Entwicklung der Larven beeinträchtigen, so betonten die Forscher. (7)

In Deutschland, Italien und Slowenien wurde im Jahr 2008 die Verwendung von zwei Arten von Neonicotinoid-Insektiziden bei Mais verboten. In Frankreich gilt seit 1999 ein Verbot für ein Neonicotinoid-Insektizid, das zuvor für Sonnenblumensamen verwendet worden war. Laut Tennekes besteht die einzige Lösung in einem weltweiten Verbot: »Neonicotinoide wirken wie chemische Karzinogene, für die es keine sicheren Grenzwerte gibt. Wir müssen schnell handeln und diese Wirkstoffe verbieten, wenn wir eine Katastrophe verhindern wollen.« (8)

Monsantos meistverkauftes Produkt »Roundup«, das Glyphosate und andere Chemikalien enthält, schädigt nachweislich menschliche fetale Zellen schon in geringen Dosen. Wie sich jetzt zeigt, töten systemische Insektizide von Bayer, die Neonicotinoide enthalten, nicht nur Bienen, sondern indirekt auch Vögel in großer Zahl. Bevor wir uns in einem kahlen Ödland wiederfinden, sollten wir vielleicht unabhängige und grundlegende Langzeitstudien über diese Wirkungen anstellen, bevor solche Gifte weiterhin zugelassen werden. »Unabhängig« bedeutet dabei, dass weder die Studien noch die Forscher aus Mitteln der Industrie bezahlt werden – falls so etwas heute, wo überall an Universitäten und staatlichen Forschungseinrichtungen mit Geld von Unternehmen geforscht wird, überhaupt möglich ist.

__________

Quellen:

(1) Kate Ravilious: »None flew over the cuckoo's nest: A world without birds«, in: The Independent, 15. November 2010.
(2) Ebenda.
(3) Ebenda.
(4) Ebenda.
(5) V. Girolami, L. Mazzon, A. Squartini, N. Mori, M. Marzaro, A. Di Bernardo, M. Greatti, C. Giorio, A. Tapparo: »Translocation of neonicotinoid insecticides from coated seeds to seedling guttation drops: A novel way of intoxication for bees«, in: Journal of Economic Entomology, 102(5): 1808–1815; 2009.
(6) Bayer-CropSciences-Website
(7) Ebenda.
(8) Kate Ravilious, a.a.O.

BU:
Keine Bienen und Vögel mehr?
Ist Bayer für das alarmierende Bienen- und Vogelsterben verantwortlich?
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/f-william-engdahl/bayer-ag-und-vogelsterben.html
    Dagmar Kropp schrieb am 24.11.2010 um 10:00
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    Es ist erschütternd, von diesen Zusammenhängen zu hören.
    Was kann der Einzelne nun unternehmen? Wie kann ich helfen, dem gegenzusteuern?

    Dude schrieb am 24.11.2010 um 10:28
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    Ich weiß auch nicht so recht, was man tun kann. Vielleicht eine Anfrage an die lokalen Saatgutlieferanten stellen, ob sie ihr Saatgut mit einem der beschriebenen Mittel behandeln.


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