Immer mehr Leute fahren im Alltag Rad: zur Arbeit, in die Schule, in die Universität - die Strecken liegen typischerweise zwischen 3 und 10km. Dennoch haben viele dieser Alltagsradler Schwellenängste, sich auch mal auf große Fahrradtouren über längere Distanzen, vielleicht sogar über mehrere Tage zu begeben. Hinter diesen Schwellenängsten stecken im Wesentlichen vier Fragestellungen:
1) Reicht meine körperliche Fitness für solche Strecken aus?
2) Halten mein Gesäß, meine Schultern und Handgelenke diese ungewohnten Beanspruchungen durch?
3) Komme ich erfolgreich mit der Orientierung und Navigation außerhalb meines
heimischen Fahrradreviers zurecht?
4) Kann ich mir unterwegs im Pannenfall selbst helfen?
Aus der Verschiedenartigkeit dieser vier Fragestellungen lässt sich sofort ableiten, dass es wenig Sinn macht, wenn man seine Langstreckentauglichkeit im Selbstversuch auf sich allein gestellt "erfahren" will, denn dann stresst man sich mit allen vier Fragestellungen gleichzeitig und flüchtet sich erfahrungsgemäß in "Aufschieberitis". Viel einfacher lassen sich die ersten Erfahrungen über den eigenen "Normalradius" hinaus machen, wenn man sich einer geeigneten Gruppe anschließt und einige Grundregeln beachtet:
a) Viele lokale ADFC-Gruppen bieten ein vielseitiges Fahrradtourenprogramm für die verschiedensten Ansprüche und Leistungsvermögen an (siehe z. B. www.adfc-bremen.de/touren/radtourenkalender.html ). Wer sich hier zunächst den kurzen und einfachen Touren anschließt und sich dann langsam steigert, geht kein Risiko ein: Der Tourenleiter sorgt für die Navigation, und für die Behebung kleinerer Pannen gibt es innerhalb der Gruppe auch den sicheren Rückhalt.
b) Ein ebenso problemloser Einstieg ist über organisierte Fahrradurlaube möglich. Auch hier ist die Vielfalt groß genug, um sich entsprechend der eigenen Vorstellungen das richtige Angebot herauszusuchen. Der Reiseveranstalter sorgt in der Regel für die Navigation und bei Bedarf auch für Pannenunterstützung. Vielfach steht sogar ein "Besenwagen" im Hintergrund bereit.
c) Oftmals bieten sich auch im Freundeskreis ambitionierte Fahrradfahrer an, die einen Anfänger gern beraten, auf den ersten Strecken auch rücksichtsvoll begleiten und liebend gerne ihre Praxistipps weitergeben. Wer im eigenen Freundeskreis keine geeigneten Begleiter findet, kann sich auch im Internet umschauen, hier auf Utopia unter www.utopia.de/gruppen/fahrradfahren-135/forum/2715 oder z. B. auch beim ADFC unter www.adfc.de/mitradelzentrale/adfc-mitradelzentrale .
d) Ob in einer Gruppe oder allein: Das Herantasten an längere Strecken ist dann erfolgreich, wenn man sich konditionell nicht überfordert. Wer ein gemütliches Tempo einschlägt, bei dem die Pulsfrequenz nur leicht gegenüber dem Ruhepuls erhöht ist, wird erstaunt sein über seine Reichweite, selbst wenn die körperliche Grundfitness noch nicht besonders trainiert ist. Wer dagegen gleich den Kampf mit Hügeln und/oder deutlichem Gegenwind aufnimmt, wird schon nach relativ kurzen Strecken die Lust verlieren und fortan von sich behaupten, er sei nicht langstreckentauglich.
e) Viel eher als konditionelle Probleme sind es jedoch Probleme mit Gesäß, Handgelenken, Schultern und Nacken, die ein Anfänger zunächst als Reichweitengrenze für sich "erfährt". Der Grund ist natürlich die ungewohnte Beanspruchung, aber entscheidender ist hier oft eine ungünstige technische Ausstattung des Fahrrades, besonders wenn man es "von der Stange" weg so fährt, wie man es gekauft hat.
Viele Fahrräder sind standardmäßig mit Sätteln ausgestattet, die Langstreckenfahrten schnell zur Tortur werden lassen. Dummerweise gibt es nicht "den" Sattel, mit dem jeder glücklich wird, sondern der ideale Sattel für das eigene Hinterteil muss üblicherweise durch Versuch und Irrtum herausgefunden werden - nur mal kurz draufsetzen ist dafür nicht die richtige Methode. Seriöse Fahrradläden nehmen daher auch anstandslos Sättel zurück, die über ein ganzes Wochenende probegefahren wurden, wenn sie keine sichtbaren Beschädigungen davongetragen haben.
Wahre Wunder helfen auch ergonomische Handgriffe, die man üblicherweise auch nachrüsten muss. Sie bieten dem Handballen eine größere Auflagefläche und verschiedene Möglichkeiten zum "Umfassen", um einseitige Beanspruchungen von Muskeln und Sehnen zu vermeiden.
Darüber hinaus sind es auch Position und Neigung von Sattel und Lenker, die oftmals mit geringfügigen Änderungen große Wirkung entfalten. Auch hier gibt es keine harten Regeln, sondern es ist individuelles Ausprobieren angesagt. Da man sich selbst dabei nicht im Spiegel beobachten kann, ist auch hierbei der Rat eines erfahrenen Begleiters hilfreich.
f) Natürlich lassen sich die ersten längeren Fahrradausflüge auch sehr viel entspannter angehen, wenn man sein Fahrrad vorher noch mal einem technischen Check unterzogen und damit die Wahrscheinlichkeit einer Panne unterwegs minimiert hat. Eine gut geölte Kette und optimaler Reifendruck lassen das Fahrrad viel müheloser dahinschnurren, so dass man allein damit schon viele Kilometer mehr Reichweite gewinnt. Wer dann noch in pannensichere Bereifung investiert hat, kann noch ein gutes Stück sorgloser losfahren.
g) Und noch ein letzter Tipp: wer seine erste längere Tour so plant, dass sie immer einigermaßen in Reichweite einer (befahrenen) Bahnstrecke verläuft, kann dann unterwegs auch jederzeit unproblematisch abbrechen und den nächsten Bahnhof für die Rückfahrt ansteuern. Ein schönes Beispiel dafür ist der relativ unbekannte West-Ost-Radweg, dem man über 85km zwischen Hannover und Braunschweig folgen kann und unterwegs Lehrte, Hämelerwald, Vöhrum, Peine und Vechelde zum Etappenziel erklären kann. Mit einer solchen Rückfallebene darf man sich auch gerne "unvernünftig" weite Strecken vornehmen! Der Stolz über eine unerwartete Reichweite lässt dann auch den Muskelkater des nächsten Tages schnell überstehen.
Mit einer guten Kombination aus Strategie, Coaching und Selbstüberlistung kann jede(r) schnell zum Langstreckenradler avancieren, "Suchtgefahr" ist nicht ausgeschlossen. Trau dich!!!!

